Was ist Glück? Diese Frage ging vor kurzem bei ein paar Twitterern um und rumort seit dem in meinem Kopf wie ein unfertiger Traum. Vielleicht ist es die gänzlich falsche Frage an den völlig falschen Mann zu einem schrecklich schlechten Zeitpunkt. Mein Gehirn ist wie die meisten Gehirne eine Relativierungsmaschine, alles was ich erlebte muss zuerst durch den Filter meines momentanen Zustandes, auch Fragen und die Antworten darauf. Frag mich was Glück ist an einem hellen Sonnentag an dem die Vögel singen und die Menschen um mich herum lachend durch den Park spazieren kriegst du eine andere Antwort als wenn du mich um 1 Uhr nachts im Winter auf einer nebeligen Seitenstraße des Herzens genau dasselbe fragst.

Glück ist wirklich was Komisches weil es zum Leben weder zwingend notwendig noch zu allen Zeiten, allen Kulturen oder gesellschaftlichen Schichten als relevant angesehen wurde. Tatsächlich bin ich versucht all die üblichen Klischees, passend zu meiner Stimmung, um mich zu werfen wie ein irre gewordener Golem die Menschen der Stadt aber ich halte mich zurück. Beinahe. Glück ist, aus der Sicht des Zynikers, das, wovon man in der Regel wenig bis gar nichts hat. Für den Hungrigen ist ein Bissen Brot Glück, für den Reichen ein Liebesurlaub mit seinen Gespielinnen auf Mykonos, für den Durstigen das Glas Wasser, für den Studenten die bestandene Prüfung. Ich kenne jemanden mit einer schweren chronische Krankheit. Sie hat jeden Tag ziemliche Schmerzen, Rund um die Uhr. Für sie ist Glück wenn der Schmerz ab und zu etwas weniger wird. Aber für die meisten Menschen ist es so, dass, wenn sie mal jenes Gut erworben haben, welches sie für Glück hielten, es irgendwie nach Asche schmeckt, ein fahler Sieg der kaum der Rede wert scheint und Glück muss re-definiert werden, immer und immer wieder. Sollte nicht das ein Zeichen dafür sein, dass Glück vielleicht die relativste Sache auf der ganzen Welt ist?

Dennoch suchen wir danach, sofern wir Zeit  haben. Für den unfreien Bauern der todmüde ins Bett fiel und nur die Arbeit des nächsten Tages vor sich sehen konnte, wären die Glücksritter wahrlich lächerliche Gestalten, so wie der Mann in der Midlife-Crisis der trotz der liebenden Frau daheim auf Biegen und Brechen eine andere will. Mehr von uns als je wären bereit  es zuzugeben sind schon in jungen Jahren in ihrem Inneren solche mit Fettpolstern bewährte, ergrauende, erkahlende ewig Hungrige und auf der Jagd nach dem was sie längst haben. Lächerlich. Und doch glotzt mir dasselbe Antlitz jeden Tag aus dem Spiegel entgegen. An dieser Stelle muss gesagt werden: Ich jage dem Glück auch hinterher. Ich bejammere mich wenn ich es grad nicht spüre, ich nehme es gleichgültig hin wenn es mal da ist und ich komme manchmal auf Gedanken wie: Glück ist, wenn mir das Leben mal keinen Leberhaken verpasst obwohl ich nicht aufgepasst habe.

Vielleicht komme ich dem Glück etwas näher, wenn ich aufhöre es als Objekt, als Ding das man erreichen, ergreifen kann zu sehen und Glück vielmehr als Zustand betrachte. Die Psychologie kennt hier den Begriff des Flow. Könnte das Glück sein? Alles beginnt zu fließen, jede Bewegung sitzt, ich weiß dass ich in dem, was ich gerade mache, gut bin und ein gewisses Gefühl der Unendlichkeit stellt sich ein. Zeit verliert an Bedeutung. Raum verliert an Bedeutung. Selbst das Gefühl, dass es gleich wieder vorbei sein könnte – es verschwindet spurlos.

Ja, das ist wahrscheinlich Glück und man kann es nicht erzwingen oder kaufen. Wenn ich meine letzten Worte noch einmal im Geiste verwehen lasse muss ich sogar sagen: Glück kann man nicht besitzen. Sobald ich etwas besitze habe ich auch etwas zu verlieren und ich beginne über den potentielle Verlust nachzudenken – das ist keine Schande und absolut menschlich denn, sofern man kein Mönch mit jahrelanger Erfahrung in Askese und Transzendenz ist, kommt die Angst vor dem Verlust des geliebten Objektes ganz von selbst. Aber genau diese Angst verdirbt das Glück, sie verdunkelt den Blick, schickt Nebel durch den Verstand und wenn man nicht übermenschliche Vorsicht walten lässt überwiegt die Angst vor dem Verlust sehr bald alle positiven Aspekte die es jemals hatte das Objekt zu besitzen. Vielleicht sind eifersüchtige Menschen deshalb in Beziehungen (fast) nie glücklich, egal wie sehr der Partner sie liebt. Muss einer der ganz großen Lacher sein, dass jene Sache, die uns das größte Glück versprach, uns am Ende den größten Schmerz bereitet – die Angst vor dem Verlust. Und „Nein“, der Verlust selbst ist nicht annähernd der Schmerz wie die Angst vor dem Verlust.

Glück ist also in einem Zustand zu sein, ohne diesen zu besitzen oder kontrollieren zu können. Liebe, das kann Glück sein. Manchmal, wenn ich früher mit meinen Freunden am See saß – die Wellen plätscherten auf die Steine, im mitgebrachten Kassettenspieler lief unser Lieblingslied, die Sonne ging unter und sprühte Farben auf die Welt wie auf eine Geburtstagstorte – das war Glück. Wenn ich heute in eine Bar gehe ist das kein Glück. Alles ist käuflich – die Getränke, das Ambiente, selbst die Freunde wenn man genug Geld auszugeben bereit ist. Das ist kein Glück. Macht der Vergleich Sinn?

Trotzdem suche ich manchmal auch in den Bars das Glück. Wie in der schönen weil pragmatischen Definition von Wahnsinn: Dasselbe auf die gleiche Weise immer wieder versuchen und dabei ein anderes Ergebnis erwarten

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