Wie so oft in diesen Tagen saß ich vor Twitter und hing meinen eigenen Gedanken nach als mich eine Meldung in meiner Timeline überraschend ins Hier und Jetzt zurück holte, einem Anker gleich, der ein treibendes Schiff an Ort und Stelle hält. Ein treibendes Schiff. Ich finde dieses Bild gut, denn so bin ich wenn ich nicht gerade schreibe oder über das Schreiben nachdenke. Ziellos irren meine Gedanken umher, mal unten, mal oben und die Zeit zerrinnt in meinen Hirnwindungen. Der Willkür der Winde des Zufalls ausgeliefert. Wahrscheinlich bin ich in diesem Zustand zu wenig zu gebrauchen, erst wenn eine neue Idee sich formt bekomme ich Fokus, ein Ziel und die Zeit beginnt wieder für mich zu arbeiten statt scheibchenweise mein Leben zu zersäbeln.

Ich las die Zeile: „Die schönsten Geschichten enden nie“ und mit einem Mal war ich wieder am einzigen Ort an dem ich wirklich zu Hause bin. Wir Menschen sind wahrscheinlich die einzigen Lebewesen, die sich ihrer eigenen Endlichkeit bewusst sind, sobald wir ein gewisses Alter erreicht haben (irgendwann zwische 6 und 12) beginnt das Wissen hochzutreiben, dass unser Existenz nicht von ewiger Dauer ist, wir erkennen, dass die Toten nicht zurückkommen und wir irgendwann auch zu dieser stetig wachsenden Armee gehören werden. Unser Leben, wenn man es als Geschichte versteht, hat einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende. Dass dieses kein Happy-End sein wird ist uns klar.  Leonard Cohen hat mal in einem Interview gesagt, dass er sich eigentlich nicht vor dem Tod fürchtet, wovor er Angst hat sind die Umstände unter denen es passieren wird und er hoffe, dass diese nicht allzu schlimm sein werden. Aber der Tod ist immer eine Tragödie, etwas geht unwiederbringlich verloren, eine Geschichte findet ein Ende die so nie wieder erzählt werden wird. Ist da der Wunsch nach einer „unendlichen“ Geschichte nicht verständlich?

Die Sehnsucht nach Unendlichkeit ist in uns tief verwurzelt und ich selbst bin, was diese Frage betrifft, zwiegespalten. Es ist momentan irgendwie „in“ auf die Frage „Willst du ewig leben?“ mit „nein“ zu antworten, das hat etwas Mutiges, Echtes, Geerdetes, es ist die Antwort eines Actionhelden der zu viel gesehen hat, zu viel erlebt hat, als dass er diese Existenz ewig erdulden könnte aber ich glaube doch, dass dieser Wunsch nah Leben in jeden Menschen vorhanden ist. Man sieht es deutlich am Ende, wie sich fast jeder mit Klauen und Zähnen an das bisschen Leben klammert das er oder sie noch hat, plötzlich sind all die Sprüche vergessen. Sicher, manche gehen in Würde, erhobenen Hauptes aber ich glaube nicht, dass das die Mehrheit ist.

In Geschichten umgehen wir dieses Problem oft, wir enden mit „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann  Leben sie noch heute“. Die Option der Ewigkeit bleibt offen, denn es sagt ja niemand, dass sie gestorben sind. Viele Eltern glaube ja, dass die geschichte so Enden um die Kidner zu beruhigen, aber eigentlich sind es die Erwachsenen selbst, die beruhigt werden müssen. Die Helden sind meistens jung, in ihrer Blütezeit. Wir lieben Bücher mit Helden die nicht altern, seien sie nun Magier, Alchemisten, Vampire oder durch Nanotechnologie aufgewertete, smarte Cyberagenten der Zukunft bzw. irgendwelche Auserwählte. Ihnen allen ist gemein, dass sie die Angst vor dem Tod überwunden haben, sie leben nach ihren eigenen Regeln und lassen sich von der Biologie keine Deadline setzen.  Geschichten verraten viel über eine Kultur, über die Wünsche, Träume und Hoffnungen, egal wie gut sie sonst verborgen werden.  Es sagt viel über uns, dass es kaum Geschichten über Menschen ab dem 6. Lebensjahrzehnt gibt, es ist so als würden wir versuchen diesen Abschnitt auszublenden. Aus dem Leben geht das nicht, wir alle kommen da hin – wenn wir Glück haben, denn wie sagt man? Es gibt nur eine Sache die schlimmer ist als alt zu werden – und das ist nicht alt zu werden.

Einerseits wünsche ich mir diese Ewigkeit so sehr wie jeder andere Mensch. Der Gedanke irgendwann einmal nicht mehr dabei zu sein, nicht sehen zu können wie die Menschheit sich entfaltet, entwickelt und ihre bisherige eingeschränkte Existenz für neue, grünere Weiden hinter sich lässt, das ist bitter, es schmeckt wie Galle in meinem Mund.

Andererseits weiß ich, dass das Leben an sich durch seine Endlichkeit einen Kontext bekommt. Ich merke es an mir selbst, wie ich zu treiben beginne wenn es kein klar definiertes Ziel gibt, wie mir die Dinge entgleiten und ich die Kontrolle verliere, meine Gedanken sich ausdehnen, sich im Raum verteilen bis sie so dünn und durchsichtig geworden sind, dass sie praktisch nicht mehr existieren. Es sind die Ziele, die Deadlines, die mich wieder auf Kurs bringen. Es ist paradox, ich weiß, aber umso eingeengter ich durch die Zeit bin umso kreativer werde ich. Gib mir einen ganzen Abend an dem ich nichts anderes tun muss als für mich selbst zu schreiben und ich bekomme fast nichts hin, gib‘ mir aber dreißig Minuten zwischen zwei Konferenzterminen und ich schreibe Sachen die mich selbst verblüffen. Das Leben selbst eingefasst durch zwei unvermeidliche Enden – die Geburt und den Tod. Die Zeit dazwischen können wir füllen, aber sie wäre vielleicht bedeutungslos, reines sich-treiben-lassen, wenn nicht auch ein Ende zumindest irgendwo am Rande unserer Wahrnehmung spürbar wäre. Vielleicht ist das Wissen um die eigene Sterblichkeit am Ende gar kein Fluch sondern ein Geschenk, der Auslöser für das was wir Menschwerdung nennen. Ein existiert in einem permanenten Zustand des „Jetzt“, der Bewußtseinsstrom wird linear abgearbeitet vom Anfang bis zum Ende. Die logische Folge ist eine instinkthafte Existenz , abstrakte Ängste vor dem Tod haben da keinen Platz, aber auch nicht das schmieden von komplexen Plänen, das Schätzen der Dinge die sind und noch kommen werden. Das Wissen um das Ende, egal ob es eine Geschichte oder das Leben ist, gibt uns eine Perspektive, setzt uns einen Horizont an dem wir uns orientieren können.

Zu sagen „Die schönsten Geschichten enden nie“ hieße meiner Meinung nach genau diese Tatsache zu übersehen. Eine gute Geschichte fesselt uns, zieht uns hinein und trägt uns an ferne Orte. Wir folgend en Helden auf ihren Pfaden, liebe und leiden mit ihnen. Aber eigentlich ist es immer das Ende auf das wir hoffen, um das wir bangen. Wir fiebern der letzten Seite entgegen weil wir wissen wollen wie die Geschichte zu einem Abschluss kommt. Ich hatte schon Bücher in der Hand von denen ich mir gewünscht habe sie würden nie Ende aber irgendwie war es doch immer der Abschluss auf den ich hin gelesen habe, denn eine Geschichte die wirklich nie endet muss zwangsläufig langweilig werden. Es gab und gibt Autoren die das immer mal wieder versucht haben – das Schreiben einer wahrlich epischen Saga. Habt ihr schon mal sowas gelesen? Ab einem gewisse Punkt wird es zu viel, immer wieder neue Wendungen, die Geschichte beginnt dahinzuplätschern und eigentlich möchte man nur noch wissen wie es für die Protagonisten endet, man möchte sie aus dem Leid herausbringen, an einen schöneren Ort. Ich glaube es ist unmöglich eine „unendliche“ Geschichte zu schreiben die nicht irgednwann stagniert und zur bloßen Fortführung der Existenz der Protagonisten verkommt. Und wieder komme ich zu Star Wars, diesmal die Bücher. Nach dem letzten Film wurden ja die Abenteuer der Helden weitergeschrieben, von verschiedenen Autoren. Mittlerweile habe ich ein Regal voll nur mit solchen Büchern und ein Ende ist nicht in Sicht. Es ist furchtbar langweilig. Dieselben Katastrophen wiederholen sich immer und immer wieder, die Helden von einst sind alt und in einem schrecklichen Zyklus gefangen, ein nie enden wollendes Rad welches mit jeder neuen Romanreihe von vorne beginnt und nie zu einem wirklichen Ende kommt. So sehr ich Star Wars schätze, vielleicht hätte man die Geschichte dort enden lassen solchen wo George Lucas es für richtig hielt, am Feuer auf Endor, mit den geistgestalten von Obi-Wan, Yoda und Anakin.

Das Leben, wie ein Buch, wie eine Kurzgeschichte, braucht einen klaren Anfang und ein klares Ende um Bedeutung zu haben denn erst das Ende gibt dem Anfang Bedeutung. Jede Geschichte die den Leser befriedigen soll muss ein Ende haben, einen Punkt an dem die Schlachten geschlagen, die herzen gewonnen und alle Tränen geweint sind. Das Ende gibt Frieden, die Zeit des Nachdenkens kann beginnen.

Heißt das, dass ich kein Problem mit meinem Ende habe? Nein verdammt, das ganz bestimmt nicht. Ewiges Leben klingt zu verlockend. Aber das kann es nur, weil ich ein Mensch bin und die Endlichkeit gekostet habe, jeden Tag, mein ganzes bisheriges Leben lang. Der Tod ist ein ständiger Begleiter, das Ende immer irgendwo i sicher aber gerade dadurch kann ich mir diese Gedanken machen. Gäbe es diese letzte Grenze nicht wäre wahrscheinlich kein denkendes „Ich“ hier. Mein Geist würde treiben, ohne Anker.

Wie sieht es mit der Zukunft aus? Mit der Nanotechnologie, Cyberware, virtuelles Leben, all diese Schlagworte die vielleicht den Tod eines Tages besiegen können. Unser Körper ist im Grunde eine Maschine, dass muss jedem klar sein, der sich mal mit Zellbiologie beschäftigt hat. Es geht um Aufbau, Abbau und Energiegewinnung, kleine Fabriken in unseren Zellen sorgen dafür, dass wir Leben. Diese müssen sich beeinflussen lassen und in dem Moment in dem wir das können wird der Tod als letzte Grenze fallen. Bedeutet das, dass der Mensch dann in seiner jetzigen Form aufhört zu existieren? Bedeutet dieses Ende der Endlichkeit auch das Ende der so dringend notwenigen Rahmenhandlung des Lebens? Das glaube ich nicht. Solange wir körperliche Wesen sind wird das Ende immer eine Möglichkeit sein. Egal wie gut die Medizin wird, durch Unfälle kann Leben ausgelöscht werden, unwiederbringlich. Das Ende wird also nicht ganz ausgelöscht, nur verschoben, nicht unvermeidlich, nur etwas unwahrscheinlicher. Der Gedanke daran wird bleiben und das reicht völlig aus um uns den Horizont zu geben den wir brauchen. Habt also keine Angst vor neuer Technologie, sie wird uns kulturell, aber nicht grundlegend transformieren

Sollten wir jemals unsere Körper verlassen wird das natürlich etwas völlig anderes. Dann wird der Mensch  vielleicht wirklich zu treibenden Energiewolken, gefangen auf dem Ozean der Zeit, unfähig sich auf etwas zu konzentrieren. Wer weiß, es könnte unser Schicksal als Rasse sein irgendwann in einen ewigen Traum gehüllt in der Photosphäre unserer Sonne zu wehen. Man weiß es nicht. Ich wie es nicht.

 

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