Das wird etwas … anderes. Möchte alle vorwarnen die eher meine (düster) humorvollen Texte bevorzugen, die folgenden Zeilen enthalten keiner Humor, nicht den Anflug davon. Das passiert wenn man die dunkelsten Tiefen des Herzens durchsucht um Inspiration in Bildern zu finden die andere um jeden Preis meiden. In diesem Sinne …

Draußen zog die Welt vorbei aber im Inneren stand sie einsam still während die Meilen Stunde um Stunde verrannen. Ich fragte mich, wer diesen Speisewagen wohl eingerichtet hatte, denn er war meiner Ansicht nach einfach nur geschmacklos. Neben jedem Tisch stand eine leuchtende Ballonlampe, die wohl eine Anspielung auf die vornehmen Salons des 19. Jahrhunderts sein sollten, hier und jetzt aber nur kitschig wirkten, ebenso wie die roten Tischdecken, starr vor Schmutz und der blaue Teppich – dieser unsägliche Teppich, der auf tragische Weise Samt imitieren wollte.

Waren die Vorhänge einmal gelb gewesen? Auf jeden Fall hatte die Sonne sie im Laufe der Reisen zu einer unkenntlichen Farbe ausgeblichen. Der strenge Geruch von kaltem Zigarettenrauch und altem Essen stand ebenso dick in der Luft wie die blauen Schwaden frischer Glimmstängel. Hier war die Hölle des Städtereisenden Fleisch geworden – ein atmender Moloch bedient von Dämonen in weißen Schürzen die plumpe Sprüche auf ahnungslose Mädchen prasseln ließen.

Aber sie waren es nicht die mich gerufen hatten, weder die Dämonen noch die Mädchen. Keine geheimen Rituale hatten stattgefunden, keine Mönche in braunen Kutten mit Sandalen von Dr. Scholl an den Füßen boten mir Gewürze aus dem eigenen Garten an. Mein Ziel war die Hauptstadt und dieses Fegefeuer war nur ein Transitpunkt meiner Pilgerfahrt.

Ein gewählter Vertreter, das ist es wohl was ich bin – Jahre schon, ohne Hoffnung auf Erlösung. Der Liebling der Götter, das bin ich wohl auch. Hüte dich vor der Liebe der Götter, hört man die Propheten sagen. Denn diese Liebe führt nur zu endlosen Prüfungen und Pilgerreisen auf staubigen Straßen unter Marmeladebäumen und man mag mir bitte glauben, wenn ich hier sage, dass es diesen Entität völlig egal ist welcher Konfession man sich zugehörig fühlt. Aber das tut im Grunde nichts zur Sache – zumindest die Götter nicht, das mit der Vertretung schon – mehr oder weniger.

Auf der Reise ließ ich meine Gedanken ziehen, sollten sie doch selbst einen Ort suchen an dem sie glücklicher waren. Wohl um mich zu verwirren zogen sie genau vier Jahre zurück. Zu einer Zeit als ich viel mehr war als ein Absolvent irgendeiner Schule – abgeschlossen – von meinem Herzen ganz zu schweigen. Und plötzlich, mitten in dieser Katastrophenzone stand ich in der Liste. Im Rückblick waren das wohl interessante Zeiten obwohl ich mir damals mit Sicherheit in diesem Punkt widersprochen hätte. Oder, wie Rincewind immer sagte – wenn Du in interessanten Zeiten lebst, dann hast Du ein Problem – no worries.

Die Liste von damals sah ich ziemlich genau vor mir. Sie hing a einem Treppenaufgang, neben dem Anschlag eines professionellen Babysitters und der bitte doch etwas mehr für die Austauschstudierenden zu tun. Was konnte wohl falsch daran sein den eigenen Namen auf das weiße Papier zu schreiben? Zu verlieren hatte ich nichts, zumindest nichts was mir gehörte und meine Chancen tatsächlich gewählt zu werden standen nicht besonders gut. Keiner kannte mich, ich trug nur schwarz und redete in Rätseln.

Plötzlich war ich Mitglied des kleinen Kreises, des SEHR kleinen Kreises. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich keine Ahnung hatte was das überhaupt bedeutete, konkret.

Aber ich verliere mich – oder verlor ich mich? Noch saß ich im rollenden Armageddon in Richtung Der Großen Stadt auf einer endlosen Fahrt in einer Reihe von Dienstreisen die mich schon mehrmals durch das Land geführt hatten.

„Namenlos“, sagte mir das unaufdringliche blaue Schild. Ein unaufdringlicher roh verputzter Bahnhof zog vorbei und ich fragte mich wie hier Menschen leben konnten. Aber realistisch gesehen hätten sie wohl dasselbe von meinem Wohnort gesagt. Wie oft hatte ich den Ort, den Bahnhof und das Schild schon gesehen? Ich wagte nicht nachzuzählen, das Ergebnis wäre niederschmetternd gewesen. Eine Sitzung stand mir bevor. Ein Dutzend Menschen die mich nicht sehen wollte die über Themen reden die keiner hören wollte.

Zu kritisch? Egal. Die Sitzung war sowieso nur der offizielle Grund, einer von vielen und nicht der wichtigste. Sie war der Inoffizielle. Kurze, rötliche Haare, zarte Haut und eine Brille – ein Primat mit Wurzeln in zwei Nationen und Bindungen in keiner. Vor einiger Zeit hatte ich mich in sie verliebt und ich begann sie zu leben – mehr zum Leben später an anderer Stelle. Es war eine heftige, lodernde Liebe die mit einem einfachen Gespräch begonnen hatte und nie erloschen war. Niemals hätte ich gedacht, dass das Feuer eines Tages nach außen getragen würde.

Am besten erinnere ich mich an die Nacht im Park. Auch wenn das nahe Pornokino vielleicht nicht der beste Hintergrund war. Scheinbar ziellos führte sie mich durch die Nacht, durch dunkle Gassen, vorbei an Betrunkenen und über Brücken die Wasser so dunkel wie der Fluss Styx waren. Im Park schließlich haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Nichts von dem Geschehenen war geplant gewesen, keine List und kein Trug hatte dahinter gesteckt, nur ehrliche Zuneigung oder … eher vielleicht Verzweiflung?

Sie saß neben mir auf einer Parkbank und blickte mir ihren großen Augen in die Nacht während sie über das Leben sprach, über Liebe und Tod und Gewalt die irgendwo dazwischen lag.   

Plötzlich hatte ich das Verlangen die kleinen Härchen an ihrer Schläfe hinter ihr Ohr zurück zu streichen und wie im Traum tat ich es. Sie schloss ihre Augen und legte ihren Kopf in meine geöffnete Handfläche und da wusste ich es. Schwach, mit zitternder Hand und so sanft wie ich konnte berührte ich ihr Kinn und drehte ihren Kopf zu mir – sie schien es zu wollen.

In diesem Schmetterlingsmoment sahen wir uns an und wir waren andere Menschen, andere Blicke, andere Gefühle. Der Abstand zwischen uns schmolz dahin bis sich unsere Lippen berührten. Sie war kalt und weich. In dem Moment als ihre samtene Zunge die meine leicht streichelte wusste ich, dass sich ein lange unterdrückter Traum für mich erfüllte.

„Ich liebe Dich“, hörte ich mich sagen und meinte eigentlich doch: „Ich lebe dich.“ Sie hatte meine Worte gehört, schwieg aber. Ich hatte es vorher schon gewusst. Ich durfte wie ein Kind in den Garten und einen Apfel nehmen aber der Baum würde mir nie gehören denn sie war ein gebranntes Mädchen, eine Festung die nicht eingenommen werden wollte weil sie die Einsamkeit zu schätzen gelernt hatte. Ebenso wie ich die meine verabscheute.

Kann es sein, dass der Ort der richtige ist, die Menschen die richtigen sind und sogar die Gefühle die richtigen sind und trotzdem die Sterne einfach nicht wollen? Es kümmert Dich nicht, oder?

Die Luft dieser Nacht war nicht kalt gewesen und trotzdem zitterte ihr ganzer Körper, als ich meine Arme um ihren Körper legte und ihr Haar streichelte weil es die einzige Sache war, die sie beruhigen konnte. Später legte sie ihre Beine auf meine Oberschenkel und streckte sich auf der Parkbank aus. Ihre Beine waren glatt und so weiß, dass sie in der Nacht zu leuchten schienen wie Alabasta. Das wollte sie aber nicht hören – vielleicht erinnerten sie diese Worte an Gefühle, die sie längst in einem tiefen Loch vergraben hatte – und sie war es nicht gewohnt etwas Besonderes zu sein – weder für mich, sie selbst oder irgendjemanden.

Zu dieser Stunde wusste ich schon sehr viel über sie und ihr Leben, die schrecklichen Schatten auf ihrer Seele und die Angst noch einmal die Vergangenheit erleben zu müssen. Es würgt mich alleine beim Gedanken daran was sie erlebt hatte, was sie in ihren Träumen verfolgte. Wenn sie in den Spiegel sah, dann sah sie sich nicht selbst, sondern tausendmal eine bleiche Leiche die Leben mit ihren kalten Händen auslöschen konnte. Ich mag mir das Bild nicht näher vorstellen und der Wunsch den Spiegel für sie zu brechen war nur eine Illusion.

Könnt ihr meinen Zorn fühlen? Sie wurde verletzt.

Wisst ihr denn nicht, wie leicht man sie durch ein unbedachtes Wort verletzen konnte, denn die Maske auf ihrem Gesicht trägt sie nur für euch, damit ihr nicht sehen müsst, was sie sieht, damit ihr kein bitteres Mitleid wie Säure versprüht. Warum seid ihr so kalt, gebt ihr Namen ohne sie zu kennen, sprecht über Leben ohne die Dunkelheit zu kennen, sprecht über ihre Wünsche ohne den Spiegel gesehen zu haben.

Am Ende hat sie mich gefragt, wann wir uns wiedersehen würden – eine scheußliche Frage wie sie selber feststellte denn uns trennten unendlich viele Kilometer und namenlose Flüsse. Als ich gehen musste beschlich mich eine schreckliche Ahnung. Sie war wie ein sehr kalter Stein, solange die Wärme in ihrer Nähe war glühte sie, doch wenn sich die Quelle entfernte, dann wurde sie wieder so kalt wie zuvor. Man musste lange in ihrer Nähe sein, um ein Feuer zu wecken, das sie nicht so schnell erkalten ließ.

War ich lange genug  mit ihr zusammen gewesen? Hatten zwei Tage ausgereicht um sie so lange zu wärmen bis wir uns wiedersehen würden? Ich wusste es einfach nicht.

Im Zug erhielt ich eine Nachricht von ihr, ein Tanz im Regen, barfuss, ein Geist Hand in Hand mit ihr, starr vor Angst. Sie wusste nicht, dass Geister nur tanzen wollen, ein Tanz der Erinnerung. Ich hätte es ihr sagen können, tat es aber nicht weil die Erkenntnis ein dreischneidiges Schwert ist – meine Seite, deine Seite und die Wahrheit. Ich hätte ihr meine Seite zeigen können aber niemals die Wahrheit. So ließ ich es beim Lesen und ich musste lächeln. Später lächelte ich nicht mehr so oft.

Wie ich es befürchtet hatte zog sie sich in der Zukunft in ihre Burg zurück und zog die Zugbrücke hoch, denn es ist unmöglich den Stein auf Distanz zu erwärmen.

Bin ich in diesem Punkt unfair? Versucht mich nicht zu verurteilen, solange ihr nicht einen Tag in meinen Schuhen verbracht habt. Vielleicht hättet ihr gleich gehandelt wie ich. Wir sind alle Lügner, Feiglinge und Pharisäer. Heuchler.

So war ihre Reaktion also der Rückzug gewesen und ein rauschendes Gespräch durchs All sagte mir, dass sie alleine sein musste, alleine sein wollte, gezwungen war alleine zu sein. Weinend lachte sie in mein Gesicht, verletzte mich und spürte es nicht einmal. Ihre Angst verwandelte sich in Zorn, ihre Einsamkeit in Frustration und ich erkannte wie ähnlich wir uns waren. Zwei Menschen die sich ins eigene Fleisch schnitten, die ohne zu zögern das Boot zum Kentern brachte in dem sie selbst saßen. Rasierklingen faszinieren uns, nicht der Schmerz ist das Ziel sondern die Haut die sich teilt, das durchschnittene Fleisch und die Reinheit des fließenden Blutes. Vielleicht steche ich mir deshalb Bilder in die Haut, um mich nicht mehr selbst sehen zu müssen, um die Bilder zu werden die ich gerne in mir sehen würde.

Und so schließt sich der Kreis der Erkenntnis langsam. In dem Zug wurde mir wieder klar was ich schon längst wusste. Ich liebe Dich nicht, ich lebe Dich, weil ich selbst kein Leben in mir habe. Ich sauge auf, was du bist, tue Dir weh, versuche Dich zu töten weil ich dazu geboren bin. Sinnlos und kalt, ein Stein. So wie sie, meine menschliche Freundin.

Willst Du mehr wissen? Kannst Du mehr ertragen oder willst du einfach nur glücklich sein? Dein Mitleid will ich nicht, könnte es nicht ertragen, müsste noch einmal sterben wenn Du nur ein inniges Wort an mich richtest.

Also geh oder bleib, mir ist es egal, ich werde einfach erzählen – und wenn ich nur mit der Wand rede ist es mir auch recht, da ich sowieso nicht mit Dir rede. Ich rede über dir, neben dir, vielleicht unter Dir, aber nicht mit Dir. Unsere Gespräche gehen aneinander vorbei. Also geh oder bleib.

Weißt Du was ich tue wenn ich glücklich bin? Dann entwickle ich einen Eifer, den man wohl als Wahnsinn bezeichnen könnte. Plötzlich tue ich alles, um den Menschen zu verletzen, der mich glücklich macht. Das war schon als Kind so. Vielleicht sehne ich mich nach der Rolle des Märtyrers, sehne mich nach der Opferrolle, a casualty. Ich genieße es und hasse es. Es bestärkt mich darin, dass nicht ich sondern die Welt schlecht ist, dass ich im Grunde nichts für den Untergang kann den ich bringe, durchmache, durchlebe und schließlich daran zu Grunde gehen.

Willst Du mehr wissen? Noch mehr von meiner Dunkelheit? Wenn ich im Zug sitze, dann bin ich nicht mit Euch dort, sondern nur mit mir. Ihr seid mir nichts wert, der Respekt ist nur eine Hülle. Oder sage ich das nur, damit Du endlich gehst? Damit ich wieder alleine bin und die Gewissheit habe, dass Du gar nichts von mir wissen willst. Ein sonderbar schöner Gedanke.

Und so komme ich wieder zu diesem Mädchen zurück, denn diesmal war nicht ich es, der den Tod brachte, war nicht ich der Engel mit dem Flammenschwert sondern sie. Eine neue Erfahrung, zu sehen wie es ist, wenn man einmal so behandelt wird wie ich normalerweise die Menschen um mich herum behandle. Und doch kann ich nicht aus, bin gefangen in mir selbst, meinem Verhalten und meinen Gewohnheiten.

Wenn Du mich wirklich so sehen willst wie ich bin, dann sie mich als Pilger. Als der alte Mann, der, in eine schwarze Kutte gehüllt, eines Abends den schmalen Pfad zu deinem sicheren Dorf hinaufgewandert kommt. Den Fremden, denn alle mit Vorsicht behandeln, weil man nicht weiß, was seine Ziele sind. Ich humple, aber nicht mein Bein ist verkrüppelt sondern meine Seele. Von außen kann man es kaum sehen, nur mit sehr guten Augen. Die Katzen sind die einzigen die mich mögen, sie verstehen mich, sind Raubtiere wie ich, nur, dass sich in meinen Augen nicht das Licht spiegelt sondern Deine Seele, denn ich lebe Dich, wie ein Parasit. Ich höre dir zu und mache Dein Leben zu meinem, verschlucke und verdaue es bis ich es eines Tages ausspucke, nackt und offen, mitten auf der Strasse, für alle sichtbar. Also weich mir lieber aus, vermeide meinen Blick, denn vielleicht, nur vielleicht, siehst Du in mir einen Teil Deiner selbst und das könntest Du nicht ertragen, selbst ich kann es kaum.

Und der Pilger zieht weiter, gestützt auf seinen Haselnussstock.

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