Archive for Februar, 2011


Twitter ist eine komische Welt. Man trifft all diese fantastischen Menschen mit denen man sich sofort super versteht und die dasselbe zu denken scheinen wie man selbst. Unglaublich viel Zeit wird mit zusammen verbracht, manchmal ganze Nächte und man kann sich nicht vorstellen, dass das irgendwann aufhört. Dann trifft man noch mehr Menschen, gerät in neue Gespräche, neue Kreise tun sich auf. Und plötzlich wird etwas anders. Man hört von den Freunden der ersten Stunde nicht mehr so viel, die gemeinsamen Nächte werden weniger und plötzlich sind sie weg. Zuerst fällt man aus den Listen, dann das unvermeidliche „unfollow“. Das ist ein Moment in dem man innehält und sich überlegt was passiert ist. Man schaut auf deren Kanälen nach. Prüft die eigenen Tweets. Es macht irgendwie keinen Sinn. Wie kann das so schnell passieren – von Fremden zu Freunden und zurück zu Fremden?

Twitter ist manchmal ein wenig wie Leben im Zeitraffer. Das Internet macht es möglich. Man lebt unglaublich schnell und intensiv, sagt Dinge die man sich im echten Leben sie sagen traut, trifft Menschen die man sonst nie kennengelernt hätte. Aber das geht jedem so, alle in Twitter leben schnell, nicht nur ich oder du. Man trifft ehe man sich versieht schon wieder jemanden der das Potential hätte der beste Freund oder die beste Freundin zu werden. Und genauso wie im echten Leben können Freundschaften auf wieder auseinanderfallen wie Sandburgen wenn die ersten Wellen sie umspielen. Nur schneller. Viel schneller.

Natürlich muss das nicht jeder Twitterbekanntschaft so gehen, manche sind vielleicht wirklich für die Ewigkeit. Aber mal Hand aufs Herz, wer hat nicht schon Leute in Twitter verloren die ihm oder ihr unglaublich wichtig waren?

Mich macht das immer nachdenklich und auch traurig, vor allem wenn es Leute sind deren Tweets man immer noch gerne liest und von denen man möchte, dass sie auch die eigenen Tweets noch lesen … was sie ja nach dem Entfolgen nicht mehr tun. Ein kleines Stück von mir selbst treibt dann auch immer weg denn die wunderbaren Momente waren echt, keine Illusion, nicht eingebildet. Was auch immer manche Sozialpsychologen sagen, man kann wirkliche Freundschaftsbande knüpfen in diesen Portalen.

Vor kurzem ist mir wieder jemand entfolgt der mir mal sehr wichtig war, ein Follower der ersten Stunde sozusagen. Hätte man mir vor zwei Monaten gesagt, dass diese Person mal nicht mehr Bestandteil meines Lebens sein würde hätte ich nur gelacht. Heute weiß ich es besser.

Aber genug des Jammerns. Was kann man tun? Die einfachste Lösung wäre auch zu entfolgen, ein kurzer, scharfer Schnitt und weg mit der Vergangenheit. Halte ich aber für keine gute Lösung. Sicher, im ersten Moment ist der Druck auf den entsprechenden Knopf verlockend, „Auge um Auge“ sozusagen. Aber das ist doch wirklich etwas primitiv. Auch wenn das jetzt komisch klingt gebe ich offen zu, dass ich noch nie jemandem entfolgt bin mit dem ich schon ein Gespräch in Twitter geführt habe, auch nicht wenn diese Person mir irgendwann entfolgt sein sollte. Natürlich lese ich die Tweets nicht mehr so aufmerksam aber es hatte mal einen Grund, dass ich dem Kanal beigetreten bin und bisher gab es nie einen schwerwiegenderen Grund der die Rückgängigmachung dieses Schrittes erfordert hätte. Im Gegenteil, ich lese gerne was die Leute schreiben, auch jene die meine Tweets nicht mehr so gut finden wie früher vielleicht.

Deshalb möchte ich an diesem Freitag ein Glas für all jene verlorenen Freunde erheben mit denen ich in Twitter so manche schöne Stunde verbracht habe. In meiner TL ist immer Platz für euch und in meinem Herzen sowieso. Vielleicht sieht man sich ja eines schönen Follower-Fridays wieder.

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Ich bin der ganzen Guttenberg Tweets langsam so was von überdrüssig und kann der Meinung von Linny in ihrem Blog, die mich eigentlich dazu inspiriert hat hier was zu schreiben, nur beipflichten. Wer ihren wunderbaren Artikel lesen will kann das unter diesem Link tun: Linnys Meinung

Mit persönlich war Guttenberg aus verschiedenen Gründen nie so wirklich sympathisch. Er wirkt zu glatt, seine Gestik, Mimik und Artikulation zu einstudiert. Wer seinen Hintergrund kennt weiß, dass er von Kindesbeinen an auf eine Position im öffentlichen Leben getrimmt worden war – von einer äußerst ehrgeizigen Familie. Er wurde von sich selbst, den Medien und den Menschen zum perfekten Politiker hochstilisiert, zum Beliebtesten, zum Superstar in einer Riege die eigentlich sonst eher mit Misstrauen beäugt wurde. Und was gefällt den Menschen besser als einen Superstar fallen zu sehen? Natürlich – selber mal drauftreten zu können wenn er am Boden liegt. Ich denke das ist leider ein Zug der im Menschen irgendwo drin ist und Deutschland hat ja sogar international ein wenig den Ruf die eigenen Superstars am dreckigsten zu behandeln wenn sie fallen. Zu Unrecht? Ich weiß es nicht. Dennoch werde ich im Folgenden mal versuchen meine Gedanken zu dem Thema zu verschriftlichen.

Es ist unbestritten: Guttenberg hat einen Fehler gemacht, einen Großen, einen der eine wissenschaftliche Karriere auf jeden Fall versenken würde. Dass dies nicht ohne Reaktion der Öffentlichkeit von der Bühne gehen wird war klar – sowohl ihm als auch uns. Mich stört nicht, dass es eine Reaktion gibt sondern die Art und Weise derselben. Was im Moment passiert hat jede Verhältnismäßigkeit verloren. Die ersten 10 Tweets zum Thema waren ja noch lustig, die folgende 100 gerade so erträglich aber die nächste 1000 sind einfach nur noch peinlich und zwar für die Verfasser. Ich habe Tweets gesehen in denen Guttenberg in einem Satz mit Hitler oder der NPD genannt wird – absolut geschmack- und niveaulos auf welchem Level sich die Diskussion mittlerweile befindet.  

Mir kommen die meisten Akteure in diesem Twitter-Drama ein wenig wie kleine Kinder vor, die einfach nicht wissen wann Schluss ist. Habt ihr das in der Schule auch schon erlebt? Jemandem passiert was Dummes und dann gibt es welche die den ganzen Tag nur noch darüber lachen, die nicht mehr aufhören zu sticheln und das Thema immer wieder heraufbeschwören, die sich daran klammern als wäre es irgendwie ein Rettungsboot in einem triste Ozean namens Alltag. Drumherum entwickelt sich eine Dynamik die sich bis zur Hysterie steigern kann und oft auch tut. Kindern kann man das nicht übel nehmen. Erwachsenen schon. Eigentlich hätte eine kleine zivilisatorische Grundregel schon längst einsickern müssen: Man tritt nicht noch nach wenn jemand ohnehin schon am Boden liegt. Man macht nicht noch einen Schritt auf jemanden zu der schon mit dem Rücken zur Wand steht. Und jetzt fangt bloß nicht wieder damit an „aber was er getan hat …“ – was er getan hat war eine ziemlich üble Sache, das ermächtigt trotzdem niemanden sich wie ein Neandertaler aufzuführen und keine Gruppe Mob Qualitäten zu entwickeln.

Ich bin Wissenschaftler, habe selbst mehrere akademische Abschlussarbeiten abgeliefert und bin deshalb natürlich ein wenig verärgert darüber, was Guttenberg geleistet hat. Das Ansehen aller Universitäten leidet darunter, wenn eine Person aus „gutem Hause“ ein Plagiat abliefern kann und auf Basis dessen einen Titel erlangt – im Großteil der Bevölkerung bestätigt dies nur wieder das Bild der privilegierten Oberschicht. Allerdings bin ich momentan auch in einer Position in der ich sehr viele Masterarbeiten und Dissertationen zu sehen bekomme und ich muss leider sagen – so gut wie alle wären angreifbar wen man wirklich wollte. Ich glaube die meisten die jetzt voller Häme Dreck auf diesen Mann werfen täten gut daran eher still zu sein und zu hoffen, dass niemand wirklich ernsthaft an deren Arbeiten geht. Böse Überraschungen könnten derer harren.

Der „Wissenschaftler“ Guttenberg ist karrieretechnisch sicher am Ende. Aber halt. Ist Guttenberg denn Wissenschaftler? Nein, er steckt mitten in einer politischen Karriere, unter Politikern von denen sicher nicht alle (wenn überhaupt einer) absolut sauber gearbeitet haben zu Unizeiten.  Als Politiker war er, zumindest nach allgemeinem Konsens bis vor zwei  Woche, sehr erfolgreich und beliebt. Sollte nicht eigentlich das im Vordergrund der Debatte stehen? Er will ja nicht an einer Uni lehren oder plötzlich in Fachjournals publizieren. Und natürlich höre ich wieder welche rufen: „Aber sein Charakter. Wer bei einer solchen Arbeit gefälscht hat kann auch sonst kein ehrlicher Mensch sein.“ Ach ja, wirklich? Dann bitte mal alle hinsetzen, die noch nie bei einer Schularbeit einen Spickzettel verwendet haben. Und jetzt alle die sich bei einer Prüfung noch nie einen wie auch immer gearteten Vorteil verschafft haben. Steht noch wer? Dachte ich mir. Hier geht es nicht um eine Charakterfrage, es geht darum wie viel Druck besteht. Wer unter großem Druck steht tut manchmal dumme Dinge. Die Uni ist ein ganz spezieller Ort, eine Art geschlossenes Ökosystem in dem nicht nur manchmal getan wird was notwendig ist um den Abschluss zu kriegen um endlich ins richtige Leben hinausgehen zu können. Ich weigere mich zu glauben, dass das meiste davon irgendetwas über die Charakterfestigkeit (scheußliches Wort, ich weiß) des Menschen aussagt. Ansonsten wären die meisten Studenten Wesen von höchster moralischer Fragwürdigkeit.   

Ich glaube nicht, dass es um die Arbeit geht (mal ehrlich, wer interessiert sich wirklich für die wissenschaftliche Qualifikation geschweige denn den Inhalt der Arbeit des Herrn Guttenberg), oder seinen moralischen Kompass (bisher schienen die Leute ja sehr zufrieden damit). Worum es meiner Meinung nach wirklich geht ist, dass einer, der vorher als überlebensgroß dargestellt wurde, plötzlich wieder auf Menschengröße zusammengeschrumpft ist. Einer der so unfehlbar schien ist gefallen. Und da kommt das Widerliche im Menschen heraus. Die Tendenz sich am Unglück des anderen zu weiden, ja regelrecht sich darin zu suhlen und jeden Moment auszukosten. Das spielt die unschöne Emotion Neid eine große Rolle – vorher war er unangreifbar, das macht Leute neidisch, jetzt ist er Freiwild und alle Dämme brechen. Leute die noch nie eine akademische Arbeit geschrieben habe werden plötzlich zu Experten was die Zitationsregeln betrifft, Leute die eine solche geschrieben haben und vielleicht selbst an ihre eigenen „Schummeleien“ erinnert werden springen aus den Büschen hervor und laden ihr schlechtes Gewissen auf den Mann ab. Es gibt Tierarten die ihr eigenes Alphatier zerreißen, wenn es Schwäche zeigt und in der Rangordnung absteigt. Kein schönes Bild im Spiegel, oder?

Zusammenfassend: Hat er einen Fehler gemacht? Ja. Ist eine Reaktion notwendig? Ja. Ist das Ganze noch verhältnismäßig? Ganz sicher nicht.

Wie so oft in diesen Tagen saß ich vor Twitter und hing meinen eigenen Gedanken nach als mich eine Meldung in meiner Timeline überraschend ins Hier und Jetzt zurück holte, einem Anker gleich, der ein treibendes Schiff an Ort und Stelle hält. Ein treibendes Schiff. Ich finde dieses Bild gut, denn so bin ich wenn ich nicht gerade schreibe oder über das Schreiben nachdenke. Ziellos irren meine Gedanken umher, mal unten, mal oben und die Zeit zerrinnt in meinen Hirnwindungen. Der Willkür der Winde des Zufalls ausgeliefert. Wahrscheinlich bin ich in diesem Zustand zu wenig zu gebrauchen, erst wenn eine neue Idee sich formt bekomme ich Fokus, ein Ziel und die Zeit beginnt wieder für mich zu arbeiten statt scheibchenweise mein Leben zu zersäbeln.

Ich las die Zeile: „Die schönsten Geschichten enden nie“ und mit einem Mal war ich wieder am einzigen Ort an dem ich wirklich zu Hause bin. Wir Menschen sind wahrscheinlich die einzigen Lebewesen, die sich ihrer eigenen Endlichkeit bewusst sind, sobald wir ein gewisses Alter erreicht haben (irgendwann zwische 6 und 12) beginnt das Wissen hochzutreiben, dass unser Existenz nicht von ewiger Dauer ist, wir erkennen, dass die Toten nicht zurückkommen und wir irgendwann auch zu dieser stetig wachsenden Armee gehören werden. Unser Leben, wenn man es als Geschichte versteht, hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Dass dieses kein Happy-End sein wird ist uns klar.  Leonard Cohen hat mal in einem Interview gesagt, dass er sich eigentlich nicht vor dem Tod fürchtet, wovor er Angst hat sind die Umstände unter denen es passieren wird und er hoffe, dass diese nicht allzu schlimm sein werden. Aber der Tod ist immer eine Tragödie, etwas geht unwiederbringlich verloren, eine Geschichte findet ein Ende die so nie wieder erzählt werden wird. Ist da der Wunsch nach einer „unendlichen“ Geschichte nicht verständlich?

Die Sehnsucht nach Unendlichkeit ist in uns tief verwurzelt und ich selbst bin, was diese Frage betrifft, zwiegespalten. Es ist momentan irgendwie „in“ auf die Frage „Willst du ewig leben?“ mit „nein“ zu antworten, das hat etwas Mutiges, Echtes, Geerdetes, es ist die Antwort eines Actionhelden der zu viel gesehen hat, zu viel erlebt hat, als dass er diese Existenz ewig erdulden könnte aber ich glaube doch, dass dieser Wunsch nah Leben in jeden Menschen vorhanden ist. Man sieht es deutlich am Ende, wie sich fast jeder mit Klauen und Zähnen an das bisschen Leben klammert das er oder sie noch hat, plötzlich sind all die Sprüche vergessen. Sicher, manche gehen in Würde, erhobenen Hauptes aber ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ist.

In Geschichten umgehen wir dieses Problem oft, wir enden mit „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann  Leben sie noch heute“. Die Option der Ewigkeit bleibt offen, denn es sagt ja niemand, dass sie gestorben sind. Viele Eltern glaube ja, dass die geschichte so Enden um die Kidner zu beruhigen, aber eigentlich sind es die Erwachsenen selbst, die beruhigt werden müssen. Die Helden sind meistens jung, in ihrer Blütezeit. Wir lieben Bücher mit Helden die nicht altern, seien sie nun Magier, Alchemisten, Vampire oder durch Nanotechnologie aufgewertete, smarte Cyberagenten der Zukunft bzw. irgendwelche Auserwählte. Ihnen allen ist gemein, dass sie die Angst vor dem Tod überwunden haben, sie leben nach ihren eigenen Regeln und lassen sich von der Biologie keine Deadline setzen.  Geschichten verraten viel über eine Kultur, über die Wünsche, Träume und Hoffnungen, egal wie gut sie sonst verborgen werden.  Es sagt viel über uns, dass es kaum Geschichten über Menschen ab dem 6. Lebensjahrzehnt gibt, es ist so als würden wir versuchen diesen Abschnitt auszublenden. Aus dem Leben geht das nicht, wir alle kommen da hin – wenn wir Glück haben, denn wie sagt man? Es gibt nur eine Sache die schlimmer ist als alt zu werden – und das ist nicht alt zu werden.

Einerseits wünsche ich mir diese Ewigkeit so sehr wie jeder andere Mensch. Der Gedanke irgendwann einmal nicht mehr dabei zu sein, nicht sehen zu können wie die Menschheit sich entfaltet, entwickelt und ihre bisherige eingeschränkte Existenz für neue, grünere Weiden hinter sich lässt, das ist bitter, es schmeckt wie Galle in meinem Mund.

Andererseits weiß ich, dass das Leben an sich durch seine Endlichkeit einen Kontext bekommt. Ich merke es an mir selbst, wie ich zu treiben beginne wenn es kein klar definiertes Ziel gibt, wie mir die Dinge entgleiten und ich die Kontrolle verliere, meine Gedanken sich ausdehnen, sich im Raum verteilen bis sie so dünn und durchsichtig geworden sind, dass sie praktisch nicht mehr existieren. Es sind die Ziele, die Deadlines, die mich wieder auf Kurs bringen. Es ist paradox, ich weiß, aber umso eingeengter ich durch die Zeit bin umso kreativer werde ich. Gib mir einen ganzen Abend an dem ich nichts anderes tun muss als für mich selbst zu schreiben und ich bekomme fast nichts hin, gib‘ mir aber dreißig Minuten zwischen zwei Konferenzterminen und ich schreibe Sachen die mich selbst verblüffen. Das Leben selbst eingefasst durch zwei unvermeidliche Enden – die Geburt und den Tod. Die Zeit dazwischen können wir füllen, aber sie wäre vielleicht bedeutungslos, reines sich-treiben-lassen, wenn nicht auch ein Ende zumindest irgendwo am Rande unserer Wahrnehmung spürbar wäre. Vielleicht ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit am Ende gar kein Fluch sondern ein Geschenk, der Auslöser für das was wir Menschwerdung nennen. Ein existiert in einem permanenten Zustand des „Jetzt“, der Bewußtseinsstrom wird linear abgearbeitet vom Anfang bis zum Ende. Die logische Folge ist eine instinkthafte Existenz , abstrakte Ängste vor dem Tod haben da keinen Platz, aber auch nicht das schmieden von komplexen Plänen, das Schätzen der Dinge die sind und noch kommen werden. Das Wissen um das Ende, egal ob es eine Geschichte oder das Leben ist, gibt uns eine Perspektive, setzt uns einen Horizont an dem wir uns orientieren können.

Zu sagen „Die schönsten Geschichten enden nie“ hieße meiner Meinung nach genau diese Tatsache zu übersehen. Eine gute Geschichte fesselt uns, zieht uns hinein und trägt uns an ferne Orte. Wir folgend en Helden auf ihren Pfaden, liebe und leiden mit ihnen. Aber eigentlich ist es immer das Ende auf das wir hoffen, um das wir bangen. Wir fiebern der letzten Seite entgegen weil wir wissen wollen wie die Geschichte zu einem Abschluss kommt. Ich hatte schon Bücher in der Hand von denen ich mir gewünscht habe sie würden nie Ende aber irgendwie war es doch immer der Abschluss auf den ich hin gelesen habe, denn eine Geschichte die wirklich nie endet muss zwangsläufig langweilig werden. Es gab und gibt Autoren die das immer mal wieder versucht haben – das Schreiben einer wahrlich epischen Saga. Habt ihr schon mal sowas gelesen? Ab einem gewisse Punkt wird es zu viel, immer wieder neue Wendungen, die Geschichte beginnt dahinzuplätschern und eigentlich möchte man nur noch wissen wie es für die Protagonisten endet, man möchte sie aus dem Leid herausbringen, an einen schöneren Ort. Ich glaube es ist unmöglich eine „unendliche“ Geschichte zu schreiben die nicht irgednwann stagniert und zur bloßen Fortführung der Existenz der Protagonisten verkommt. Und wieder komme ich zu Star Wars, diesmal die Bücher. Nach dem letzten Film wurden ja die Abenteuer der Helden weitergeschrieben, von verschiedenen Autoren. Mittlerweile habe ich ein Regal voll nur mit solchen Büchern und ein Ende ist nicht in Sicht. Es ist furchtbar langweilig. Dieselben Katastrophen wiederholen sich immer und immer wieder, die Helden von einst sind alt und in einem schrecklichen Zyklus gefangen, ein nie enden wollendes Rad welches mit jeder neuen Romanreihe von vorne beginnt und nie zu einem wirklichen Ende kommt. So sehr ich Star Wars schätze, vielleicht hätte man die Geschichte dort enden lassen solchen wo George Lucas es für richtig hielt, am Feuer auf Endor, mit den geistgestalten von Obi-Wan, Yoda und Anakin.

Das Leben, wie ein Buch, wie eine Kurzgeschichte, braucht einen klaren Anfang und ein klares Ende um Bedeutung zu haben denn erst das Ende gibt dem Anfang Bedeutung. Jede Geschichte die den Leser befriedigen soll muss ein Ende haben, einen Punkt an dem die Schlachten geschlagen, die herzen gewonnen und alle Tränen geweint sind. Das Ende gibt Frieden, die Zeit des Nachdenkens kann beginnen.

Heißt das, dass ich kein Problem mit meinem Ende habe? Nein verdammt, das ganz bestimmt nicht. Ewiges Leben klingt zu verlockend. Aber das kann es nur, weil ich ein Mensch bin und die Endlichkeit gekostet habe, jeden Tag, mein ganzes bisheriges Leben lang. Der Tod ist ein ständiger Begleiter, das Ende immer irgendwo i sicher aber gerade dadurch kann ich mir diese Gedanken machen. Gäbe es diese letzte Grenze nicht wäre wahrscheinlich kein denkendes „Ich“ hier. Mein Geist würde treiben, ohne Anker.

Wie sieht es mit der Zukunft aus? Mit der Nanotechnologie, Cyberware, virtuelles Leben, all diese Schlagworte die vielleicht den Tod eines Tages besiegen können. Unser Körper ist im Grunde eine Maschine, dass muss jedem klar sein, der sich mal mit Zellbiologie beschäftigt hat. Es geht um Aufbau, Abbau und Energiegewinnung, kleine Fabriken in unseren Zellen sorgen dafür, dass wir Leben. Diese müssen sich beeinflussen lassen und in dem Moment in dem wir das können wird der Tod als letzte Grenze fallen. Bedeutet das, dass der Mensch dann in seiner jetzigen Form aufhört zu existieren? Bedeutet dieses Ende der Endlichkeit auch das Ende der so dringend notwenigen Rahmenhandlung des Lebens? Das glaube ich nicht. Solange wir körperliche Wesen sind wird das Ende immer eine Möglichkeit sein. Egal wie gut die Medizin wird, durch Unfälle kann Leben ausgelöscht werden, unwiederbringlich. Das Ende wird also nicht ganz ausgelöscht, nur verschoben, nicht unvermeidlich, nur etwas unwahrscheinlicher. Der Gedanke daran wird bleiben und das reicht völlig aus um uns den Horizont zu geben den wir brauchen. Habt also keine Angst vor neuer Technologie, sie wird uns kulturell, aber nicht grundlegend transformieren

Sollten wir jemals unsere Körper verlassen wird das natürlich etwas völlig anderes. Dann wird der Mensch  vielleicht wirklich zu treibenden Energiewolken, gefangen auf dem Ozean der Zeit, unfähig sich auf etwas zu konzentrieren. Wer weiß, es könnte unser Schicksal als Rasse sein irgendwann in einen ewigen Traum gehüllt in der Photosphäre unserer Sonne zu wehen. Man weiß es nicht. Ich wie es nicht.

 

Wieder einer meiner Beiträge zum Thema „@GoShoo erklärt die Welt und liegt dabei völlig falsch“. Wie immer komme ich dabei vom Hundertsten ins Tausendste und springe quer über verschiedene Wissensgebiete. Wer an doe Absolutheit von irgendwas glaubt sollte jetzt besser dieses Fenster schließen und ein beruhigendes Buch seiner Wahl zur Hand nehmen. Alle anderen eigentlich auch. Allen die noch da sind wünsche ich viel Vernügen und sage wie immer: Kommentare erwünscht!

 

Das Problem an Kultur ist, dass die Person die bis über beide Ohren drinnen steckt sich so gut wie gar nicht vorstellen kann, dass es auch andere Lösungen und Ansätze geben könnte als jene mit der sie aufgewachsen ist, der Blick dafür, dass so simple Dinge wie Wahrnehmung und Organisation der Umwelt eigentlich Konstrukte sind, die kulturell ausgehandelt und geschaffen werden, geht verloren oder wird gar nicht erst entwickelt.

Wir, also ich und die meisten Leser dieser Zeilen wohl auch, stammen aus einer Kultur welche die Dualität quasi zum höchsten Prinzip erhoben hat. Wir sehen die Pole überall, an unserem eigenen Planeten mit Nord- und Südpol, in unseren Geschlechtern, in den vorherrschenden Moralvorstellung, in der Rechtsprechung, dieses A gegen B, Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse, Feuer gegen Wasser, Papier gegen Stein ist ein konstantes Thema. Die dominante Religion in diesen bereiten, das Christentum in all seinen Spielarten, legt diese Art der Weltsicht ja wunderbar vor, da oben ist der gütige Gott, da unten der zürnende Teufel, Himmel und Hölle, zwei gegensätzliche Pole die unterschiedlicher nicht sein könnten. Dabei hat das Christentum einen gewissen Erklärungsnotstand, denn die Dualität von Gott und Teufel, Gut und Böse hat einen fatalen Haken – ein Pol sollte eigentlich übermächtig sein, nämlich der an dem Gott steht. Woher kommt also all das Böse? Die Kirchenväter haben über die Jahrhunderte hinweg das gemacht, was man in der Softwareindustrie als „Patching“ bezeichnen würde, sie haben kleine Erklärungshappen nachgereicht um die Dualität irgendwie zu rechtfertigen ohne Gott von seinem himmlischen Thron zu stoßen. Das Judentum brauchte das nie, einfach weil der jüdische Gott Jahwe beide Pole in sich vereinigt, rachsüchtiger Gott, guter Gott, zornig und Eifersucht, alles in einem Schöpfergott vereinigt, erst das Christentum mit der immer  stärker werdenden Betonung eines „guten“ Gottes brauchte einen immer stärker werdenden Widersache, einfach aus einer Erklärungsnot heraus.  Aber versuch das mal einem Christen zu erklären, der wird sich extrem schwer tun über einen  Gott auch nur nachzudenken, der alle Pole in sich vereinigt. Liegt möglicherweise auch daran, dass ein solcher Gott „menschlicher“ wird in seinen Motiven und Handlungen – und da sind wir dann schon gefährlich nahe an der Entlarvung dessen was alle Götter in Wirklichkeit sind.

Wir Menschen sind aber von Natur aus keine Wesen die in einer reinen Dualität existieren können. Jeder Mann hat weibliche Anteile, jede Frau männliche. Wer verschiedene, mit sich in Konflikt stehende Emotionen nicht integrieren kann, also sie als Teil seiner selbst und eben nicht als Bedrohung annehmen kann wird psychisch krank. Wem dies beim Bild, das er von anderen hat, ebenfalls nicht geling wird auch krank. Es entwickeln sich dann interessante Störungen in denen die extreme Idealisierung des anderen schnell in eine ebenso extreme Abwertung überschlägt, eben weil es nicht mehr möglich ist das Gegenüber als komplexe, integrierte Persönlichkeit mit Anteilen aller emotionaler Zustände zu sehen, es geht nur noch entweder völlig Gut oder abgrundtief Schlecht. Gott und er Teufel sind zwei solche Extreme, zumindest im Christentum.

Beinahe alle Glaubenssysteme die vorwiegend mit irgendeiner Art von Innenschau befasst sind werfen diese Dualität an einem bestimmten Punkt ab und beginnen die Integration von allem anzustreben. Sollte aus den eben genannten Gründe klar sein, denn ins uns existiert diese Dualität nicht. Wenn ich mich in diesem speziellen Augenblick betrachte, dann geht es mir aus bestimmten Gründen ziemlich schlecht aber gleichzeitig gibt es genug über das ich froh bin und was mich eigentlich auch recht zufrieden macht. Ich glaube es ist wichtig das zu erkennen und das persönliche Weltbild anzupassen.

Natürlich sind Dualitäten einfach, sie geben eine gut verständliche Struktur für die Welt vor. Wer in den 80er aufgewachsen ist wird sich erinnern wie beruhigend es war zu wissen wer die Guten und wer die bösen Jungs sind, bei wem man ohne schlechtes Gewissen jubeln durfte wenn er atomisiert wurde und bei wem bittere Rache zu schwören war. Außerdem sind diese Gegensätze als Lehrstücke immer recht amüsant und hilfreich. In diesem Zusammenhang spreche ich immer gerne von den Jedi-Rittern und Obi-Wans Ausspruch in Episode III, dass nur ein Sith nichts als Absolute kennt. Krieg oder Frieden, meine Seite oder deine Seite, Liebe oder Hass. So einfach ist das nicht und so einfach sollte es auch nicht sein. Wer in Absoluten denkt glaubt die einzige Wahrheit zu besitzen und hat damit die oberste moralische Autorität, ja sogar die Verpflichtung, alles zu unternehmen, um diese Sicht zu verbreiten.  Wohin das führt sehen wir jeden Tag. Krieg, Hungernöte, Korruption, Zerstörung der Umwelt, menschliches und tierisches Leid an allen Ecken und Enden. Das ist vielleicht Zoroasters Erbe, der die Dualität von Gut und Böse in die heute bekannten Religionen brachte (wenn sich etwas ziemlich gut nachverfolgen lässt, dann welche Religion von welcher älteren beeinflusst wurde) – aber realistisch betrachtet kommt es wohl einfach nur dem menschlichen Bedürfnis nach einfachen Erklärungen entgegen.

Gibt es einen Ausweg? Ich weiß es nicht, zumindest nicht was uns betrifft. Dass andere Kulturen mit der Integration der Pole besser umgehen konnten ist bekannt, vor allem sehr naturnahe Gruppen haben mit dem ständigen Wechsel von Jäger-Gejagter und der Natur sowohl als Ernährerin als auch als größte Gefahr für Leib und Leben, hervorragende Beispiel dafür, wie eine Sache beide Extreme in sich vereinigen kann. Wir hingegen leben vorwiegend in einer de-naturierten Welt, haben sie wiederum in „gute“ Natur (also jene im Park, wohlgeformt, kontrolliert, gezähmt) und „böse“ Natur (wild, gefährlich, mit Warnschildern versehen, da geht man nur mit der nötigen Schutzausrüstung hin) aufgeteilt. So spiegeln wir quasi unsere innere Vorstellung davon, wie die Welt sein sollte nach außen ordnen sie um. Ein Beispielloses Unterfangen und erschreckend effektiv. Aber eigentlich fehlen uns auch die Vorbilder, jene die uns führen auf den Pfaden zwischen den Polen und so sitzen wir wie verängstigte Kinder deren Eltern das Haus verlassen haben und einfach nie zurückgekommen sind auf der Seite von Schwarz oder Weiß auf die uns das Leben geworfen hat. Fernsehen und Bücher können das Trauma mildern aber gut wird es deshalb noch lange nicht.

Es war immer schon die Funktion des Schamanen zwischen den Polen zu wandeln denn, und da dürfen wir uns auch nichts vormachen, dieses Vorhaben ist auch gefährlich. Wer zu viel Chaotisches in sich zu integrieren sucht kann verloren gehen. Die oberste Funktion des Schamanen war es nun diese Pfade zu wandeln, die letzte Dualität, Diesseits und Welt der Geister/Ahnen/Totemtiere, zu überwinden. Schamanen haben Macht, das wird jeder bestätigen der schon einmal neben einem dieser imposanten Menschen gestanden hat. Jener der am Rande der bekannten Welt operiert muss hart und stark werden. Wir scheuen diesen Weg, diese Grenzlinien, den Waldrand immer mehr, weshalb wir auch keine Schamanen mehr haben, ihnen fehlt der Nährboden, die Tradition. Wie viele große spirituelle Führer haben wir in den letzten 60 Jahren mit Psychopharmaka ruhig gestellt? Noch gibt es Künstler die so etwas wie eine Erinnerung an jene mit mächtigen Zaubern gegürteten Geistführer längst vergangener Tage sind. Manche davon, etwas Robert Frost oder Sylvia Plath vermögen ganze Generationen zu führen aber ich habe das Gefühl auch von diesen gibt es mit jedem Jahrzehnt weniger. Vielleicht sollen wir mal wieder zu den Innuits reisen, zu jenen die noch fern der Zivilisation leben, dort wo die Widersprüche der Natur aufeinanderprallen, wo die bizarre Schönheit der Eislandschaft mit der Grausamkeit des Jagens und des Tötens noch eins sind, Leben und Tod Hand in Hand gehen und nicht eines zum Jugendwahn hochstilisiert und das andere hinter dicken Mauern versteckt wird. Das ist ja auch so eine Dualität – Leben und Tod.  Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.

Gestern Nacht war mit Sicherheit eine der schönsten Nächste überhaupt. Ich saß da und habe mit der mir liebsten Person auf der ganzen Welt geredet und ihr dabei die Musik näher gebracht die mir wichtig war, ist und wahrscheinlich in Zukunft auf bleiben wird. Mein Leben hat einen Soundtrack und ich halte ihn für wichtig um mich zu verstehen. Dabei kam ich unweigerlich auf den unvergleichlichen Leonard Cohen, den alten kanadischen Barden mit der Reibeisenstimme. So sicher wie nur irgendwas auf dieser Welt ging mir dann sein Klassiker „If it be your will“ durch den Sinn und ich habe begonnen, wie so oft, über den Text nachzudenken.

Für mich handelt der Text von einer Art von Gelassenheit die mich in stummes, andächtiges  Erstaunen versetzt. Ich muss zugeben, dass ich kein gelassener Mensch bin, etwas  womit ich immer wieder zu kämpfen habe. Es ist in meiner Natur zu handeln, aktiv zu werden, zu kämpfen um das was mir wichtig erscheint, ich will helfen, aufmuntern, Mut machen, die Dinge immer weiter voran bringen und sehr oft fehlt mir die Einsicht, wann der richtige Zeitpunkt wäre einfach innezuhalten, das Schwert und den Schild abzulegen, im Zentrum des Sturm der ruhende Pol zu werden und mir einfach zuzugeben, dass ich mal auf das Universum warten sollte. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, auf dich eben keinen Einfluss habe, dass der Lauf der Gezeiten manchmal einfach so ist wie er ist und wir Menschen uns mit Waffen gürten können so sehr wir wollen und doch nichts daran ändern werden.

Ich denke Leonard Cohen fasst diese Art von Gelassenheit auf wunderbare Weise zusammen. Er vermittelt das Gefühl eines Menschen der in sich ruht, seinen Pol gefunden hat und im Einklang mit diesem handelt. „Wenn es Dein Wille ist, dann werde ich schweigen, meine Stimme wird ruhen.“ Wem dieser Will nun gehört ist für mich nebensächlich, das kann ein Gott sein, das Universum selbst oder auch ein anderer Mensch. Mit geht es um das Gefühl und die Bilder die jene Worte in mir auslösen. Ich sehe eine Person vor mir die auf einem Hügel steht, in Dunkelheit. Am Himmel brennen die Sterne, eine wüste Landschaft umgibt sie, tote Bäume, verbrannte Erde, man sieht, dass eine gewaltige Schlacht getobt haben muss aber jetzt herrscht Stille, der Wind weht über den schwarzen Boden. Die Person war wohl ein Krieger, mit Schwert und Schild, die liegen aber jetzt auf dem Boden, seine Hände sind offen, er blickt nach oben und sagt: „Ich habe es verstanden. Ich werde nicht mehr drängen, nicht mehr kämpfen, ich habe eingesehen, dass das nichts mehr bringt, ich habe getan was in meiner Macht stand, was jetzt kommt steht in deiner. Wenn es dein Wille ist, dann werde ich schweigen, für immer wenn du das willst. Wenn du willst dann werde ich singen – für dich.“ Er schließt die Augen und wird eins mit der Welt, der ruhende Pol. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, ich glaube eher, dass es sich dabei um den ultimativen Beweis von Stärke handelt, sich in diese Hände zu begeben, absolutes Vertrauen zu haben, dass sich diese andere Person richtig entscheiden wird weil jede getroffene Entscheidung die richtige ist, weil sie frei getroffen wurde.

Für mich gibt es hier eine große Überschneidung mit meiner Einstellung zur Freiheit, denn Freiheit hat immer zwei Seiten – meine Freiheit und deine Freiheit. Wer  immer nur kämpft und Dinge möglich machen will übersieht oft die dünne, halb-durchsichtige Linie hin zur Einschränkung der Freiheit des anderen. Es braucht schon sehr viel Mut mit dem Kämpfen mal aufzuhören und dafür das Herz zu öffnen, was denn der Wille des anderen ist. Das löst Ängste aus, denn in dem Moment wird die Welt für jene, die immer die Kontrolle haben wollen, äußerst chaotisch. Was tut man denn, wenn der Wille des anderen wirklich das ewige Schweigen ist? Ich denke wer wirklich dieses „If it be your will“ verinnerlicht haben, wird damit zurechtkommen, denn diese Person wird wirklich und wahrhaftig den Willen des anderen respektieren und mit jeder Entscheidung zufrieden sein weil jede Entscheidung die frei getroffen werden kann eine gute ist. Nur wer den Willen des anderen eben nicht respektiert, mit einer bestimmten Entscheidung nicht leben kann, muss immerzu in die Schlacht ziehen um seine Wünsche in die Welt zu tragen.

Das erinnert mich auch stark an gewisse östliche Philosophien, die großen Wert auf diese Art von Ruhe und Gelassenheit legen. Da steckt auch der Gedanke des Loslassens, des Gehenlassens, des Nicht-Anklammerns dahinter. Man muss die Dinge, die Menschen die man liebt, auch gehen lassen können, um deren Freiheit willen. Wenn sie wollen werden sie zurückkommen, wenn es deren Wille ist, dann wir der Krieger singen, über den verwüsteten Hügeln und das Schweigen findet ein Ende. Man muss dabei allerdings vorsichtig sein. Nur wer ehrlich gehen lassen kann wir diese Gelassenheit erlangen können – loszulassen schon mit dem Gedanken, dass der Vogel zurückkommen wird, ist eine leere, hohle Geste der jeder Zauber abgeht, nur eine weiter Form des Aufzwingens, der Manipulation.

George Lucas, der mit Star Wars einen modernen Mythos geschaffen hat, brachte diese Einstellung der heutigen Welt nahe und zwar mit der Philosophie des Jedi-Ordens. Die Grundmaxime ist das Loslassen der Dinge die man Liebt. Dabei geht es nicht darum nicht zu lieben. Es geht um das starre Festhalten das durchbrochen werden soll. Löse dich von all dem was du fürchtest zu verlieren. Die Furcht vor Verlust ist vielleicht die größte Furcht die der Mensch kennt weil es die erste ist – die Panik vor dem Verlust der Bezugsperson. Sie bringt uns dazu Besessenheit, Eifersucht, Neid und Besitzgier zu entwickeln. „If it be your will“ ist die knappe Zusammenfassung der Überwindung dieser Furcht und damit der Beginn einer Freiheit die vorher nicht einmal vorstellbar war. Freiheit für beide Seiten.

Im letzten Extrem, bis zum Ende gedacht, geht es auch um die letzte und größte Furcht des Menschen: Der Tod. Jeder Verlust  ist eine Art von Tod, etwas stirbt, ist weg, unwiederbringlich. Auch hier sollte der Lebensweg irgendwann zu dem Punkt führen wo man sagen kann: „Es ist gut so, ich kann loslassen, wenn es sein soll dann werde ich schweigen, für immer.“ Dann verliert der Tod seinen Schrecken weil man ihn annehmen kann als etwas was einfach passiert, „If it be your will“. Auch das ist östlich,  fern ab westlicher Alchemie und Magie deren Ziel es immer war die letzte Unvermeidlichkeit zu umgehen. Faust gegen den Buddha. Ich glaube der Buddha ging den weiseren Weg.

Und ich frage mich ob ich jemals diese Stufe erreichen werde. Habe ich die Kraft in mir mich dem Willen auszuliefern? Zu schweigen und zu sagen: „Jetzt bist du dran, ich habe meinen Teil getan, meine Worte gesagt. Ich werde deine Entscheidung und deinen Weg respektieren und welche Entscheidung auch immer du triffst, sie wird die richtige sein weil es deine ist.“ Wenn ich Leonard  Cohen lausche dann möchte es beinahe glaube. Ich kann spüren wie die Worte in mich sinken, mir Ruhe und Gelassenheit geben, manchmal hält dieses Gefühl sogar Tage an. Aber dann kommt die Welt mit ihren Stürmen, ihren Kriegen und all den Dingen die mir wichtig sind und ich spüre wie es mich in den Fingern juckt aktiv zu werden, zu handeln, das zu tun was ich für helfen und trösten halte. Vielleicht muss man für die letzte Überwindung der Angst etwas abseits der Welt stehen, so wie buddhistische Mönche in ihren Klöstern oder die Jediritter mit ihrer Macht. Hoffnung habe ich aber, dass ich es lernen werde, zumindest einen Teil davon.

Mut oder Kein Berg ist unbezwingbar

Lange Zeit galt es als unmöglich die Erde zu umrunden weil man glaubte Wasserfälle würden die Scheibe begrenzen und jeder der ihnen zu nahe käme würde hinunterfallen. Bis mutige Menschen es mal probierten (aus welchen Gründen auch immer) und endgültig bewiesen, dass es sehr wohl geht. Lange Zeit hielt man es für unmöglich, dass ein Mensch aus großer Höhe springt und das, selbst mit Fallschirm überlebt, man dachte der Fall alleine wäre schon tödlich. Heute wissen wir, dass man nur den Aufprall fürchten muss, das Fallen an sich ist schon ok. Warum wissen wir das? Na, weil mutige Menschen es probiert haben. Lange Zeit dachte man das Besteigen von Bergen über eine bestimmte Höhe ohne technische Hilfsmittel nicht möglich sei.  Dann hat man es versucht und es ging. Nicht leicht aber es war möglich.

Dennoch ist die Angst das scheinbar Unmögliche zu wagen in allen von uns riesig groß. Die Frage ist wie man damit umgeht. Ein Bergsteiger der keine gehörige Portion Respekt vor der Felswand hat  ist dumm und wahrscheinlich bald tot. Aber der Unterschied ist, dass er seine Angst bezwingt, sie in etwas umwandelt womit er arbeiten kann, eben diesen Respekt vor der Naturgewalt Berg, er weiß, dass jeder Handgriff sitzen muss, dass wenn er die „unmögliche“ Wand bezwingen will, es keine zweiten Chancen gibt. Und dann lässt er sich vollkommen darauf ein, keine Zweifel, kein Blick zurück.

Wenn jemand zum mir sagt, dass etwas unmöglich sei, dann versuche ich immer zu erspüren wie eswohl gemeint ist denn oft steckt dahinter nur ein verschleiertes: „Ich habe es noch nie probiert, kann es mir nicht vorstellen und daher muss es unmöglich sein“. Das ist die Unmöglichkeit aus Tradition heraus und bei uns Menschen äußerst beliebt. Wenn irgendwer mit einem kleinen Fitzelchen Respekt in einem Fachgebiet etwas für unmöglich erklärt bildet sich ganz sicher eine Schule heraus die diese Unmöglichkeit stolz in die Zukunft trägt.  Es gibt noch die Unmöglichkeit die aus schlechten Erfahrungen erwächst, die erlernte Unmöglichkeit. Wenn jeder bisherige Möchtegern-Bezwinger der Bergwand am Fuße derselben am Ende des Tages tot aufgefunden wird, dann kristallisiert sich bald eine Unmöglichkeit heraus, die Wand gilt als unbezwingbar. So lange bis es jemand versucht und damit Erfolg hat. Denn keine Wand ist unbezwingbar, egal wie steil, rau, verwittert, kalt, windig oder hoch. Irgendwann kommt jemand der die richtige Mischung aus Respekt, Mut, Glück und Können mit sich bringt um der Wand den Mythos zu nehmen.

Kein Berg ist unbezwingbar, kein Traum unträumbar, kein Hindernis unüberwindbar, keine Entfernung zu groß und keine Angst unbesiegbar. Wie oft hat man mir gesagt, wie oft habe ich gelesen, dass man heute als Schriftsteller fast keine Chance habe meine Sachen zu veröffentlichen, der Markt ist übersättigt, die Verlage nicht mehr mutig genug … dennoch schreibe ich und ich halte es weder für dumm noch für Zeitverschwendung. Aufgeben ist keine Option. Auch dieser berg kann bezwungen werden. Aber ich muss mich trauen. Jeden Tag die Angst überwinden und mehr Seiten schreiben.  Verloren habe ich erst wenn ich am Abend lieber am TV sitze als mich hinzusetzen und die Worte fließen zu lassen. Manche würden sage es wäre klüger. Ich sage es wäre eine Verbeugung vor der Angst. Niemals.

Wir Menschen, als Spezies, haben es immer wieder geschafft die Unmöglichkeit aus Tradition und die erlernte Unmöglichkeit zu überwinden, gegen alle Wiederstände. Hätte man sich immer an den Rat der Weisen gehalten (denn weise heißt auch die Unmöglichkeiten zu kennen weil man genug davon selber erfahren hat) würde ich nicht hier sitzen und Text in eine der komplexesten Maschinen eintippen die je von Menschen gebaut wurde, sondern wäre wahrscheinlich mit Ugh und Mugh draußen auf der Suche nach einem Blitz der ein kleines Feuer auslöst damit wir es in unsere Höhle zurückbringen können – denn  Feuer aus Steinen zu schlagen ist doch wirklich sowas von unmöglich. Obwohl, realistisch betrachtet – ich war immer ein kränkliches Kind, ich hätte wohl in einer Welt ohne die Fortschritte der Moderne, die von mutigen Menschen getragen wurden, nie das Erwachsenenalter erreicht.

Mut und Wagnis beginnen auf einer persönlichen Ebene. Ämter, Verwaltungsapparate, sie entwickeln nie Mut, das Komitee ist per Definition feige. Tut mir leid das jetzt so direkt zu sagen aber es gibt unzählige Beispiele in denen solche großen Organe versuchten den Mut, der seinen Ursprung in Einzelpersonen hat, zu unterdrücken. Sie wollen den sicheren Weg gehen, den bekannten. Alles andere bringt den Ablauf durcheinander und, sehr schlimm, es gibt keine Formblätter für den Mut einzelner. Es sind die kleinen mutigen Entscheidungen die wir jeden Tag treffen, die Werte und Personen zu denen wir stehen, die uns als Ganzes nach vorne bringen denn eine Reihe solcher Entscheidungen aneinander nennt man dann auf lange Sicht „Leben“ und aus vielen Leben wird Kultur, eine Kultur von der neue Leben dann auch geprägt werden.

Ich denke also man sollte sich nicht nach Gründen umsehen warum diese Felswand nicht besteigbar ist, warum der Fall uns umbringen könnte oder ob diese Entscheidung uns verletzlich macht. Die Frage sollte sein, wie wir es schaffen können das Unmögliche zu tun, über die Grenzen hinauszugehen, wie wir zu dem Ideal werden können, das wir normalerweise nur aus Büchern kennen – und wie gesagt, es müssen gar nicht immer die großen Entscheidungen von globaler Bedeutung sein. Schon sich zu einer Liebe zu bekennen, auch wenn uns das verletzlich macht und vielleicht Angst einjagt,  kann unser Leben unendlich bereichern und uns stark machen, mutig machen. Denn eines ist auch klar – Mut wird durch mehr Mut belohnt. Wer einmal seinen Fuß auf diesen Weg gesetzt hat will nicht mehr auf die vorgefertigte Rolltreppe zurück die unser Leben auch sein kann, man beginnt die Freiheit die der Mut bietet zu schätzen. Mut kann dazu führen verletzt zu werden, man stellt sich schließlich den Gewalten, den Gefühlen den Gezeiten aber wer es wagt hat eine Chance, was auf jeden Fall besser ist als am Fuß des Berges alt zu werden und sich am Ende zu verfluchen weil man es nicht gewagt hat als noch Zeit war.

Es ist eine alte Wahrheit:

Besser das Risiko eingehen, das Schöne festhalten, und es vielleicht irgendwann, möglicherweise wieder verlieren, als es aus Angst nie erlebt zu haben.

Deshalb wünsche ich euch allen, dass ihr den Mut habt zu den Dingen zu stehen die ihr für richtig haltet, auch wenn alle um euch herum sagen es ist falsch. Ich wünsche euch die Neugierde zu erfahren was wohl hinter dem Horizont liegen mag und den Mut heute noch loszumarschieren, den mutiger als heute werdet ihr nicht mehr, nicht ohne das Risiko einzugehen. Und ich wünsche euch den Mut zu eurer Liebe zu stehen, egal wie die aussieht, Mann oder Frau, jung oder alt – unabhängig davon ob es euch oder dem Rest der Welt verrückt und chaotisch erscheint. Die Welt endet nur an einem Ort und der ist dort, wo eure Vorstellungskraft endet – sorgt dafür dass dieser Punkt weit in der Ferne liegt.

Meine Gedanken sind wirr, vielleicht liegt es daran, dass mein Leben irgendwie wirr ist. Keine Ahnung. Vor zehn Jahren dachte ich, dass ich es noch in den Griff bekommen würde, bis heute wäre alles gut, geregelt und einfach. Nichts da. Alles gleich wirr. Zumindest habe ich den Versuch unternommen etwas klarer zu sehe. Ich war nämlich spazieren. Diejenigen von euch die mich etwas besser kennen werden jetzt vielleicht die Stirn ein wenig runzeln und nochmals den vorherigen Satz lesen. Natürlich, klar, das versteh ich. Also dass soll jetzt nicht heißen, dass ich mich nie bewege, eigentlich sogar so ziemlich das Gegenteil ist der Fall. Nimmt man mal meine Arbeit her so bewege ich mich sogar ziemlich viel, zum Beispiel gehe ich die Strecke von meiner Wohnung zur Arbeit und zurück jeden Tag zu Fuß, die meisten die ich kenne würden bei vergleichbaren Entfernungen den Bus nehmen. Es gibt mir irgendwie ein gutes Gefühl die Strecke auf die altmodische Art und Weise zurück zulegen. Aber spazieren gehe ich normalerweise nicht, ich mag es nicht ohne Ziel einfach loszumarschieren nur um des Marschierens will. Weiß jetzt eigentlich gar nicht genau wieso. Gestern habe ich es trotzdem getan weil ich den Anblick des Monitors, der Tastatur, der Wände um mich herum nicht mehr ertragen konnte. Was als Flucht begann wurde zu einem Marsch in meine eigene Vergangenheit, eine Welt die ich glaubte längt hinter mir zurückgelassen zu haben, verloren an den Ufern der Zeit.

Meine Reise beginnt auf der alten Straße die ich hinterging, vorbei an der seltsamen Villa die ich als Kind immer so faszinierend fand. Sie steht auf einem großen Grundstück, auf einer Wiese mit knorrigen Bäumen die dahinter aufragen als wäre es ihre ureigenste Aufgabe den richtigen Hintergrund für das Herrenhaus zu bilden. Das schwere Metall des altmodischen, verschnörkelten Zains, welcher das Grundstück von dem Gehweg und der Straße trennt, ruht auf einem Fundament aus Beton, nicht einfach in die Erde gestoßen. Die Stangen laufen oben spitz zu, einer jener Zäune auf denen sich ein unachtsames Kind aufspießen kann. Uns hat man damals immer davor gewarnt. Der Zaun ist rostig und war es wahrscheinlich immer schon, außerdem verbogen, verdreht, die Erde selbst scheint sich mit dem Fundament bewegt zu haben. Schon komisch, dabei hat man immer das Gefühl die Erde stünde still. Hinter den Tor führt ein Kiesweg zur Villa, er gabelt sich einige Meter nach der Einfahrt, führt links und rechts an einem großen, tellerförmigen Brunnen vorbei und vereinigt sich wieder vor dem Haus. Solange ich mich erinnern kann hat der Brunnen nicht funktioniert, er war schon immer so wie jetzt, tot, mit Moos bewachsen, still. Floß hier jemals Wasser? Man müsste einen der alten Dorfbewohner fragen. Die Villa selbst hat zwei Flügel, links und rechts des breiten Mittelteils, so wie s Flügel meistens sind. In meiner Kindheit war es eine Geistervilla, teilweise verfallen, bedrohlich mit Dunkelheit die aus toten Fenstern quoll wie Nebel. Der Garten war wild gewesen, keine Wiese wie heute. Ein Haus das im Stande war die Fantasie eines Kindes zu beflügeln und unter uns Jungen hatte es immer wieder Geschichten darüber gegeben. Wie jene über den letzten Besitzer, der nie aus dem Krieg heimgekehrt war und dessen ruheloser Geist seinen leer stehenden Besitz jetzt in der Nacht heimsuchte. Das waren alles wohl nur Märchen und wahrscheinlich bin ich der letzte der sich daran erinnert denn von dem alten Haus ist nicht mehr viel da. Man hat es renoviert, lackiert, herausgeputzt. Die Fensterläden strahlen in der Sonne, die Fassade leichtet hell. Nur der Brunnen ist wie eh und je, eine Erinnerung an einen längst vergangenen Sommer als ich auf Ästen schwang. Langsame Tage. Und meine Reise geht weiter.

So ging mein Spaziergang weiter, an dem Haus vorbei welches zu einer Metapher für meine alte Heimat werden sollte. Wenn ich mich umsehe ist so vieles anders geworden. Manches nur ein bisschen, anderes völlig. Der Wohnblock in dem die erste Freundin meines damals besten Freundes gewohnt hat ist noch da. In der Erinnerung ist es wieder jene Nacht in der wir dort aus dem Fenster sprangen, in Panik weil es an der Türe geklingelt hatte und wir glaubten ihre Eltern wären früher aus dem Urlaub zurück. Kinder eben, dumm aber in den eigenen Köpfen so furchtbar erwachsen. Sie war so alt wie ich, wahrscheinlich wohnt sie nicht mehr dort. Hat sie jetzt eine Familie? Ist sie erwachsen geworden? Ich werde es nie erfahren. Komischerweise macht mich das traurig. Damit hätte ich nicht gerechnet. Das ist die Gefahr wenn man die Straße der Erinnerung hinunterschlendert, die Memory Lane, man kann ganz schnell sentimental werden. Bin ich sonst nie. Glaube ich. Also geht es weiter.

Hier bin ich aufgewachsen, jeder Meter Boden hat Bedeutung, ist vollgesaugt mit Erinnerungen. Wie ich hier mit meinen Freunden fuhr, auf Fährrädern. Wild, stolz und frei. Es wird nie mehr wieder so sein und auch das macht mich traurig. Draußen, an der Hauptstraße, bei den Brücken über die Flüsse hat sich am meisten verändert. Der Ort in meiner Erinnerung existiert nicht mehr. Wenn ich sterbe, ist er dann ganz fort? Ein komischer Gedanke.

Ich gehe den Damm hinunter undbegegne den Radfahrern mit ihren angestrengten Gesichter. Die tiefstehende Sonne scheint mir ins Gesicht, warm, und ich lächle die Fremden an, im Moment ist es mir egal ob sie das erwidern oder nicht, ich tue das weil ich mich danach fühle. Die paare sind hingegen eine ganz andere Geschichte. Hier auf dem Damm sind sie fast so zahlreich wie die Familien auf ihren Sonntagsspaziergängen. Ich bin allein, die paare eine Erinnerung wie es sein könnte. Sie hält seine Hand, lacht. Ein hübsches Mädchen mit langen Haaren und Sommersprossen, eingepackt in eine Winterjacke. Die Sonne mag vielleicht warm sein aber die Luft und der Wind sind es nicht. Lächelnd läuft sie um ihn herum, stellt sich hinter ihn und schlingt ihre Arme um seine Taille, hält ihn fest. Ihr Lachen ist anstecken, er strahlt. Da ist nichts Falsches, nichts Gespieltes. Nur Liebe. Ich komme mir seltsam vor wie ich die beiden so beobachte, senke den Blick wenn sie herschauen. Was denke sie wohl von mir? Aber es ist schön zu wissen, dass es so etwas gibt. Für einen Moment sind wir auf gleicher Höhe, eine flüchtige Sekunde, dann lasse ich die beide hinter mir zurück.

Da ist diese Holzbrücke, überdacht, eine Konstruktion wie sie lange schon nicht mehr in Gebrauch ist. Als Kind hatte ich Angst davor. Schon will ich daran vorbeigehen, sie achtlos links liegen lassen. Doch dann schießt mir ein Gedanke: Was ist, wenn ich nie mehr hier vorbeikomme? Mein letzter Besuch liegt Jahre zurück. Viele Jahre. Werde ich mir dann eines Tages Vorwürfe machen weil ich mir die Chance noch einmal über diese Brücke zu überqueren entgehen habe lassen? Ich entscheide mich es zu tun. Was habe ich schon zu verlieren? Und was Zeit betrifft so gibt es sie im Überfluss. Die Nachricht auf die ich warte kommt ohnehin nicht. Also gehe ich. Vorher lasse ich aber noch die beiden Radfahrer passieren, die Brücke ist eng. Das Holz knarzt als ich meinen Fuß darauf setze, es ist dunkel, fast schwarz und alt. Sie Brücke, war schon alt als ich noch jung war. Es drängt sie mir die Frage auf ob man sie in der Zwischenzeit vielleicht erneuert hat. Ich schaue genauer hin. Alles wirkt alt, auch auf den zweiten Blick. Generationen haben in das schwarze Holz ihre Nachrichten und Botschaften geritzt, Zeitkapseln allesamt. Nicht in, natürlich, so war ich nie. Kein Baum auf der ganzen Welt trägt meine Initialen. Wenn ich nach unten sehe kann ich das graue. Lehmige Wasser zwischen den Planken sehen. Das hat mir als Kind immer große Angst gemacht, diese Erinnerung daran wie knapp unter meinen Füßen die Naturgewalt des Flusses lauert, die stille Geduld es Wassers, immer wartend, dass die zerbrechliche Konstruktion von Menschenhand ihm gibt es ihm zusteht. Komischer Gedanke, schon wieder, aber es ist auch ein komischer Tag. Ich überquere die Brücke zweimal. Natürlich hätte ich auch auf der anderen Seite weitergehen können, auch da gibt es viele Erinnerungen. Dieser Ort ist einfach voll davon. Aber eigentlich will ich zum See, weiter den Damm entlang.

Familien mit Hunden kommen mir entgegen und ich finde es schön sie zu beobachten. Hunde scheinen immer glücklich zu sein, zumindest hier draußen. Die Gegend hat etwas von einem Auwald. Der Boden ist feucht, die Bäume die überall stehen sind mit dichten, herabhängenden Moosbärten verziert, eine alte Welt in der man wunderbar Stöckchen werfen kann. Diese Welt hat einen charakteristischen Duft. Nach altem Holz, Baumpilzen und Wasser. Man riecht den See und ich werde von Kindheitserinnerungen überflutet. Nein, eigentlich sind es nicht wirklich Erinnerungen mit Bildern sondern mehr Gefühle. Der Geruch des Wassers, die Ahnung von Seetang und verrottendem Holz bringt verschüttete Emotionen ans Tageslicht, ich erinnere mich wieder daran wie es sich angefühlt hat als Kind mit meinen Vater hier zu spazieren, wie es war als Teenager mit Freunden am Wasser zu sitzen, die Sonne zu beobachten und Bier zu trinke, als junger Erwachsener mit einer Freundin auf dem großen Stein zu stehen und wichtige Gespräche zu führen. Große Steine gibt es hier allerdings viele.

Ihr müsst wissen, vor 100 Jahren wäre ich an dieser Stelle mitten im Wasser getrieben, nichts auch nur in der Nähe um meine Füße darauf zu stellen. Das alles hier, diese Auenlandschaft ist eigentlich eine riesige Auflandungsfläche, künstlich geschaffen als der Fluss vor so langen Jahren reguliert worden war um die zahlreichen, zyklisch auftretenden Überschwemmungen zu stoppen. Die großen, schweren Steinbrocken begrenzen das aufgeschüttete Land, sie sind das Fundament auf dem diese Welt ruht. Man war wohl sehr stolz auf diese Leistung, die Zähmung des Flusses aber andererseits kann man die Natur nicht zähmen, nicht manipulieren ohne dafür einen Preis zu zahlen. Der Preis war in diesem Fall die zunehmende Verlandung des Sees. Der ursprüngliche Fluss zog weiter Linien, trief seine Wasser mit gemächlicher Geschwindigkeit voran, alt und irgendwie weise. Von solchen Flüssen hat der Mensch das Leben gelernt. Der regulierte Verlauf ist schnurgerade, reißend und kalt. Was das für die heutige zeit bedeutet und was wir davon noch lernen können das will ich jetzt gar nicht wissen. Aber zum Preis. Der reißende Fluss trägt sehr viel mehr Sand, Schlamm und Steine mit sich als der See verkraften kann, er wird langsam aber stetig aufgefüllt. Deshalb sind die Bagger da draußen, auf großen Schiffen. Sie kämpfen Tag und Nacht gegen die Folgen des menschlichen Eingriffes an. Aber im Grunde zögern sie das Unvermeidliche nur hinaus. Die Dämme links und rechts des regulierten Flusses ziehen schon weit in den See hinaus, alles Aushub, ein versucht das transportiere Material in eine Richtung zu lenken. In 200 Jahren wird es den See so vielleicht nicht mehr geben. Irgendwie hat alles Bedeutung auf meinen Weg.

Und ich komme zu dem großen Stein auf dem ich mit jenem Mädchen stand. Er ist noch da, unveränderlich, auch wenn das Wasser zu hoch ist als dass ich auf ihn steigen hätte können. Sie ist nicht mehr da. Wir waren damals gute Freunde, sie und ich und doch hat der Kontakt nicht gehalten. Es lag wohl an mir. Fragt einfach mal diesen Ort. Er hat mich auch lange nicht mehr gesehen. So bin ich, ich lasse Dinge zurück nur dass ich bisher nie zurückgeblickt habe, nicht lange genug um zu bereuen. Ich glaube hier und heute bin ich in diesem Alter: Noch jung genug um nach vorne zu blicken und zu hoffen aber schon alt genug um einiges verloren und vieles bereut zu haben.  Vielleict ist das auch gut so, denn man lernd die Dinge mehr zu schätzen und darum zu kämpfen wenn man Reue und Verlust gekostet hat. Vielleicht macht es mich ja stärker – wer weiß? Im Weggehend denke ich nochmal an sie. Was wohl aus ihr geworden ist? Auch das wird wohl ein Geheimnis bleiben das mir zu lüften nicht gegeben ist. Ich wünsche ihr, dass es ihr gut geht und das Leben auf sie herab lächelt. Ihr haltet das für etwas zu melodramatisch? Ist mir jetzt eigentlich egal. Bin ich halt verdammt in alle Ewigkeit.

Hier kommt der Wendepunkt einer Reise. Ich kann mich entscheiden auf dem Damm zu bleiben. An seinem Ende würde ich weit über den See blicken und den Wind in meinem Haar spüre können oder ich nehme die Abzweigung zurück auf den Weg nach Hause. Ich betrachte mich und stelle überrascht fest, dass ich müde bin. Der Damm wird wohl noch auf mich warten müssen. Also gehe ich die Abzweigung hinunter, sie führt mich zurück unter weit auslandenden Bäumen hindurch, sie bilden eine Art Kuppelgang über mir, eine Kathedrale der Natur, eine Religion die keinen begünstig und die nichts verspricht als die eine simple Wahrheit: Alles muss vergehen und nichts geht verloren. Menschen kommen mir entgegen, ich kenne keinen einzigen davon. Wahrscheinlich sind wir alle hier aufgewachsen und doch sind sie mir fremd. Vielleicht weil ich früh gegangen bin? Nur die ersten vier Jahre meiner Schulzeit habe ich hier im Ort verbracht. Die Freunde von damals sind wohl längst weg, verheiratet, geschieden, was auch immer. Wir würden uns wohl auf der Straße nicht mehr erkennen. Neue Freunde kamen und gingen. Ich war immer woanders, 4 Jahre hier 4 Jahre dort. Aber aufgewachsen bin ich doch hier. Egal wo ich war, egal mit wem, ich hab‘ sie trotzdem immer irgendwie hierher gebracht und ihnen diese, meine Welt gezeigt. Das überrascht und erschreckt mich. Hatte ich nicht geglaubt dem entwachsen zu sein? Den Orten und Menschen hier? Aber es ist alles noch da, die Erinnerungen, die Gefühle, all die Jahre die ich mir eingeredet hatte dies würde alles nicht bedeuten und dann wirft ein einziger Spaziergang das Bild um.

Man kann den Junge aus der Heimat nehmen aber niemals die Heimat aus dem Jungen. Ich mag diese Straßen irgendwie, sogar die Holzbrücke und den Stein. Zu viele erste male sind hier passiert, das kann man nicht ersetzen. Selbst wenn ich in New York die Upper Eastside entlanggehe wird dies nur ein Spaziergang auf irgendeiner Straße sein. Hier, genau hier, unter den knorrigen Bäumen mit dem Geruch von Seetang und verrottendem Holz in meiner Nase sind meine Erinnerungen verwurzelt. Ich vermag nicht zu sagen ob das jetzt ein Sieg oder die ultimative Neiderlage ist … und für wen. Und die tieferliegende Wahrheit ist – gerade weil dieser Ort die Heimat ist, weil so viele Erinnerungen darin konserviert sind, muss ich weg, immer wieder, immer länger. Nur da draußen, wo die Welt neu ist, kann es nach vorne gehen denn das dumme an all den Erinnerungen ist, dass sie wie eine Eisenkugel an dir hängen. Aber das kommt wahrscheinlich auf darauf an was für ein Leben man führen möchte. Ich habe meinen Weg gewählt.

Ich komme zu Hause an, bin müde. Immer noch keine Nachricht. Sie wird auch nicht kommen. Dafür hat das Universum angeklopft und mir eine Nachricht hinterlassen. Das muss doch auch was wert sein, nicht?

Wie immer wenn ich spät des Nächtens durch die Blogs anderer Menschen streife habe ich auch diesmal die eine oder andere Idee für neue Einträge aufgeschnappt. Diesmal war es die Frage, ob denn die Gedanken wirklich frei sind. Das ist verdammt schwer zu beantworten, vor allem weil man nirgendwo die „richtige“ Antwort googeln kann. Oder führt das Universum mittlerweile eine eigene Wiki?

Als Menschen sind wir zu einer gewissen Art zu denken erzogen worden, das beginnt schon bei der Sprache – man kann zeigen, dass Personen, die mit strukturell unterschiedlichen Sprachen (z.B: Japanisch im Vergleich zum Deutschen) aufgewachsen sind anders denken, ihre Umwelt anders sortieren und vielleicht sogar wahrnehmen. Sein schlägt sich in der Sprache nieder und Sprache beeinflusst im Gegenzug das Sein – ein sich ewig drehender Kreis und die Frage was zuerst damit angefangen ist genauso müßig wie unsägliche „Henne oder Ei“ Diskussion.

Einen wesentlichen Einfluss zu Beginn haben sicher die ersten Bezugspersonen, in den meisten Fällen immer noch die eigenen Eltern. Und wer glaubt die Rebellion gegen das Elternhaus sei ein Zeichen von besonders freien Gedanken und höchst ausgeprägtem Idealismus dem sei an dieser Stelle gesagt, dass dieses Auflehnen „gegen etwas“ im Prinzip auch nur ein Zeichen von Beeinflussbarkeit ist („Rebell without a cause“ Syndrom) und keineswegs auf Augenhöhe mit dem sich Auflehnen „für etwas“ operiert.

Aus dem Elternhaus draußen beginnen andere Einflüsse unser Denken zu formen und es in eine bestimmte Richtung zu drängen. Das sind dann Freunde, Lehrer, Professoren, die Medien, alles Mögliche. Natürlich kann man diese Einflüsse ein wenig steuern aber wirklich nur minimal. Ist euch schon mal aufgefallen mit was für Menschen man sich in der Regel umgibt? Natürlich solchen die ähnliche Interessen haben, deren Einstellungen sich mit den eigenen decken, die genetische Vielfalt welche die Natur so liebt scheint im geistigen Bereich oft etwas zu kurz zu kommen. Oder wann habt ihr euch das letzte Mal einfach so mit denen befasst die euch generell etwas komisch vorkommen, mit denen ihr nichts gemeinsam habt und deren Argumente euch wenig überzeugend erscheinen? Keine Sorge, ich fange nicht an zu predigen, bin ja genauso weil auch nur ein Mensch. Aber selbst wenn wir uns darauf einließen … wären unsere Gedanken dann frei? Vielleicht nicht, aber zumindest etwas freiER.

Im Prinzip haben wir das Potential alles zu denken was denkbar ist (und, es sei an dieser Stelle angemerkt, es ist überraschend wie viele nicht denkbar ist bis ein großer Gesit es endlich ersinnt -> wahrscheinlich einer der Hauptgründe warum sich jede Generation für den Höhepunkt dieser doch recht erstaunliche Kette namens Menschwerdung hält), aber tatsächlich werden wir immer im Rahmen unserer Prägung bleiben. Deshalb ist es auch so schwer andere Menschen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Meine Einstellungen, Ideale, alle in schöne Gedanken gefasst, machen für mich so perfekten Sinn weil sie mit mir herangereift sind, sie haben sozusagen tiefe Bahnen in die Straßen meines Geistes gegraben und ziehen dort munter ihre Runde.  Aber kaum versuche ich diese simplen subjektiven Wahrheiten einem anderen Geist zu vermitteln schon beginnen die Probleme. Meine Argumente werden falsch verstanden, anders interpretiert. Und da werden dann die Filter sichtbar mit denen wir auch die Wirklichkeit erfassen. Wie kann man eine absolute Freiheit der Gedanken postulieren, wenn sie so offensichtlich gefärbt durch die verschiedensten Gläser in die Kammer unserer subjektiven Wirklichkeit fallen – Gläser von denen wir uns die meisten nicht einmal selber ausgesucht oder aufgesetzt haben?

Aber vielleicht ist das mit den freien Gedanken so wie mit dem freien Willen – im Grunde ist es für den Alltag und aus Sicht des Pragmatikers egal ob unser Handel determiniert und frei ist – sicher wüssten wir es ohnehin wenn wir die Zeit zurückdrehen und beobachten könnten ob ich zweimal hintereinander dasselbe tun und denken würde. Wahrscheinlich existiert ein solcher freier Wille nicht, auch in tausend Schleifen würde ich wahrscheinlich immer wieder dasselbe tun.

Macht das einen Unterschied für mich hier und jetzt? Nein, eigentlich nicht, denn es kommt mir, im Jetzt so vor als könnte ich entscheiden ob ich nach links oder rechts gehen, jemand aus der Zukunft wüsste es sicher – aus meiner Sicht Freiheit, aus seiner Sicht alles determiniert.

Zum Abschluss: Wie mit den meisten Dingen im Leben lohnt sich wohl ein pragmatischer Ansatz – wir sollten einfach so tun als wären unsere Gedanken frei, denn wenn sie es sind, dann ist es okay und wenn sie es nicht sind, dann kann alle Philosophie der Welt nichts daran ändern.