Ich kann mich ja noch verdammt gut an das Jahr 1994 erinnern. Nicht nur weil es das Jahr war in dem wir Kurt Cobain verloren haben, sondern auch weil das so die Zeit war, in der ich meinen eigenen Geschmack und Weg zu entdecken begann. In dem Jahr fuhr ich mit meiner Mutter auf Urlaub nach Italien, um genau zu sein auf die Insel Ischia. Das einzige war mir einen Tag vor der Abreise noch fehlte war gute Musik. Damals kam die auf silbernen Scheiben und jede davon fasste nur ein Album. Ja, MP3 und iTunes waren zu der Zeit noch Zukunftsmusik.  In jenen Tagen kaufte ich manchmal ne CD einfach nur weil mir die Hülle gefiel oder weil sie in der Ablage „Musiktipps“ einsortiert war. Sowas gab es in dem Musikladen. Sind beide weg. Sowohl der Musikladen als auch die „Musiktipps“ Rubrik. Schade eigentlich, manchmal findet man wirklich Rohdiamanten wenn man nur mal vom altbekannten Weg abweicht. Auch musikalisch. Um es kurz zu machen – in diesem Laden fand ich bei den Tipps eine CD von einem gewissen Pete Droge mit dem Titel „Necktie Second“. Weder von dem Typen noch von der CD hatte ich vorher was gehört. Dennoch. Ich ging ein Risiko ein und kaufte mir das Teil. Was soll ich sagen? Pete lief dann praktisch täglich, den Urlaub durch und auch danach. Seit dem hol‘ ich das Album immer wieder mal raus (war eine der ersten CDs die auf den iPod übertragen wurde), höre es mir an und stelle zu meiner großen Verwunderung fest, dass mir immer noch jedes einzelne Lied gefällt und die Texte über die Jahre wenig an ihrer Bedeutung verloren habe. Obwohl es jetzt 17 Jahre her ist, dass ich das zum ersten Mal gehört habe.

Wie soll ich die Musik erklären? Was hat dieses Album Besonderes, das mich auch noch nach so vielen Jahren fast genauso anspricht wie damals? Zum einen mal ist es stark von der amerikanischen Folk-Bewegung der 60er und 70er inspiriert, mit eingängigen Gitarrenmelodien, ohne auffällige Spezialeffekte wie Verzerrungen und ähnliches. Zum anderen ist es aber auch sehr „grungig“ mit teils depressiven, teils realistisch-melancholischen Texten, ab und zu kommt sogar etwas Humor auf, auch wenn Pete weiß Gott kein Komiker ist. Ich denke das hat meine damalige Stimmung ziemlich gut wiedergespiegelt und sowas vergisst man nicht. Es war genau die richtige Musik zur richtigen Zeit. Definitiv prägend. Und dann ist da noch Petes Stimme. Sie klingt nicht so wie man es von Popstars erwartet, es ist eine knarzige Stimme die manchmal so klingt als würde sie gleich kippen, etwas rau und … ein gewisser Schmerz steckt da drin. Kurt Cobain konnte das sehr gut, Schmerz über seine Stimme vermitteln. Pete hat eine ähnliche Gabe auch wenn er im Gegensatz zu Kurt seine Agonie nie herausschreit, seine Melancholie ist mehr vergleichbar mit jemandem der mit gesenktem Kopf, tief in sich versunken, durch die Straßen schleicht. Sicher nicht Punk aber sehr viel verborgene Emotionalität. Das gefällt mir. Ich mochte Nirvana auch immer am liebsten wenn sie sich von ihrer verletzlichen Seite zeigten (Pennyroyal Tea, Something in the Way, All Apologies).

Leider hat man seit „Necktie Second“ nicht mehr viel von Pete Droge und seiner Band gehört. Da lag ich mit meiner Meinung, dass er einer der ganz Großen werden würde, ziemlich daneben. Aber nun ja, zumindest hat er der Welt diese großartige CD geben (und noch ein paar andere, an die man sich aber heute kaum mehr erinnert) und dafür werde ich ihn sicher nie vergessen.

Da ich gerade in der notwendigen Stimmung dafür bin, werde ich einfach mal die Tracklist von „Necktie Second“ durchgehen und ein bisschen was zu den Songs sagen – vielleicht bekommt ja der eine oder die andere von euch Lust sich das Album direkt zuzulegen. Würde mich freuen. Pete hätte es verdient.

Track 1: If you don’t love me (I‘ll kill myelf). Der Titel, so wie überhaupt das ganze Lied, ist ironisch gemeint. Es geht um einen Typen der eine Frau liebt und ohne sie nicht leben kann, er würde alles für sie tun, versucht sie zu überzeugen, in dem er sich Millionär ausgibt, gesteht dann aber, dass er eigentlich nichts als seine Liebe hat. Er erlaubt ihr sogar sich anderweitig umzusehen, wenn sie nur wieder zu ihm zurückkommt. Tja, Obsession halt. Einer von Petes (leider) wenigen großen Hits.

Track 2: „Northern Bound Train“. Hier geht es so richtig los – ein wirklich mächtiger Song mit einer schönen Melodie (klassisch mit Gitarre, wunderbar) und einem verdammt traurigen Text, der mir immer noch ne Gänsehaut bereitet.  Worum geht es? Die große Liebe besteigt einen Zug nach Norden, Du selbst bleibst zurück und fragst Dich was eigentlich passiert ist. Hat sie nicht gesagt sie wird für immer bleiben? Und warum sagt sie, dass es Liebe ist, wenn sie doch geht? Kommt euch das bekannt vor? Und am Ende der Gedanke: Träumen bis sie zurückkommt oder selber einen Zug nach Norden besteigen? Wenn das nicht ne fundamentale Frage ist!

Track 3: “Straylin Street”. Das Lied eines Mannes der innerlich zerrissen ist, immer auf der Suche nach irgendetwas, auf der Straße des Lebens, immer unterwegs von hier nach dort. Traurig. Treffend. Damit konnte ich mich in meiner Jugend gut identifizieren. Vielleicht ja immer noch …

Track 4: “Fourth of July”. Ein verdammt harter Song. Die Melodie ist Trauer pur. Pete singt über einen Freund der sich am 4. Juli (dem amerikanischen Unabhängigkeitstag) das Leben genommen hat. Der Schmerz jemanden verloren zu haben, die Erkenntnis, dass die Freundschaft nicht genug war um demjenigen die Kraft zum Leben zu geben …  spürt man alles. „On the fourth of July / See the sparks in the sky / When you’re sick of the trying / and you’re tired of the crying / Then the fourth of July / Is a good day to die / They’ll celebrate each year / Your independence from here…” – einfach nur hart.

Track 5: “Faith in You”. Kein schlechtes Lied, kann aber nicht mit den vorherigen drei mithalten. Die Melodie ist gut aber dem Text fehlt ein wenig der Biss. Pete singt davon, wie mit den Jahre, die man durchs Leben geht, alles irgendwie verschwommener, unklarer und unehrlicher wird. Nicht mein Favorit aber auch nicht so, dass man den Track überspringen müsste.

Track 6: “Two Steppin Monkey”. Dieses Lied ist einfach nur großartig. Pete singt von ganz normalen Menschen die banale, manchmal dumme Dinge tun, von denen sie glauben, dass sie sie weiter bringen im Leben. Aber alles was sie tun ist eine kleine Zirkusnummer von sich zu geben, wie kleine dressierte Äffchen. Die Banalität des Lebens, die Dummheit des Menschen der so viel Potential hätte und es doch nie richtig nutzt. Am Ende gehören wir doch wirklich alle in den Zoo.

Track 7: “Sunspot Stopwatch”. Ein teilweise herrlich böses Lied. Pete betrachtet treffend mit scharfer Zunge das Verhalten von Menschen, wie sie sich als etwas anderes ausgeben als sie sind, stolz daher marschieren, sich darstellen nur um am Ende allzu oft auf den Hintern zu fallen. Tja, wer glaubt, den Teufel in die Flucht geschlagen zu haben, stellt nicht selten fest, dass dieser zurückkommt um denjenigen so richtig in den Hintern zu beißen.

Track 8: “Hardest Thing to do”. Dieser Song erwischt mich immer wieder. Eigentlich ist es ganz einfach – es geht um Vertrauen – das Vertrauen in andere Menschen und wie verdammt schwer es ist dieses zuzulassen. „It’s the hardest thing to do“ – da hat er recht, der Pete. Und gleichzeitig müssen wir lernen zu vertrauen, wenn wir lieben wollen.

Track 9: “So I am over you”. Ein ewiger Favorit meiner Wenigkeit. Jetzt mal ehrlich – Du wurdest verlassen, bist am Ende, kaust am Teppich und betrinkst dich in der Kneipe um die Ecke nur damit der Schmerz aufhört. Aber gleichzeitig schreist du ein trotziges „Ich bin über dich hinweg“ ins Universum. So ist das Leben. So ist dieses Lied.

Tack 10: “Dog on a Chain”. Ein bisschen stereotyp aber durch die großartige emotionale Darbietung absolut hörenswert. Ein junger Mann lernt auf die harte Tour wie Liebe dich runterziehen und festketten kann. War wohl zwischen 16 und 20 mein absolutes Lieblingslied.

Track 11: “Hampton Inn Room”. Dieses Lied ist der perfekte Abschluss für ein großartiges Album. Ein Anruf bei der Freundin aus einem Hotelzimmer, sich gegenseitig die Liebe erklären trotz der großen Entfernung. Eigentlich muss man gar nicht mehr sagen, dass man sich gegenseitig vermisst, lieb hat und an den anderen denkt, ist ja klar – aber man tut es trotzdem, einfach weil es sich gut anfühlt. Jeder der schon mal in einer Fernbeziehung war wird verstehen. Nur Pete und seine Gitarre. Sehr intim. Wunderschön.

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