Archive for März, 2011


Ich kann mich ja noch verdammt gut an das Jahr 1994 erinnern. Nicht nur weil es das Jahr war in dem wir Kurt Cobain verloren haben, sondern auch weil das so die Zeit war, in der ich meinen eigenen Geschmack und Weg zu entdecken begann. In dem Jahr fuhr ich mit meiner Mutter auf Urlaub nach Italien, um genau zu sein auf die Insel Ischia. Das einzige war mir einen Tag vor der Abreise noch fehlte war gute Musik. Damals kam die auf silbernen Scheiben und jede davon fasste nur ein Album. Ja, MP3 und iTunes waren zu der Zeit noch Zukunftsmusik.  In jenen Tagen kaufte ich manchmal ne CD einfach nur weil mir die Hülle gefiel oder weil sie in der Ablage „Musiktipps“ einsortiert war. Sowas gab es in dem Musikladen. Sind beide weg. Sowohl der Musikladen als auch die „Musiktipps“ Rubrik. Schade eigentlich, manchmal findet man wirklich Rohdiamanten wenn man nur mal vom altbekannten Weg abweicht. Auch musikalisch. Um es kurz zu machen – in diesem Laden fand ich bei den Tipps eine CD von einem gewissen Pete Droge mit dem Titel „Necktie Second“. Weder von dem Typen noch von der CD hatte ich vorher was gehört. Dennoch. Ich ging ein Risiko ein und kaufte mir das Teil. Was soll ich sagen? Pete lief dann praktisch täglich, den Urlaub durch und auch danach. Seit dem hol‘ ich das Album immer wieder mal raus (war eine der ersten CDs die auf den iPod übertragen wurde), höre es mir an und stelle zu meiner großen Verwunderung fest, dass mir immer noch jedes einzelne Lied gefällt und die Texte über die Jahre wenig an ihrer Bedeutung verloren habe. Obwohl es jetzt 17 Jahre her ist, dass ich das zum ersten Mal gehört habe.

Wie soll ich die Musik erklären? Was hat dieses Album Besonderes, das mich auch noch nach so vielen Jahren fast genauso anspricht wie damals? Zum einen mal ist es stark von der amerikanischen Folk-Bewegung der 60er und 70er inspiriert, mit eingängigen Gitarrenmelodien, ohne auffällige Spezialeffekte wie Verzerrungen und ähnliches. Zum anderen ist es aber auch sehr „grungig“ mit teils depressiven, teils realistisch-melancholischen Texten, ab und zu kommt sogar etwas Humor auf, auch wenn Pete weiß Gott kein Komiker ist. Ich denke das hat meine damalige Stimmung ziemlich gut wiedergespiegelt und sowas vergisst man nicht. Es war genau die richtige Musik zur richtigen Zeit. Definitiv prägend. Und dann ist da noch Petes Stimme. Sie klingt nicht so wie man es von Popstars erwartet, es ist eine knarzige Stimme die manchmal so klingt als würde sie gleich kippen, etwas rau und … ein gewisser Schmerz steckt da drin. Kurt Cobain konnte das sehr gut, Schmerz über seine Stimme vermitteln. Pete hat eine ähnliche Gabe auch wenn er im Gegensatz zu Kurt seine Agonie nie herausschreit, seine Melancholie ist mehr vergleichbar mit jemandem der mit gesenktem Kopf, tief in sich versunken, durch die Straßen schleicht. Sicher nicht Punk aber sehr viel verborgene Emotionalität. Das gefällt mir. Ich mochte Nirvana auch immer am liebsten wenn sie sich von ihrer verletzlichen Seite zeigten (Pennyroyal Tea, Something in the Way, All Apologies).

Leider hat man seit „Necktie Second“ nicht mehr viel von Pete Droge und seiner Band gehört. Da lag ich mit meiner Meinung, dass er einer der ganz Großen werden würde, ziemlich daneben. Aber nun ja, zumindest hat er der Welt diese großartige CD geben (und noch ein paar andere, an die man sich aber heute kaum mehr erinnert) und dafür werde ich ihn sicher nie vergessen.

Da ich gerade in der notwendigen Stimmung dafür bin, werde ich einfach mal die Tracklist von „Necktie Second“ durchgehen und ein bisschen was zu den Songs sagen – vielleicht bekommt ja der eine oder die andere von euch Lust sich das Album direkt zuzulegen. Würde mich freuen. Pete hätte es verdient.

Track 1: If you don’t love me (I‘ll kill myelf). Der Titel, so wie überhaupt das ganze Lied, ist ironisch gemeint. Es geht um einen Typen der eine Frau liebt und ohne sie nicht leben kann, er würde alles für sie tun, versucht sie zu überzeugen, in dem er sich Millionär ausgibt, gesteht dann aber, dass er eigentlich nichts als seine Liebe hat. Er erlaubt ihr sogar sich anderweitig umzusehen, wenn sie nur wieder zu ihm zurückkommt. Tja, Obsession halt. Einer von Petes (leider) wenigen großen Hits.

Track 2: „Northern Bound Train“. Hier geht es so richtig los – ein wirklich mächtiger Song mit einer schönen Melodie (klassisch mit Gitarre, wunderbar) und einem verdammt traurigen Text, der mir immer noch ne Gänsehaut bereitet.  Worum geht es? Die große Liebe besteigt einen Zug nach Norden, Du selbst bleibst zurück und fragst Dich was eigentlich passiert ist. Hat sie nicht gesagt sie wird für immer bleiben? Und warum sagt sie, dass es Liebe ist, wenn sie doch geht? Kommt euch das bekannt vor? Und am Ende der Gedanke: Träumen bis sie zurückkommt oder selber einen Zug nach Norden besteigen? Wenn das nicht ne fundamentale Frage ist!

Track 3: “Straylin Street”. Das Lied eines Mannes der innerlich zerrissen ist, immer auf der Suche nach irgendetwas, auf der Straße des Lebens, immer unterwegs von hier nach dort. Traurig. Treffend. Damit konnte ich mich in meiner Jugend gut identifizieren. Vielleicht ja immer noch …

Track 4: “Fourth of July”. Ein verdammt harter Song. Die Melodie ist Trauer pur. Pete singt über einen Freund der sich am 4. Juli (dem amerikanischen Unabhängigkeitstag) das Leben genommen hat. Der Schmerz jemanden verloren zu haben, die Erkenntnis, dass die Freundschaft nicht genug war um demjenigen die Kraft zum Leben zu geben …  spürt man alles. „On the fourth of July / See the sparks in the sky / When you’re sick of the trying / and you’re tired of the crying / Then the fourth of July / Is a good day to die / They’ll celebrate each year / Your independence from here…” – einfach nur hart.

Track 5: “Faith in You”. Kein schlechtes Lied, kann aber nicht mit den vorherigen drei mithalten. Die Melodie ist gut aber dem Text fehlt ein wenig der Biss. Pete singt davon, wie mit den Jahre, die man durchs Leben geht, alles irgendwie verschwommener, unklarer und unehrlicher wird. Nicht mein Favorit aber auch nicht so, dass man den Track überspringen müsste.

Track 6: “Two Steppin Monkey”. Dieses Lied ist einfach nur großartig. Pete singt von ganz normalen Menschen die banale, manchmal dumme Dinge tun, von denen sie glauben, dass sie sie weiter bringen im Leben. Aber alles was sie tun ist eine kleine Zirkusnummer von sich zu geben, wie kleine dressierte Äffchen. Die Banalität des Lebens, die Dummheit des Menschen der so viel Potential hätte und es doch nie richtig nutzt. Am Ende gehören wir doch wirklich alle in den Zoo.

Track 7: “Sunspot Stopwatch”. Ein teilweise herrlich böses Lied. Pete betrachtet treffend mit scharfer Zunge das Verhalten von Menschen, wie sie sich als etwas anderes ausgeben als sie sind, stolz daher marschieren, sich darstellen nur um am Ende allzu oft auf den Hintern zu fallen. Tja, wer glaubt, den Teufel in die Flucht geschlagen zu haben, stellt nicht selten fest, dass dieser zurückkommt um denjenigen so richtig in den Hintern zu beißen.

Track 8: “Hardest Thing to do”. Dieser Song erwischt mich immer wieder. Eigentlich ist es ganz einfach – es geht um Vertrauen – das Vertrauen in andere Menschen und wie verdammt schwer es ist dieses zuzulassen. „It’s the hardest thing to do“ – da hat er recht, der Pete. Und gleichzeitig müssen wir lernen zu vertrauen, wenn wir lieben wollen.

Track 9: “So I am over you”. Ein ewiger Favorit meiner Wenigkeit. Jetzt mal ehrlich – Du wurdest verlassen, bist am Ende, kaust am Teppich und betrinkst dich in der Kneipe um die Ecke nur damit der Schmerz aufhört. Aber gleichzeitig schreist du ein trotziges „Ich bin über dich hinweg“ ins Universum. So ist das Leben. So ist dieses Lied.

Tack 10: “Dog on a Chain”. Ein bisschen stereotyp aber durch die großartige emotionale Darbietung absolut hörenswert. Ein junger Mann lernt auf die harte Tour wie Liebe dich runterziehen und festketten kann. War wohl zwischen 16 und 20 mein absolutes Lieblingslied.

Track 11: “Hampton Inn Room”. Dieses Lied ist der perfekte Abschluss für ein großartiges Album. Ein Anruf bei der Freundin aus einem Hotelzimmer, sich gegenseitig die Liebe erklären trotz der großen Entfernung. Eigentlich muss man gar nicht mehr sagen, dass man sich gegenseitig vermisst, lieb hat und an den anderen denkt, ist ja klar – aber man tut es trotzdem, einfach weil es sich gut anfühlt. Jeder der schon mal in einer Fernbeziehung war wird verstehen. Nur Pete und seine Gitarre. Sehr intim. Wunderschön.

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Momentan ist es hier ja ein bisschen ruhig. Liegt nicht daran, dass ich mein Interesse am Schreiben verloren hätte, ganz im Gegenteil sogar: Dieser Tage bin ich an mehreren ernsthaften Projekten dran, die hoffentlich in Veröffentlichungen gipfeln werden, daher die Ruhe (der Sturm kommt noch, wenn alles gut geht).  Dennoch fühle ich mich heute inspiriert genug was für den Blog zu schreiben und zwar ein Motten-Requiem. Wie ich darauf gekommen bin? Zum einen durch ein Gespräch mit einer guten Bekannten, wie meistens eigentlich. Zum anderen aber auch, weil ich eigentlich alle Tiere mag. Nun, nicht jedes aus der Nähe, wäre auch verrückt und lebensgefährlich aber im Grunde habe ich noch kein Tier entdeckt für das ich nicht eine gewisse Art von Mitgefühl empfunden hätte. Selbst für Zecken. Wie gesagt – nicht alle aus der Nähe 😉

 

Hier ist es also, das Requiem für eine Motte:

Ich habe es kaum gekannt, das kleine Tier mit den grau-braun gemusterten Flügeln, die aussehen als wären sie mit farbigem Pulver begossen worden. Schön sind sie, diese Flügel, irgendwie. Jeweils ein Streifen und ein Kreis, so als hätte ein Künstler sie entworfen und nicht pure natürliche Selektion. Jeden Abend, wenn ich am Fernseher saß, kam es vorbeigeflogen, warf große, bedrohliche Schatten an die Wand. Bei einem Menschen hätte man wohl von einem grandiosen Auftritt gesprochen. Meistens landete es dann auf dem hellen Schirm und genoss vielleicht die Strahlung oder was auch immer diese neuen LCD-Fernseher von sich geben. Kann auch nur das Licht gewesen sein, das es angezogen hat. Ich sage „Es“ weil ich nicht mal weiß ob die Motte ein Männchen oder ein Weibchen war. So ein Gastgeber war ich.

Im Flug kam es mir immer so riesig vor, ein dunkles Knäuel aus flatternden Flügeln, die so schnell schlugen, dass alle Konturen verwischten. Jetzt schlagen sie nicht mehr. Nie wieder. Es ist tot, liegt auf meiner Fensterbank. Komisch, sich vorzustellen, dass dieses kleine Insekt, der Begleiter, an den ich mich gewöhnt hatte, nicht mehr aufsteigen wird, zum Licht, zum Fernseher, zur weißen Wand. Wo geht das Leben hin? Der kleine Körper hat einfach aufgehört damit, von gerade auf jetzt.

Ich frage mich ob Du, kleines Insekt, ein gutes Leben hattest. Immer genug zu Essen und trinken, Luft zum Atmen, vielleicht auch einen Partner.  Ich bin ein Mensch und weiß daher wenig über das Gefühlsleben von Tierchen wie Dir, werde es auch nie verstehen können aber ich nehme mal an, wenn es weh tut dann tut es weh, egal ob man einen großen Neokortex hat wie ich oder nicht, ist wahrscheinlich dasselbe. Wenn ein Bedürfnis befriedigt wurde wird sich das auch für dich irgendwie gut angefühlt haben. Selbst ein wirklich einfaches Lebewesen wie das Pantoffeltierchen vermeidet unangenehme Zustände und strudelt auf angenehme zu.  So ist das mit dem Leben.

Es ist wahr, Du und ich, wir haben unterschiedliche Wege auf dem Baum der Entwicklung genommen, Vorfahren von denen wir nie erfahren werden haben uns zu dem gemacht was wir sind – unterschiedlich. Und doch, irgendwie kommen wir vom selben Ort  und wenn ich Dich jetzt so betrachte, leblos auf der Fensterbank, dann begreife ich auch, dass wir an denselben Ort gehen. Was machen da schon die paar Jahre in denen wir wirklich verschieden sind? Im Grund sind wir Brüder. Irgendwie.

Darum verabschiede ich mich jetzt von Dir und hoffe Dir hat im Leben nicht allzu viel weh getan und die angenehmen Zustände überwogen.

Das Leben an sich ist eine ziemlich unausgewogene Sache wenn ihr mich fragt. Also nicht nur innerhalb eines einzigen Lebens sondern auch wenn man verschiedene Leben miteinander vergleich. Ist jetzt nicht esoterisch gemeint aber wenn man mal schaut wie es dem einen im Vergleich zum anderen geht stellt man schon fest, dass da Welten dazwischen liegen. Wie ich da jetzt drauf gekommen bin? Wie immer natürlich durch mein Umfeld. Ich beobachte die Menschen, mache mir Gedanken. Manchmal ist das ganz witzig aber sehr oft ärgert es mich auch irgendwie und ich werde in meiner Überzeugung, dass es keine höhere Macht gibt die da am Steuer sitzt, aufs Neue bestärkt.

Ich selbst hatte es ja immer ziemlich leicht. Also relativ. Natürlich waren da immer mal wieder Katastrophen und für mich schien jede einzelne davon unüberwindlich, weltbewegend und einer griechischen Tragödie würdig. Einfach weil ich, als wahrnehmender Mittelpunkt meiner Welt, automatisch immer das Maximum des Vorstellbaren erlebe. Aber wenn man ganz angestrengt versucht objektiv zu sein wird schnell klar, dass mein Umfeld meistens gut behütet und irgendwie sicher war. Wenn ich so unreflektiert mein Leben betrachte kommt nicht ganz ohne Stolz das Gefühl in mir auf ziemlich unverwüstlich zu sein, stark und abgebrüht weil ich bisher alles irgendwie gemeistert habe. Ist natürlich völliger Blödsinn. Das ärgert mich auch an so vielen anderen denen es gut geht und die über ihre kleinen (subjektiv natürlich riesigen) Probleme klagen und sich Gleichzeit für John McClane halten der gerade mal wieder die Welt gerettet hat (Off-Topic: Wollen die mal wieder was Neues machen? Es gibt definitiv zu wenige Männer die in verbluteten weißen Unterhemden die Welt retten).

Ich habe so das Gefühl, dass die Ausgeprägt des Gefühls von Stärke und Coolness sich umgekehrt proportional zur tatsächlichen Problembeladenheit des Lebens verhält. Schöner Satz, nicht? Aber was meine ich damit?

Ich kenne eine ganze Menge Leute die sich wirklich für verdammt stark und hart im nehmen halten, die sich ständig damit brüsten was sie nicht schon alles durchgestanden hätten wie sie jedem Orkan der Existenz trotzten. Dann schaut man mal hin und sieht nur Trivialitäten. Die wurden nie wirklich vom Leben herausgefordert oder getestet. Die haben nur dieselben kleinen Nichtigkeiten wie wir alle erlebt und sind da mehr oder weniger unbeschadet rausgekommen. Nichts weswegen man auch nur eine Postkarte nach Hause schreiben würde.

Und dann sind da diese anderen Menschen. Die sind meistens sehr viel ruhiger und wenn man sie fragt würden die sich eher als schwach, als Versager und Feiglinge bezeichnen, meistens wollen sie über ihre Probleme gar nicht so reden weil sie Angst haben ihre Umwelt damit zu belasten. Aber wenn man deren Leben mal anschaut dann blickt man nicht selten direkt in die Hölle, in Umstände unter denen ich längst aufgegeben hätte, zerbrochen wäre. Die mussten mehr als einmal ertragen, dass ihre ganze Welt zu Staub zermahlen wurde und trotzdem sind sie noch da, finden irgendwie die Kraft weiterzumachen. Nicht selten müssen sie in einer unerträglichen Zwickmühle existieren und wissen weder ein noch aus. Diese Menschen hat das Leben wirklich geprüft, die stehen mitten im Orkan und müssen weitergehen weil es einfach keine andere Möglichkeit gibt. Und warum fühlen sie sich schwach und feige? Weil man es ihnen nicht selten sagt. Jene die im Flachwasser des Lebens gemütlich auf ihren Luftmatratzen paddeln erklären schulmeisterlich, dass man sich nicht so anstellen soll, dass alles wieder besser wird. Sicher, viele wissen gar nicht um die Schwierigkeiten in denen ihre Mitmenschen stecken – trotzdem ist es eine Tragödie denn eigentlich müssten man vor diesen vermeintlich Schwachen den Hut ziehen und ihnen ehrlich mal den Respekt zollen den sie verdienen. Es ist verdammt leicht cool, stoisch und ein zäher Hund zu sein wenn das Leben einem nur Steinchen in den Weg legt. Ganz anders sieht es aus wenn einfach alles um dich herum zerbricht – finanziell, familiär, beruflich, gesundheitlich. Wem es unter den Umständen nicht mehr gut geht der ist weder feige noch schwach sondern einfach nur menschlich, weitermachen ist da verdammt mutig und hat meinen vollsten Respekt. Aufgeben ist immer eine Option und manche tun das auch. Interessant ist, dass jene, die nicht aufgeben, dies gar nie als Option sehen, sie machen weiter „weil man das muss und das jeder tun würde“. Stimmt nicht. Müssen tut man gar nichts und bei weitem nicht jeder kämpft. Wer die Kraft aufbringt sich gegen die Widrigkeiten zu stellen tut das aus eigenem Antrieb, es ist seine oder ihre eigene Leistung – sollte man auf keinen Fall runter spielen.

Oft trauen sich diese Menschen dann auch nicht mehr sich anderen anzuvertrauen weil sie zu oft erlebt haben, dass man sie negativ abgestempelt hat, oder ihnen wurde seit frühester Kindheit erzählt, dass man sowas ertragen muss weil ja alle irgendwelche Probleme haben und niemand damit belastet werden soll. Blödsinn sage ich. Jeder braucht mal eine helfende Hand, vor allem in schwierigen Zeiten. Es sollte nicht sein, dass gerade jene, die einen Flügelmann oder eine Flügelfrau am dringendsten brauchen, sich nicht trauen so jemanden zu suchen weil das gesellschaftlich gerade nicht in Mode ist.

In meiner Umgebung gibt es solche mutigen, starken Menschen die sich aber niemals selber als solche bezeichnen würden. Ich wünschte ich könnten ihnen zeigen wie ich sie sehe, ihnen klar machen was für große Taten sie schon vollbracht haben nur um an diesen Punkt zu gelangen. Ich denke mir, wenn die nur wüssten wie stark sie sind könnten sie im Leben alles erreiche, inklusive sich an den eigenen Haaren aus den Schwierigkeiten herausziehen. Das ist natürlich die Sicht eines Menschen der nie in diesem Sumpf gesteckt hat. Hab ja leicht reden, ich. Viel kann ich nicht tun. Aber da sein für, die es wollen, das zumindest kann ich.

Achtet mal selber auf eure Umwelt und betrachtet die Leute genauer. Schaut hin wenn sich jemand als besonders zäh bezeichnet wie dessen leben aussieht und ausgesehen hat. Werdet besonders hellhörig bei den Leisen, jene die man für den ersten Blick für schwach halten würde. Da warten einige Überraschungen.

Ich mag abstrakte Themen, sie verleiten dazu die Gedanken einfach schweifen und wachsen zu lassen. Wenn ich so schreibe bin ich nicht mehr gebunden an eine starre Struktur, die logische Kette von Argumentationen die Sachthemen in der Regel verlangen. Mein schreibendes Ich wandert dann ein bisschen weg aus dem Kopf in den Bauch hinunter wo die Gefühle zwar intensiver aber auch dunkler werden. Da muss ich jetzt hin um mich mit einer ganz bestimmten Frage zu beschäftigen.

In letzter Zeit habe ich mir mehrfach die Frage gestellt ob Liebe eine Form von Abhängigkeit ist. Klar, ihr werdet jetzt mit den Augen rollen und euch fragen warum schon wieder jemand über ein so altes und abgedroschenes Thema wie die Liebe schreibt. Ist dazu nicht schon alles gesagt? Wahrscheinlich schon aber das Leben ist eine komische Sache – jeder muss es für sich selber entdecken und neu aufrollen, Erkenntnis muss von jedem einzelnen Menschen selber gemacht werden. Weder Eltern noch Ratgeber können die eigene Lebenserfahrung ersetzen. Und deshalb schreibe ich darüber, weil ich mir selbst über das eine oder andere klar werden möchte.

Also. Liebe. Wenn ich verliebt bin oder gar jemanden liebe, dann will ich jede Minute mit dieser Person zusammen sein, ich will wissen was sie denkt, was sie fühlt. Ich will ihr helfen wenn es ihr schlecht geht und an ihrer Seite stehen wenn sie einen Kampf auszufechten hat. Wenn ich wirklich liebe, dann ist das beinahe bedingungslos. Damit gebe ich diese Person eine ziemliche Macht über mein Leben und mein Herz. Wenn man liebt, kann ein Wort des geliebten Menschen die Welt erschaffen aber genauso gut kann ein anderes Wort diese Welt zu Staub zerfallen lassen, einfach so. Dann brennt der Himmel und das Meer kocht.  In guten Zeiten hat man das Gefühl unverwundbar zu sein, dass man mit allem fertig wird was einem das Leben entgegenwerfen mag. Aber in den schlechten Zeiten frisst sich die unfassbare Erkenntnis in dich hinein, dass, egal was passieren wird, nichts mehr je wieder richtig gut sein kann.

Ist das nicht sowas wie eine Abhängigkeit? Also von der Grundbedeutung des Wortes aus gesehen? Nicht nur im moderneren Sinn von „ich braucht es, ich will es, ich kann ohne es nicht leben“ sondern vielmehr im Sinne von: Wenn dort etwas passiert dann macht das etwas mit mir weil ich da dran hänge, Teil davon bin. Das passt doch ziemlich gut, oder? Teile eines Ganzen hängen aneinander, man kann nicht mit dem einen Teil etwas tun ohne, dass mit dem anderen Teil auch etwas passieren würde. Und ist es nicht so, dass man Teil von etwas Neumen, Größeren wird wenn man liebt? Größer meine ich jetzt in keinem Fall wertend sondern vielmehr im Sinne von: Da ist jetzt etwas dazugekommen was vorher nicht da war.

In dieser Konstellation glaube ich schon, dass Liebe zu Abhängigkeit führt. Man ist nicht mehr so selbstständig wie vorher, zumindest wenn man wirklich tief und wahrhaft liebt. Es gibt auch diese andere Art von Liebe die mehr ein Verlangen darstellt. In diesem Punkt möchte ich schon eine klare Unterscheidung treffen. Bloßes Verlangen kennt viele Ziele, kann auf verschiedene Arten befriedigt werden, denn Verlangen, so brennend und schneidend es sein kann, ist im Grunde doch dumpf und drängt nur auf eine Befriedigung hin. Liebe, oh die Liebe, sie ist scharf wie ein Skalpell und kennt ihr Ziel sehr genau. Wer liebt der liebt eine bestimmte Person. Liebe erzeugt Verlangen aber nie nur um des Verlangens willen. Reines Verlangen macht dich zu einem Gefangenen deiner selbst, deiner Gelüste und Triebe die dich über die Meere wehen während die Liebe dich in gewisser Weise zu einem Gefangenen eines Gegenübers macht. Wenn ich also liebe mache ich mich irgendwie abhängig.

Die Frage ist ob das gut sein kann. Wenn mich die Liebe abhängig macht dann verliere ich einen Teil meiner Freiheit. Zeit die ich vorher mit der Betrachtung meiner Welt, mir und meines Bauchnabels verbracht habe fließt plötzlich in andere Kanäle. Ich ertappe mich dabei wie ich lieber an diese Person denke als etwas zu tun was nur mit mir und meinen Zielen zu tun hat. Das muss nicht schlecht sein. Im Gegenteil – oft ist es sogar schön sich ausmalen wie es der geliebten Person geht, was sie tut und in diesem Moment gerade empfindet. Aber gleichzeitig habe ich auch etwas zu verlieren. Wir erinnern uns – wer liebt der wird Teil von etwas Größerem und die meisten Leute die ich kenne mögen dieses Gefühl. Plötzlich ist da etwas was man nicht mehr missen möchte. Wir Menschen sind aber mit der Fähigkeit gesegnet/gestraft in die Zukunft blicken zu können, wir wissen um die Endlichkeit, den Verlust und die Entropie in diesem Universum. Alles was wir haben werden wir auch wieder verlieren. Das ist eine Tatsache. Unsere Jugend, die Gesundheit, die Freunde, unsere Eltern, alle Besitztümer – auch die Liebe. Wer liebt leidet also auch unter Verlustängsten. Ist das wahr? Ich schon. Manchmal.

Wer aber Angst hat zu verlieren beginnt sich oft an die Dinge zu klammern die er hat. Das ist eine dunkle Facette der Abhängigkeit. Nicht nur dieses Gefühl von „Wir sind eins, was dir passiert geschieht auch mir“ sondern auch die Angst zu verlieren was man geworden ist. Und das ist unbestreitbar Teil dieses großen Abenteuers „Liebe“. Vier von fünf Filmen handeln davon. Damit weckt man düstere Geister wie Besitzgier (ich will sie nur für mich), Eifersucht (kein anderer darf sie auch nur anschauen) und Wahn (was wäre wenn …). Man sieht sie doch überall, immer wieder, diese armen Seelen die sich in der Steilwand der Liebe verstiegen haben und weder vor noch zurück können, einfach nur gefangen. Die dunkle Seite der Abhängigkeit ist es auch, welche die Liebe nur allzu oft zerstört. Wie Lennie in „Von Mäusen und Menschen“, eigentlich viel zu stark für das bisschen Hirn dahinter. Das geliebte Objekt wird zwischen Fingern zerquetscht die eigentlich nur streicheln wollten.

Für mich ist das eine Art Erkenntnis um die ich mich schon sehr lange drehe. Liebe erfüllt viele Bedingungen von Abhängigkeit. Die gegenseitige Beeinflussung, die Angst vor dem Verlust, die emotionale Gebundenheit. Aber was soll man da machen? Aufhören zu lieben? Abgesehen davon, dass das gar nicht geht will ich dieses Gefühl irgendwie nicht aus meinen Leben verbannen. Es ist schön. Was wäre der Ausweg?

Vielleicht die absolute, bedingungslose Liebe die nichts fordert, die einfach nur da ist und gibt. Aber es gibt wohl nur wenige Menschen die so lieben können, die einfach nur glücklich sind und nicht festhalten wollen weil sie nicht nur im Kopf sondern auch im Herzen verstanden haben, dass man nichts festhalten kann ohne ihm nicht auch in gewisser Weise weh zu tun. Kann man einen anderen Menschen überhaupt auf diese Art lieben oder muss es immer Abhängigkeit sein? Diese Liebe würde die Abhängigkeit überwinden ohne in Gleichgültigkeit überzugehen. Es ist jene Form die Freiheit schafft und nicht erdrückt – für beide Seiten.

Vielleicht kann man das ja üben in dem man andere einfach so annimmt wie sie sind, inklusiver der Person(en) die man wirklich und wahrhaftig liebt. Man muss deren Freiheit und deren Glück akzeptieren. Und vielleicht sogar die bittere Erkenntnis schlucken, dass die Menschen die man so sehr liebt auch mit jemand anderem glücklich sein können. Das öffnet die Türe für neue Einsichten über die Abhängigkeit.

Antworten habe ich jetzt zwar immer noch keine aber dafür viele neue Fragen.