Latest Entries »

Was macht den Menschen aus?

Was macht den Menschen aus? Diese Frage stellte ich mir als ich den Blog einer sehr geschätzten Bekannten aus Twitter las. Für mich schwingt da auch immer ein bisschen die Frage mit: Wie ist der Mensch?

Mach ich mir vielleicht zu viele Gedanken? Wahrscheinlich, das muss jetzt die mindestens die sechste oder siebte Idee für einen Eintrag hier sein die mir durch das Lesen eines anderen Blogs gekommen ist. Egal, weiter im Text.

Die Frage kann man auf zwei sehr verschiedenen Ebenen sehen, die eine ist, was ein Mensch ist, wie wir das wirklich Menschliche definieren wollen. Man kann darauf eine sehr einfache oder eine sehr komplexe Antwort geben. Aber dazu später mehr.

Die andere Ebene wäre was ich, als Mensch bin, im Kern, wenn das Drumherum wegfällt. Auch darauf gibt es verschiedene Antwort die unterschiedlich leicht zu erläutern sind.

Ich würde ja gerne behaupten der Mensch sei im Grunde seines Herzens edel, hilfreich und gut und nur die Gesellschaft oder was auch immer würde ihn schlecht machen und zu bösen Taten bringen. Das glaube ich nicht, kann ich nicht glauben. Wer ein wenig mit der Menschheitsgeschichte vertraut ist wird wissen, dass es das, was wir gerne als „Das Böse bezeichnen“ immer schon da war, sowohl im Kleinen als auch im Großen. Es begegnet uns in alle Mythen dieser Welt, in Geschichte, Aufzeichnungen, wir kommen dem nicht aus. Und im Grunde ist das auch kein Wunder. Der Mensch ist nicht die dominante Spezies auf diesem Planeten geworden weil er vom Wesen her besonders tolerant, friedfertig und kompromissbereit gewesen wäre. Jedes Mal wenn ein neuer Lebensraum durch den Menschen besiedelt wurde war das ein Akt der Gewalt und Aggression, wo auch immer der Mensch sich verbreitet hat zieht sich eine Schneise der Verwüstung und Ausrottung durch den Fossilienkatalog, egal ob wir die Wanderung der erste Menschen über den amerikanischen Doppelkontinent oder die Züge unserer Vorfahren von Afrika durch Europa betrachten, es besteht kein Zweifel, dass dort eine destruktive Macht am Werke war der lange vor der Existenz der Liste bedrohter Tierarten mehr als nur eine Spezies zum Opfer fiel, vor allem jene die das Pech hatten in einem eingegrenzten Lebensraum zu verweilen der zufällig im Weg dieser spärlich behaaren, zweibeinigen Wilden lag.

Wer mit den friedfertigen, spirituellen Inkas und Mayas anfängt den muss ich an dieser Stelle leider enttäuschen, die hatten einen enorm destruktiven Einfluss auf ihre Umwelt (nicht zu erwähnen auf ihre unterdrückten Nachbarn). Auch die Ureinwohner Nordamerikas waren nicht unbedingt so im Einklang mit der Natur wie man es heute darstellt. Zwischen uns und diesen vergangenen Kulturen besteht eher ein quantitativer denn ein qualitativer Unterschied, man könnte sagen die hatten Streichhölzer, wir Napalmbomben. Die Aggression treibt die Spezies Mensch voran (und wahrscheinlich auch die meisten anderen fühlenden Lebewesen), sie ist die Kraft die uns den Verbrennungsmotor beschert und einige sogar bis zum Mond getragen hat. Ein kleiner Zusatz an jene die an Außerirdische glauben – sofern das Leben im Weltall unserem auf der Erde ähnelt wird es auch dort miteinander konkurrierende Ökosysteme geben und wahrscheinlich wird jene Spezies die Raumfahrt entdecken, die in diesem Konkurrenzkampf am erfolgreichsten ist – man kann also durchaus mit aggressiven Außerirdischen rechnen (Anmerkung: Da gibt es auch ein gutes Gegenargument aber dazu später mehr).

Was wir als edel, hilfreich und gut bezeichnen sind Eigenschaften die in der von uns sozial erwünschten Ausprägung wohl er ein neueres Phänomen in der Geschichte der Menschwerdung darstellt. Dabei wird jene Einstellungen die man normalerweise seiner Rotte/Horde/Rudel/Stamm entgegenbringt auf eine größere soziale Einheit übertragen, im idealen Fall auf die gesamte Menschheit und zwar nicht nur wenn es uns gerade nichts kostet sondern immer. So, da haben wir also auf der einen Seite einen hochentwickelten Raubaffen mit allen Instinkten die ein Raubtier so hat und auf der andere Seite den sozialen Anspruch edel, hilfreich und gut zu sein. Schwierig – und ich kenne nur wenige Menschen die das gut in Einklang bringen. Damit wird der Mensch zu einem sehr widersprüchlichen Wesen, wir können verdammt gut sein, wenn wir es schaffen uns von dem zu lösen was eigentlich eine Notwendigkeit war um zu dem zu werden was wir heute sind. Und dann können wir auf der anderen Seite wirklich verdammt böse sein – und damit meine ich wirklich böse, im Sinne von: Die eigenen Kinder foltern und unvorstellbare Sachen mit anderen Menschen anstellen die ich hier oder sonst wo weder beschreiben kann noch will.

Kennt irgendwer hier noch Bill Hicks? War ein großartiger Stand-up Comedian aus den USA, leider viel zu früh gestorben aber unglaublich einflussreich für andere Comedians in den frühen 90er Jahren des letzten Jahrtausends. Er sagte, dass es im Prinzip auf eine Entscheidung hinausläuft – auf die Stimme der Liebe oder auf die Stimme der Angst hören. Damit trifft er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf. Die Aggression die uns vorantreibt beruht beinahe ausschließlich auf Angst – Angst vor dem was hinter dem nächsten Busch lauert, Angst vor dem Kometen, Angst vor dem Eis, Angst vor der Bedeutungslosigkeit, Angst vor der Auslöschung, Angst vor dem was wir nicht kennen und schließlich Angst vor der Angst. Die größten Waffen baut der, der die größte Angst hat, wir bewundern die Mutigen aber Mut ist auch nur eine Möglichkeit mit der Angst umzugehen. Leider ist diese Angst der zentrale Taktgeber für alle aktuellen Entscheidungen – Waffen für den normalen Bürger, dickere Schlösser, Bandenkriminalität. Alles Angst. Und bevor du jetzt sagst du lässt dich nicht von der Angst beherrschen – geh mal nachts in die U-Bahnstation und betrachte deine Reaktion wenn ein Mann anderer Hautfarbe in Kleidung die nicht aus Anzug und Krawatte besteht, auf dich zu kommt. Beobachte dich ganz ehrlich und unvoreingenommen. Die Angst ist verdammt stark und unser ständiger Begleiter. Macht ja auch irgendwie Sinn – selbst wenn du dich von der Stimme der Liebe leite lassen würdest weißt du nie wie sehr die Angst vor irgendwas den anderen leitet (so ähnlich wie wenn mein Vater mich auslacht wenn ich Angst vor Schlangen hab, der meint dann immer: „Aber du bist doch keine Bedrohung für das kleine Tier, die hat keinen Grund dich anzugreifen.“ Dann frage ich mich immer: „Klar, aber weiß die Schlange das?“).

Ist das Ideal? Nein. Gefällt es mir? Nein. Vor allem aber frustriert es mich ungemein weil ich weiß wie verdammt gut der Mensch sein kann wenn er seine Angst nur überwinden könnte. Da kommen dann ganz großartige Individuen bei raus von denen wir sehr viel lernen könnten. Aber wie sagte Bill Hicks so schön? We shoot those people. An dieser Stelle lacht das Publikum immer besonders herzhaft.

Was wäre wenn die Liebe die Oberhand gewänne? Sicher nicht das Paradies auf Erden, dazu sind wir zu sehr instinkthafte Wesen, aber es würde für alle beteiligten auf jeden Fall ein besserer Ort und vor allem: Wir hätten eine Chance. Ja, ihr habt mich richtig verstanden, so wie es jetzt läuft ist unsere long term survival chance irgendwo bei null. Früher oder später wird der Mensch sich mit seiner jetzigen Einstellung und Vorgehensweise aus der Geschichte höchst persönlich hinauskatapultieren und, wie ich vermutet, auf sehr spektakuläre Weise. Das muss nicht zwangsläufig das Ende des Homo Sapiens Sapiens sein aber auf jeden Fall der Verlust fast aller Fortschritte der letzten 5000 Jahre und das Ende der Ambitionen jemals zu den Sternen zu gelangen. Das ist das Gegenargument zu aggressiven Außerirdischen. Klingonen würden niemals das Weltall besiedeln, diese extreme Aggressivität ist nicht vereinbar mit einem solch gigantischen Unternehmen. Eine raumfahrende Rasse müsste eher wie die Föderation der Planeten sein, vielleicht nicht perfekt aber doch in der Lage die Angst besser zu kontrollieren als wir es bisher konnten. Gene Roddenberry hatte da eine wunderbare Vision vom Menschen der Zukunft, interessant ist – umso mehr Gene die Kontrolle entglitt und natürlich nach seinem Tod besonders, wurde Star Trek zunehmend düsterer mit Deep Space 9 sicher als Höhepunkt. Vielleicht gehört ja Deep Space 9 deshalb zu den beliebtesten Spin-Off Serien weil die Föderation (inklusive illegaler genetischer Experimente und Verschwörungen innerhalb der Führungsriege) dort uns mehr ähnelt als das quasi-Utopia von dem Picard berichtet. Auch das gibt mir zu denken. Das Universum ist verdammt alt, Leben hatte lange Zeit sich anderswo zu entwickeln. Dass sie bisher noch nicht hier sind könnte auch bedeuten, dass sie längt in den eigenen ausgebombten Ruinen vermodern weil die Angst, die Triebkraft im Konkurrenzkampf der Ökosysteme, vielleicht am Ende immer die Oberhand gewinnt. Das macht MIR jetzt Angst.

Kommen wir aber mal zu den eingangs erwähnten Fragen. Was macht den Menschen aus? Das kann man genetisch beantworten: Alles was menschliche DNA hat. Man kann es funktional beantworten: Sieht es aus wie ein Mensch, verhält es sich wie ein Mensch – dann ist es ein Mensch. Aber wie könnte man das enger, sinnvoller fassen? Und ich glaube da beginnt das Problem wenn man sagt wer das und das tut oder so und so ist, der ist für mich kein Mensch mehr. Ist man nur ein Mensch, wenn man geistig gesund ist? Schwer, dann hätten wir viele nicht-Menschen. Ist der ein Mensch der einen unversehrten, menschlichen Körper hat? Dann würde man alle Menschen mit Behinderung aus der Definition rausnehmen. Sind Leute die Taten begehen die ich einfach nicht begreifen kann keine Menschen mehr? Und wo ziehe ich da die Grenze? Ab welcher Schwere der Tat verliert man seine Menschlichkeit? Ich persönlich weiß mir da keinen Rat und komme zu dem Schluss: Mensch ist eine Zuschreibung ohne Wertung, auch jemand der Unvorstellbares tut ist ein Mensch (und bitte: Nie „Tier“ sagen, Tiere treffen keine bewussten moralischen Entscheidungen weder im Guten noch im Bösen, Tiere sind im wahrsten Sinne des Wortes „unschuldig“ weil nicht schuldfähig), vielleicht kein Guter, möglicherweise sogar ein ganz Widerwärtiger aber immer ein Mensch.

Wie sieht es mit der anderen Frage aus: Was macht den Menschen in seinem Kern. Es ist eine altbekannte Tatsache dass wir, wenn nach unserer Identität gefragt, immer mit von außen vorgenommenen Zuschreibungen antworten: Mit dem uns gegebenen Namen oder unseren Funktionen wie Ich bin Schüler, Vater, Mutter, Student, Sohn von X, Tochter von Y, Bundespolitiker. Ich bin also anscheinend nur irgendetwas wenn ich von außen betrachtet werde, die Identität scheint bei der Geburt geliehen und am Todestag wieder abgegeben zu werden. Was bin dann aber ich, der Mensch der hier sitzt und tippt? Fällt mir dazu überhaupt etwas ein? Ich bin Schriftsteller … auch das nur eine Tätigkeitsbezeichnung und dabei nicht mal sonderlich zutreffend. Bin ich das was bleibt wenn ich die Augen schließe? Hilft nicht wirklich, denn die Antwort wird auch keine bessere dadurch. Bin ich vielleicht ein guter Mensch? Ist auch für die Katz‘ denn durch mich selber und nur für mich kann ich nicht gut sein und außerdem sind „gut“ und „schlecht“ auch sozial determiniert. Am ehesten würde ich sagen, dass ich das bin worüber ich lachen und weinen kann, was mich glücklich und traurig macht, die emotionalen Moment jenseits der Worte, ich bin das was ich tue, deshalb ist die Frage „Wer bist du?“ meiner Ansicht nach hohl, sie geht in die falsche Richtung. Sie fragt sozusagen nach einem Zustand während das „Ich“ ein dynamischer Prozess zu sein scheint, alles andere sind hübsche Etikette die man mir aufgeklebt hat, nett um meine spezielle Schublade zu kennzeichnen aber im Grunde austauschbar. Ob ich jetzt Dan, Mike oder Tom bin ändert daran gar nichts (obwohl wir uns extrem stark mit dem eigenen Namen identifizieren).

Fazit? Braucht es ein Fazit? Grundsätzlich kann der Mensch alles sein was er will, gut Böse, Monster und Engel. Alles was es braucht ist eine bewusste Entscheidung in die eine oder  andere Richtung denn bisher eierten wir als globales System irgendwie so rum. Menschen die auf ihr Herz hören braucht es. Ansonsten können wir eigentlich gleich einpacken und die Geschichte den Löwen, Tigern, Eisbären, Robben, Kakerlaken, Schildkröten, Haien, Pelikanen, Gnus usw überlassen – wobei es sicher für die einfacher wäre ohne uns. Die wird es nämlich dank uns vielleicht bald nicht mehr geben und wie sagte Terry Pratchett ungefähr? Eine Welt mit Tigern drin ist eine bessere Welt, zumindest für die Tiger. Und was Haie angeht – ich krieg immer ne Gänsehaut wenn ich dran denke wie furchtbar beschissen es sein muss zu den vielleicht erfolgreichsten und ausgefeiltesten Designerstücken der Evolution zu gehören und dann einfach ausgerottet zu werden werden weil ein paar haarlose Affen am anderen Ende der Welt Haifischflossensuppe für eine Delikatesse halten.

Und ich stimmte Pratchett völlig zu: Sicher, die Evolution hat 99% aller Lebensformen ausgerottet die jemals gelebt haben aber sollten wir nicht etwas klüger sein als ein Eisball aus den tiefen des Alls oder ein verdammter Vulkan?

Wie gesagt, wir können alles sein – nur wenn wir uns entscheiden Todesengel für all diese Tiere zu spielen sollten wir uns auf das Menschsein etwas weniger einbilden.

 

Der Dunkle Brunnen

Woher die Ideen kommen weiß ich eigentlich nicht so recht. Manchmal stellen Menschen mir diese Frage, komisch eigentlich, als ob es einen Unterschied machen würde wo die Ideen her kommen. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur neugierig und ich zu misstrauisch. So gesehen kann ich schon sagen, dass sich alles worüber ich schreibe auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Begebenheit zurückführen lässt, mehr oder weniger. Aber das ja nicht die Idee, höchstens ein Impuls und meistens ein schwacher noch dazu.

Vor ewig langer Zeit saß ich in einem Bus auf der Fahrt vom Bodensee nach Siebenbürgen in Rumänien, eine geradezu mörderische Busreise und damit meine ich noch nicht mal den Zustand der Straßen ab zirka der ungarischen Grenze. Ich meine die bleierne Langeweile, eingesperrt mit einer ganzen Klasse von Menschen mit denen ich meine Freizeit normalerweise nie verbracht hätte. Meine einzigen Waffen waren ein Notizblock, Stifte und mein CD-Walkman mit genügend Munition für etwa die Hälfte der Strecke, ab dort musste ich musikalisch von vorne anfangen. Soll ich noch erwähnen, dass der Fahrer sich einen Spaß daraus machte in unregelmäßigen Abständen „Coco Jumbo“ von Mr. President zu spielen?  Als gerade Mike Oldfield „Poison Arrows“ spielte kam mir die Idee für eine Geschichte in der ein mysteriöser Jäger scheinbar grundlos Menschen tötet, mit vergifteten Pfeilen. Später stellt sich heraus, dass er gezielt Menschen ausschaltet, die in weiterer Folge für ein schreckliches Ereignis zuständig wären.  Der Kern der Geschichte kam aus dem Lied, alles andere ergab sich dann fast von selbst.

Die Grundidee zur Anhalterin in Schwarz kam mir bei einer Autofahrt mit einem Kollegen von der Universität als wir am Straßenrand im Regen ein junges Mädchen im Gothic-Outfit stehen sahen. Die Grundidee meines Magnum Opus „Alexis“ entstand auf einer Studienfahrt nach Santorin als wir diese riesigen, ausgegrabenen Straßenzüge unter der Vulkanasche besichtigt habe, vor allem die immer noch nicht wirklich entzifferte Schrift Linear A der dortigen Kultur hat mich nicht mehr losgelassen. Da stellte sich mir die Frage was wäre wenn in diesen Ruinen eine Kultur von Magier gelebt hätte die einer großen Katastrophe zum Opfer gefallen sind in deren Verlauf sie sich selbst geopfert hatten um die Welt zu retten.  Am gleichen Ort hatte ich auch die Idee von der Namenlosen mit dem Silberschwert, der Funke dafür war eine Freundin im hellen Sonnenlicht Griechenlands.

Das alles sind aber nur Initialzündungen, sozusagen, woher der Rest kommt…. ich glaube von einem gänzlich anderen Ort. Das lässt sich schwer mit Worten fassen weil man da auch nicht einfach hingehen und sich bedienen kann, zumindest ich nicht, wie das bei den anderen steht ist für mich schwer beurteilbar.

An manchen Tagen, so wie heute, wenn es draußen schon dunkel ist, im Haus seltsame Geräusche durch die Rohre wandern und ich mich frage wie der nächste Tag wohl sein wird, dann ist mir fast so als wäre die Quelle aus der die Ideen kommen ein dunkler Brunnen auf einem weiten Feld, von dichtem Wald umgeben. Jene Welt hier draußen ist unendlich weit von diesem Feld entfernt. Es könnte gut das Feld meiner Seele sein und der Brunnen in Wirklichkeit ein Schacht der hinunterführt an die Orte die ich mir selbst nicht eingestehen will, dort wo das Kind in mir all seine Ängste packte und der Erwachsene am liebsten einen Mühlstein drüber schieben würde, auf dass ja nichts mehr nach oben käme. Das Kind weiß instinktiv, dass der Mühlstein keine gute Idee ist, beinahe so als würde man einen vollständig geschlossenen Kessel, bis oben hin mit Wasser gefühlt, auf eine glühende Herdplatte stellen. Dumm.

Nein, das Kind nutzt die Ängste kreativ, wandelt sie um in Bilder, Reime, erfundene Geschichten und Spiele (bin ja schwerst fasziniert von Himmel-und-Hölle, vor allem in der englischsprachigen Welt wo es oft mit Magpie-Reimen kombiniert wird). Diese dunklen Orte, dort wo die Pilze und Moose der Seele wachsen, vor diesen fürchten wir uns, wagen nicht den kleinesten Anstandsbesuch. Doch manchmal, in Albträumen vielleicht, holen diese Orte ein, sie verschlingen und trieben dir den Angstschweiß auf die Stirn bis du schreiend aus dem Bett hoch fährst. Aber muss das so sein? Ich glaube nicht. Ein Ungeheuer ist ein Ungeheuer weil wir seinen Anblick nicht gewohnt sind, es tut Dinge die wir nicht verstehen und hält sich nicht an die kleinen hübschen Regel die wir im hellen Licht der Sonne auf Post-It-Zetteln an den Kühlschrank unseres Bewusstseins heften. Das Ungeheuer ist rohe Schaffenskraft, die unendlichen Möglichkeiten die das Leben bietet. Schlägt ihm das Leben, unsere Erziehung oder Enttäuschung einen Kopf ab dann wachsen zwei neue nach. Dieses rohe Potential könnte uns zu den Sternen tragen und doch wird es unterdrückt. Warum? Das Ungeheuer bedroht unsere Kultur die auf Anpassung, Unterdrückung von roher Energie beruht. Betrachten wir doch nur die griechische Mythologie die sich in zwei ganz klar abgegrenzten Phasen teilen lässt: Zum einen die wilden, ungezähmten Titanen, Urkräfte die sich durch nichts bändigen ließen, zum anderen die Olympier, die klassischen griechischen Götter, zum größten Teil langweile Spießer die mit ihren Taten immer irgendwo auf dem Niveau von porschefahrenden Männern ende Vierzig mit Midlifecrisis herumtrieben. Die Götter, Sinnbild der geordneten Kultur, beherrscht durch ein klares Rangsystem unter ihres gleichen besiegen die Titanen, sperrten sie Weg in die Tiefen des Tartaros, so wie das Kind das zum Erwachsenen wird all die Ängste in diesen tiefen Brunnen wirft und fortan so tut als hätte es sie nie gegeben. Ohnehin kann uns die Mythologie viel über das Leben an sich lehren. Komischerweise aber nicht die eigene kulturelle Mythologie (oder Religion), da wir dazu neigen diese wörtlich zu nehmen – hierzu hat aber Joseph Campbell weit bessere Worte gefunden als ich das je könnte. Sobald wir aufhören Mythen als symbolische Weisheiten über das Leben und Anleitung für die eigene Menschwerdung zu sehen und beginnen sie als unverfälschtes Wort von wem auch immer zu betrachten werden Tempel und Kirchen von spirituellen Wegweisern durchs Leben zu toten Museen.

Natürlich war an einem gewissen Punkt der kulturellen Entwicklung der Gesellschaft dieses „Bändigung“ der Bestien beinahe notwendig, nichts stellt für eine Ackerbauern- und Viehzüchterkultur (von der alle modernen Kulturen abstammen) eine größere Gefahr dar als der unberechenbare Individualist, es ist nicht verwunderlich, dass der Schamane (der Inbegriff des Individualisten, des Unangepassten) in jenen ersatzlos gestrichen wurde, verdrängt von einer starren  Priesterkaste die keine geringere Aufgabe hatte und hat als genau diesen Brunnenschacht im Augen zu behalten.

Aber zurück zum Brunnen. Ich glaube er ist, zumindest für mich, die Quelle dessen was ich tue (auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin). Er zieht mich an und macht mir Angst, zu gleichen Teilen. Wenn eine Sternschnuppe aus der Wirklichkeit, irgendein Sinneseindruck, in diese einsame Welt eindringt, dann spiegelt er sich im kalten, schwarzen Wasser des Brunnens wieder. Das ist der Augenblick an dem aus einem Impuls eine Idee wird. Das Wasser reflektiert den Eindruck nie so wie er aus der Wirklichkeit kam sondern es verzerrt ihn, verändert die Konturen, reichert das schwache Licht mit der Fluoreszenz der Tiefe an. Aus der balssen, freundlichen Frau wird ein reuevoller Todesengel, die harmlose Anhalterin lockt dich in ein verlassenes Haus um mit deiner Seele den Raum der Ewigkeit zu befeuern und das Mädchen von der anderen Straßenseite, die Unscheinbare, ist es eigentlich in deren Traum wir alle Leben.

Dann sehe ich dort unten am Grund des Brunnens die alten Ängste tanzen, die Monster und Ungeheuer meiner Kindheit und ich denke mir, dass sie vielleicht gar nicht so schlimm sind sondern einfach nur missverstanden. Ihre Aufgabe könnte gewesen sein uns zu lehren, dass ein bisschen Chaos gar nicht so schlecht ist, ein wenig Unordnung unsere Seele nicht aus der Bahn werfen würde und eine Priese Dunkelheit in unserer lichtverliebten Welt den Dingen mehr Konturen geben würde. Was ist an einem ewig währenden Tag überhaupt so toll?

Wo holst du deine Inspiration her? Gibt es vielleicht irgendwo da drinnen in dir auch einen solchen Brunnen aber auf einer lichtdurchfluteten Wiese? Wenn das so ist würde ich diesen Ort gerne besuchen.

Ich habe ein kleines Problem mit Castingshows und damit meine ich nicht nur die wirklich üble Qualität samt Fließbandcharme. Nein, mein Problem, sitzt viel tiefer und fängt eigentlich schon bei der Idee an sich an. Man nehme eine Reihe leidlich erfolgreicher Personen aus einer bestimmten Branche, welche ist mittlerweile egal, Deutschland Sucht den Super Metzger (DSSM) kommt sicher bald. Dazu ein langweiliges Bühnenbild, ein paar fetzige Slogans von einem arbeitslosen Grußkartenschreiber sowie ein Name der sich ohne dabei Obszönitäten zu schaffen zu einem aussprechbaren Akronym verarbeiten lässt und fertig ist die nächste Castingshow. Alles was man jetzt noch braucht sind ein paar Leute die mit dem Traum des Tellerwäschers der unbedingt zum Millionär werden wollte, groß wurden und die ganze Sache könnte ein Erfolg werden. Wo ist da das Problem? Bei den Juroren? Sicher nicht, mit irgendwas müssen die ja Geld verdienen. Beim billig Charme des ganzen? Sicher auch nicht, dass an allen Ecken und Enden gespart werden muss ist nichts Neues. Das Problem fängt bei den Kandidaten an.

Nehmen wir mal alles weg, die komischen Frisuren, das übertriebene Gehabe, die Geltungssucht, auch die teils eklatanten Bildungslücken einer Kandidaten  und Komplexe auf allen Seiten. Die Bosse der Sendungen wollen, dass wir uns auf diese Dinge konzentrieren, mit vernebeltem Blick uns vor Lachen über diese Gestalten winden, aber könnten wir für einen Augenblick mal die Teile unseres Gehirns nutzen die uns wirklich zu Menschen machen und versuchen hinter den Zaubertrick aus Schall und Rauch zu sehen? Es wäre ein Anblick der uns in Schrecken über uns selbst versetzen würde, über das wozu wir geworden sind.

Wir haben es mit einer Generation von Jugendlichen zu tun die teilweise in dem Glauben aufgewachsen ist, dass das Geld wirklich auf der Straße liegt, dass man sich nicht einmal mehr bücken muss weil irgendeiner es einem reicht wie eine Einladung zu diesen blöden Shows. Sie kommen aus Familien denen es so schlecht geht wie es den Menschen in Deutschland schon seit 50 Jahren nicht mehr gegangen ist, lebend in ihren Illusionen die von Funk und  Fernsehen geschaffen wurde um sie vom tristen Alltag ihrer Eltern abzulenken. Jede größere soziale Auffangstruktur fehlt ihnen, zwar erhalten sie etwas Geld vom Staat aber das was sie bräuchten – ein funktionales Gefüge in das sie sich einpassen könnte wird leider mit Hartz-IV nicht mitgeliefert. Niemand hat ihnen gesagt wie die Welt dort draußen wirklich aussieht, niemand hat ihnen gesagt wie das Leben vielleicht funktionieren kann. Keine Riten, keine Stämme, nichts, nur Asphaltwüsten und Prediger mit PR Managern im Bett. Natürlich haben sie ihre Idole de ihnen ins Ohr schreien, dass das Leben scheiße ist aber wenn sie genauer hinblicken dann sehen sie, dass diese „Vorbilder“ nur so im Geld schwimmen. Sie wollen so sein wie sie, möglichst exzentrisch, auffallend und laut, das scheint der Weg in ein goldenes Paradies zu sein. Aber wie jedes Paradies wurde auch dieses dazu geschaffen von den wahren Tatsachen abzulenken.

Genau diese Situation nutzen die Castingshows aus, sie bieten einen scheinbaren Ausweg, eine Möglichkeit schnell wegzukommen, irgendwohin, überall hin nur nicht hier. Sie spielen mit den Träumen, Wünschen und Hoffnungen der Verzweifelten, der Alleinegelassenen, der Zurückgelassenen. Im harten Licht der Kamera bekommen sie 5 Minuten Ruhm, für diese kurze Zeit stehen sie im Mittelpunkt, spüren sie wie es wäre wenn der Traum wirklich würde. Und dann ist es vorbei. Das harte Auge der Kamera bricht, die Scheinwerfer gehen aus und sie sind wieder alleine in ihrer kleinen Welt aus der es keinen Ausweg gibt. Alleine. Wieder. Immer. Wer könnte es ihnen verdenken wenn sie daran schlussendlich zerbrechen. Aber das findet natürlich nicht mehr vor der Kamera statt. Aus Pietät? Wohl kaum. Man könnte es eher schlecht verkaufen. Und darum geht es.

Das ist das eine, sie werden die erste 16 Jahre ihres Leben mit Träumen aus allen Ecken und Endend der Welt gemästet wie Gänse, hängend auf der Couch, das Kabel und die Satellitenschüssel der Schlauch in den Magen hinunter. So tropft es Stunde und Stunde bis das böse Werk vollendet. Man hat doch die letzten 20 Jahre systematisch dafür gesorgt, dass das Fernsehen schnellen Schrittes die Bücher ersetzen konnte, ohne wenn und aber. Bücher vermitteln auch Träume aber auch eine andere Weise, auf eine Weise die mit mehr Anstrengung verbunden ist. Wer als Kind ein Buch fertig gelesen zur Seite legte hatte das Gefühl etwas erreicht zu haben. Welches Kind kann das nach einem Film behaupten?

Jetzt bin ich also an dem Punkt – böses Fernsehen, böse Produzenten, böse Politiker. Nein, sage ich, nein, nein und nochmal nein. Meine Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Die gibt es auch, irgendwo. In meiner Welt gibt es viele Grautöne, man muss sich selber eine Meinung bilden und vieles ist nicht so wie es scheint. Aber man kann an einem Seil einen Verunglückten ebenso gut aus einem Berghang retten wie jemanden damit erhängen. Grau. Alles.

Warum werden diese Träume genährt, gepflegt und dann gerupft wie eines dieser armen Hühner in jenen teuflischen Fabriken (ja, wer den Menschen kennenlernen will in all seiner blutigen Grausamkeit, Ekelhaftigkeit, ohne die Maske aus Güte und Freundlichkeit, der besuche eine solche Fabrik), warum nur? Weil man es sehen will. Und frau auch. Vielleicht sind wir nicht mehr die geifernden Zuschauer in den Arenen die Gladiatorenkämpfe bestaunen, oder der mittelalterliche Mob am Pranger der den armen Narren dort bespuckt – aber nahe genug dran um  mir Angst zu machen vor dem was in uns steckt.

Und so sitzen Leute, Menschen die ich gut kennen, für freundlich und hilfsbereit halte und in der Regel schätze, Woche für Woche vor den Bildschirmen und beschweren sich darüber, dass  die Castingshows mit jeder Runde langweilig werden weil die „Freaks“ dann schon draußen sind. Was sagt uns das über die menschliche Seele? Wir machen uns über die armen Seelen die im Leben noch nie eine Chance hatten und sich an Strohhalme klammern um ein besseres Blatt Karten zu erhaschen als ihnen das Schicksal gegeben hat lustig. Trampeln noch auf ihren Hoffnungen und Wünschen herum. Schlimmer, dieses ganze Spektakel wird doch ,wenn wir ehrlich sind, nur zu diesem einen Zweck veranstaltet, damit wir uns in unseren kleinen, bedeutungslosen, armen Bildungswüsten nicht gar so schlecht vorkommen, wir zerren jeden hervor den wir finden können den das Schicksal noch härter getreten hat als uns selbst und wir suhlen uns im Abwärtsvergleich, Abend für Abend.

Manchmal möchte ich ja da hin gehen und die alle anschreien: Habt ihr denn keinen Anstand? Keine Moral? Keine Menschlichkeit? Aber zu was für einem Heuchler würde mich das mache? Lebe ich doch im Kleinen genauso nach diesem Prinzip. Immer mit dem Blick am Horizont ob ich nicht jemanden sehe der weniger hat, dem es schlechter geht, um sich selbst aufzuwerten.

Und so werden alle Fragen zu reiner Rhetorik.

Heilung

Heilung ist eine komische Sache. Bei körperlichen Verletzungen kann sie ganz einfach und geradlinig verlaufen wie damals mein gebrochenes Handgelenk. Zuerst hat es eigentlich gar nicht weh getan, dann kam der Schmerz, wurde immer unerträglicher und schließlich der Arzt mit Gips und Tabletten, damit wurde es ziemlich schnell besser. Heute könnte ich gar nicht mehr genau sagen wie es sich angefühlt das, obwohl ich noch weiß, dass es schlimme Schmerzen hatte wurden diese von meinem Gehirn einfach weggepackt und durch eine schlichte Notiz ersetzt. Unsere Erinnerung hat da wirklich ein paar tolle Tricks auf Lage.

Seelische Verletzungen sind da eine ganz andere Kategorie. Die fangen in der Regel nicht ein bisschen, sozusagen als Warnung, die tun sofort höllisch weh, manchmal schon vor dem eigentlichen Bruch. Kein normaler Arzt kann man schnell etwas Gips draufschmieren einbandagieren und eine Röhrchen Tabletten verschrieben die den Schmerz einfach abtöten. Benzodiazepine kämen vielleicht als Alternative in Frage aber das ist eine düstere Gasse ich man nicht leichtfertig hinunter wandern sollte.- Ich wollte es auf jeden Fall nicht. Seelischer Schmerz überrollt dich, nimmt dir die Luft, lässt dich nicht ruhig sitzen, du hast ständig das Gefühl, dass etwas fehlt, nicht passt, dir durch den Schmerz entgeht. Einfach nur ruhig daliegen, hoffen das es vorbei geht, das funktioniert nicht. Alles andere verliert an Bedeutung, du siehst nur diese eine Sache, diese eine Person. Dein Musikgeschmack ändert sich. Lieder die dich vorher aufgebaut haben werden plötzlich unerträglich weil sie dich daran erinnern was du hattest und jetzt durch deine Finger einfach weggeronnen ist. Lesen geht fast gar nicht mehr, die Buchstaben rennen auf dem Papier herum, die Figuren wirken furchtbar platt und trivial – was sind deren kleine Problemchen schon im Vergleich zu dem epischen Schmerz den du gerade zu ertragen hast?

Du tust das was du kannst, versuchst dich zu erinnern wie es das letzte Mal war also jemand deine Seele mit glühenden Kohlen bearbeitet hatte. Du liest die Texte von damals, suchst die CDs heraus, besuchst möglicherweise sogar die Orte die dir wichtig waren. Aber Schmerz ist wirklich eine ganz verteufelte Sache – der den du im Moment hast ist immer der Schlimmste den du jemals ertragen musstest. Subjekt ist das die Wahrheit und nur darauf kommt es an. Also kämpfst du dich durch die lächerlichen Erinnerungen an vergangene Schmerzen die du jederzeit gegen die aktuelle Agonie eintauschen würdest. Beginnst dich selber zu beneiden, dein altes Ich. Bald bist du so weit gegen die Wand zu laufen nur weil sie da ist.

Während eine körperliche Verletzung in irgendwie vorhersehbarer rt, Schritt für Schritt heilt ist die seelische Verletzung völlig unberechenbar. Du gehst schlafen, fühlst dich wie der letzte Dreck und wachst beinahe frei und unbeschwert auf. Der Schmerz ist weg, nur eine Erinnerung. Du stehst auf, gehst ins Bad und kaum siehst du im Spiegel deine roten Augen ist er wieder da, fällt über die zusammen wie eine Wasserwand und du weißt plötzlich, wie sich die Armee des Pharaos gefühlt haben muss. Oder vielleicht ist der Schuldige auch ein Lied. Im Prinzip kann jeder noch so unbedeutende Reiz die Hunde des Kriegs auf dich loslassen, dieser komische Stich ins Herz. Und alle kleinen Schrittchen nach vorne sind plötzlich weggewischt wie Fußspuren am Strand.

Erwarte also nicht einen linearen Heilungsverlauf, Rückschläge sind gerade am Anfang eher die Regel denn die Ausnahme, vielleicht mit einer chronischen Krankheit vergleichbar – man hat gute Tage und schlechte Tage, manche ganz furchtbar schlecht. Alkohol, nur als Warnung, hilft fast gar nichts, jede Minute die du betrunken bist zögert den Heilungsprozess nur hinaus, er trübt dein Urteilsvermögen, macht dich noch verletzlicher für plötzlich einfallende Erinnerungen. Selbst wenn du es damit schaffst einen Abend völlig zu vergessen so erwachst du doch am nächsten Morgen genau an dem Punkt an dem du zu trinken begonnen hast und zum seelischen Schmerz kommt der Kopfschmerz noch dazu.

Ja die Erinnerung, die kann weh tun.  Und jetzt kommt etwas was man dir vielleicht noch nicht gesagt hat wenn du jünger als Zwanzig bist: Sie wird noch Jahre später weh tun.

Es kann sehr lange dauern bis du dich wieder an die Lieder und Filme traust, die du  mit den schönen Stunden verbindest. Ich behalte diese immer im Regal, wo ich sie sehen kann. Manche neigen dazu in ersten Eifer des Gefechts solche Erinnerungen fortzuwerfen oder irgendwo tief im Keller in Kisten zu begraben. Ich persönlich möchte sie haben wo ich sie sehen kann, als einen Gradmesser dafür wie es mir geht, wie weit ich auf dem Weg schon bin. Ganz am Anfang tut schon der Anblick der Hülle weh, irgendwann kann ich dann den Text auf der Rückseite wieder lesen. Erst im letzten Schritt kann ich sie sogar wieder anschauen und die schönen Erinnerungen, abseits von all dem Mist der passiert ist, erneut genießen. Aber das dauert und es geht auch nicht an jedem Tag. So wie eine alte Narbe bei bestimmtem Wetter wieder zu schmerzen beginnen kann so spürt man auch alte emotionale Verletzungen während manchen „seelischen“ Witterungen besser als an anderen. So mancher gute Film wurde mir dadurch für lange Zeit verdorben. Natürlich könnte man jetzt dazu übergehen jene Meisterwerke nur noch alleine zu genießen um ja keine emotionalen Verbindungen mit anderen Menschen ins Spiel zu bringen aber das wäre dumm, herzlos und von einer außerordentlichen pragmatischen Kälte geprägt – Dinge die ich glaube nicht zu bzw. nicht zu haben. Außer vielleicht die Sache mit der Dummheit. Egal.

Was mir im Moment sehr hilft ist das hier: HIM „The Funeral Of Hearts.“ Es hat genau die richtige Mischung aus „Liebe ist scheiße“-Lyrics, netter Melodie und Ville Valo. Der Mann ist einer meiner ganz großen Helden und wenn er davon singt wie die Motte von der Flamme angezogen wird kriegt sogar dieses völlig ausgelutschte Bild noch Bedeutung für mich.

Engel die Blut weinen, Blumen des Bösen in voller Blüte, eine Ode an die Grausamkeit – das sind alles alte Klischees aber genau das ist es was die Seele zur Heilung braucht – das Vertraute, die Geborgenheit … experimentelles Theater oder Orff-Instrumente helfen weniger, das verwundete Tier will in seinen Bau zurück. Warum glaubt ihr wohl haben sich Klischees so lange gehalten? Bei dem Video frage ich mich auch immer wie Ville den Taint hinbekommen hat. Ich möchte auch meine eigene Styling-Crew, dann könnte die Schminke auf meinem Gesicht immer meine Emotionen wiederspiegeln. Nichts nervt mehr als völlig fertig zu sein gesagt bekommen wie gut man doch aussieht. Aber realistisch betrachtet würde ich dann wohl die ganze Zeit leichenblass und mit schwarzen Haaren durch die Welt taumeln. Auch kein schöner Anblick.

Zum Heilungsprozess gehört auch, dass man sich den Erinnerungen stellt, entkommen kann man ihnen ohnehin nicht. Wenn ich mich also schon meiner Nemesis stellen muss dann zumindest unter meinen Bedingungen und an einem Ort meiner Wahl – auch ein Grund warum ich die Musik und die Filme die ich mit den schönen Zeiten vor dem Bruch verbinde, im Augen haben möchte und niemals fortwerfen würde.  Ein Beispiel für solche mutigen Aktionen gefällig?

Jetzt könnte es etwas komisch werden. Es gibt ein Lied auf das ich von einer bestimmten Person aufmerksam gemacht wurde, von einem Künstler der zu jenem kleinen Kreis gehört von dem ich immer dachte, dass in dieser Richtung nicht ein einziges Lied läge das mir auch nur im Entferntesten gefallen könnte. Ich möchte keine Namen nennen aber mich jetzt diesem Lied zu stellen ist ein bisschen so wie um 12 Uhr mittags in der brennenden Sonne des Westens zu stehen, auf der Hauptstraße direkt hinter dem Saloon, die Waffe bereit, wartend auf meinen Kontrahenten. Ganz klassisch eben.

Überhaupt ist Musik das Einzige was zu helfen scheint, Musik und Schreiben. Bin selten so kreativ wie wenn es mir schlecht geht. Generell ist HIM was Musik betrifft sehr gut geeignet. Ihre Texte sprechen dann genau das aus was ich denke, das schaffen nur wenige.

Besonders irritierend im Heilungsprozess ist das ständige Schwanken zwischen den emotionalen Polen. Ich will loslassen, diese ganze Geschichte hinter mir am Horizont versinken sehen und doch ertappe ich mich immer wieder mit der Hoffnung, dass es doch noch eine Rettung für das längst gesunkene Schiff gibt. Das ist dumm ich will das nicht. Hassen kann ich auch nicht, kann und will nicht aber lieben, das geht noch viel weniger, jetzt nicht mehr. Ein solches Schwanken wäre bei körperlichen Schmerzen völlig ausgeschlossen, da ist alles grausam-köstlich einfach. Was Schmerz zugefügt hat wird gehasst, verachtet, was Schmerz genommen hat wird geliebt, vergöttert. Bei emotionalen Schmerzen kann das noch nach Jahren so gehen – Gefühlsflashes kommen wann sie wollen, Momente in denen die alte Liebe wieder hochkommt und dich dazu bringt dumme Dinge zu tun. Ist wohl der Grund warum man manchmal Exfreundinnen nach Jahren plötzlich wieder kontaktieren will um nachzufragen was damals eigentlich schiefgelaufen ist. Scheint allerdings bei Frauen wesentlich schwächer ausgeprägt zu sei, bisher hat sich noch keine Exfreundin bei mir gemeldet und ein paar gäbe es da schon. Vielleicht ist das schöne Geschlecht auch einfach nur besser darin diese Impulse zu unterdrücken. Mal abwarten wie es bei mir in diesem Fall in einem Jahr oder so aussieht.

Was hilft denn noch? Vertraute Orte. Ich gehe gerne an den See an dem ich aufgewachsen bin, da gibt es eine wilde Landzunge die sehr weit ins Wasser hinausreicht, bestehend aus Steinen die aus der Tiefe hochgebaggert worden waren um die fortschreitende Verlandung der Buchten aufzuhalten. Dort draußen, ganz am Ende gibt es einen kleinen automatischen Leuchtturm, wirklich nichts Besonderes aber in seinem Schatten kann man auf den Steinen sitzen und die Wellen bei ihrem Spiel beobachten. Am Schönsten ist es dort draußen wenn es etwas stürmt und die Wolken über einen stahlgrauen Himmel jagen. Dann sitze ich da im Lichte des Leuchtturms der seine Wetterwarnung mit blinkenden Signalen über den See verkündet. Du würdest mich am äußersten Rand finden, auf einem besonders großen Stein, ich sehe hinaus und beobachte wie die Wellen sich brechen, manchmal weht mir der Wind einige Tropfen der Gischt ins Gesicht und ich stelle mir vor ich wäre der letzte Menschen auf der Welt .. oder vielleicht der erste, der mutig neue Wege geht, diesen fremdartigen Ort erforscht, ungezügelt von allen Zwängen der Kultur. Ich kann dann in den Wind schreien was auch immer mich bedrückt und niemand stört sich daran. Vielleicht hören mich ja die Vögel, aber von denen hat sich noch keiner beschwert. Der Wind streicht mir dann zum Trost durchs Haar.

In diesem Sinne lasse ich euch jetzt wieder in Ruhe mit meinen Gedanken – nicht aber ohne ein paar „heilsame“ Musiktipps am Schluss:

Damien Rice „9 Crimes“ – Ende einer Beziehung, Melancholie, bereuen von Fehlern. Eines der schönsten Lieder zu dem Thema die ich kenne. Liebe auf den zweiten Blick bei mir. Diese Version bitte: http://www.youtube.com/watch?v=vHt72jJ_1t0

The Beatles „Let it be“ – Einfach weil es ein Klassiker ist und der Rat “Let it be” zu einer gescheiterten Beziehung passt wie Butter aufs Brot.

Dreadful Shadows “Futility” – Klassisch traurig-aggressiv. Perfekt für den Herzschmerz.

Anathema “Fragile Dreams” – “I always knew my fragile dreams would be broken for you.” Muss ich mehr sagen?

Lacrimosa “Ich verlasse heut dein Herz” – Eine Beziehung in Würde und aus den richtigen Gründen beenden – würde ich auch gern die emotionale Reihe und Würde für haben.

Atrocity & Liv Kristine „Shout“ – Mir ist gerade nach Schreien und alles raus lassen, könnte also nicht besser sein.

Warmes Eis oder Die Hand

Dieser Text gehört in die Kategorie 10 in der nach oben offenen Richterskala der deprimierenden Literatur. Wer das nicht mag sollte jetzt lieber im Brower auf Lesezeichen/Favoriten klicken und was anderes anschauen.

Eins war es ein stolzes Vanilleeis im hellsten Gelb das du dir vorstellen konntest. Wenn du es jetzt ansiehst weißt du, dass es nur noch eine gelbe Masse ist.

Natürlich, von außen ist es immer noch geformt wie eine Kugel, perfekt, aber im Inneren besteht es nur noch aus hohlen Luftblasen, dünnwandig, und bei der kleinsten Berührung würden sie zerplatzen, einfach zu Nichts vergehen.

Du starrst darauf. Eine Sekunde, fünf Sekunden, eine Minute, eine Stunde. Irgendwann verliest du das Gefühl für die Zeit und es ist dir auch egal. Kein Anfang, kein Ende.

Und das Eis hält sein Schweigen.

Deine Augen müssten mittlerweile Löcher in die Luft gestarrt haben, dunkle Augen die nichts sehen aber doch nicht tot sind. Alleine und doch mit der Macht Welten zu erschaffen, voller Wunder und immer zum Sterben verurteilt.

Da beginnst du dich zu fragen wie es sein kann, dass sie überall um dich herum sind, Menschen. Witze, Lachen, all das umgibt dich wie die Luft die du atmest.

Die Kälte hüllt dich ein wie ein enger Mantel, ein Stützkorsett und du fragst dich, ob es vielleicht diese Kälte ist die das Eis bräuchte um Unsterblichkeit zu erlangen. Du lachst und erntest dafür seltsame Blicke. Man lacht nicht einfach so, dummes Kind. Aber der Gedanke ist zu komisch. Woran das Eis zu Grunde geht wäre genau das was dich ins Leben zurückbringen würde: Wärme.

Sie fragen wie du dich fühlst. Die Antwort darauf ist immer dieselbe. Was würde es auch bringen etwas anderes zu sagen?

Du ignorierst die Welt und die erwidert die Höflichkeit nur zu gerne.

Und dann ist da diese Hand. Du kriegst sie nicht mehr aus deinem Gedächtnis, alle Gedanken beginnen darum zu Kreisen wie Fliegen um einen ranzigen Kadaver. Du kannst sie fühlen obwohl es nicht deine ist und sie dich auch noch nie berührt hat. Aber die Hand berührt SIE. Ganz zaghaft, unschuldig, keiner hat es bemerkt. Und doch war es unübersehbar. Wissen die überhaupt was die Hand bei dir anrichtet? Was dieses Spiel dich kostet?

Jemand flüstert dir ins Ohr aber die Worte ergeben keinen Sinn (es klang wie eine Maus). Gefangen im Schleppnetz der Angst wie ein Delfin. Die Luft zum Atmen, es lässt dich nicht mehr dafür auftauchen.

Deine Augen beginnen zu tränen. Wenn jemand fragt ist es der Rauch. Kälte hat dich von allen Seiten umzingelt. Kribbelnd schleicht sie deine Fingerspitzen entlang, bitter klettert sie deinen Hals hoch.

Sie gehen, das Ende. Du wartest auf den fallenden Vorgang aber er kommt nicht. Wenigstens ist die Hand jetzt weg. Ein Freund sagt ein paar Worte aber du bist zu müde ihm noch Aufmerksamkeit zu schenken. Langsam stehst du auf, ziehst den Mantel enger um deinen Körper und denkst an diese seltsame Welt mit ihrem zerfallenden Vanilleeis und den Händen die berühren – aber niemals dich.

Das Eis war noch da, tot und der Mond  im Begriff aufzugehen. Angeekelt von all den Lügen, dem Schein und den Metaphern nimmst du den klebrigen Löffel vom Tellerrand und stichst ihn in das Eis. Es zerfällt sofort, verliert seine Form, bricht ein. Nur noch ein gelber, zerfließender Fleck auf weißem Porzellan. Zumindest eine Illusion weniger.

 

Bin vor kurzem wieder einer älteren Person begegnet, die von mir nur auf Grund ihres Alters Respekt einforderte. Da hat sich mir die Frage gestellt, wie das eigentlich so ist mit dem Zusammenhang von Alter, Weisheit und Respekt. Grundsätzlich respektiere ich Menschen, manchmal vielleicht sogar zu viel. Wenn ich dir zum ersten Mal begegne dann werde ich dir wahrscheinlich einen ordentlichen Vorschuss an Respekt zollen (ok, es gibt Ausnahmen aber die sind recht selten), schon alleine weil wir beide Lebewesen sind und ein bisschen davon hat alles verdient was Gefühle empfinden kann.  Aber woher kommt diese gesellschaftlich so tief verankerte Automatik von Alter und zugeschriebener Weisheit auf der einen Seite und Alter und erhöhter Respekt auf der anderen?

Ich glaube das könnte noch ein Überrest aus einer Zeit sein, als Alter und der Erfahrungshorizont gekoppelt waren, als es ganz klar voneinander abgegrenzte Welten gab von denen man nur durch Initiationsriten hin und her wechseln konnte: Die Welt der Kleinkinder, die Welt der Kinder, die Welt der heranwachsenden, die Welt der Erwachsenen und die Welt der ehrwürdigen Greise. In einer geschlossenen Kultur/Gesellschaft unterscheidet sich die Wahrnehmung der Realität dieser Gruppen oft extrem voneinander, Wissen und Einsicht in das Mysterium des menschlichen Lebens ist auf die letzten beiden Gruppen beschränkt während die ersteren in Unwissenheit gehalten werden. Selbstverständlich wird dann den Gruppen der Erwachsenen und ehrwürdigen Greisen mehr Respekt entgegengebracht, da sie die Bewahrer des Wissens sind, sie kennen sozusagen die Wasserstellen und Oasen des Lebens und haben die Jungen viel zu lehren, sie sind die weltlichen und geistigen Führungsfiguren. Ohne Respekt für diese würde das Zusammenleben nicht funktionieren. Sie können per Definition nicht „unwissend“ sein, denn jeder in einer geschlossenen Gesellschaft erfüllt eine bestimmte Funktion, hat seinen Platz im sozialen Gefüge, keiner fällt sozusagen durch die Maschen. Die Ureinwohner Australiens sagen, dass jedes Mitglied im Stamm seinen Platz hat und wenn er weggeht, egal für wie lange, dieser Platz bleibt ihm oder ihr vorbehalten, egal wann er wiederkommt.

Aber eigentlich muss man gar nicht zu den Ureinwohnern irgendwohin gehen, auch bei uns, vor noch gar nicht so langer Zeit existierte eine geschlossene(re) Gesellschaft. Ich erinnere mich gut an meinen Professor in Pädagogischer Soziologie an der Universität. Er sagte immer, dass zu der Zeit, als er noch ein Junge war, es ganz klare Aufteilung und Zuschreibungen gab was die jungen Burschen wann machten und wie das Leben verlief. Wurde man in eine bestimmte Familie hineingeboren war der Weg beinahe sicher vorgegeben und die Gesellschaft sorgte dafür, dass es für jeden einen Platz gab. Die Wahlmöglichkeiten waren deutlich eingeschränkt, die Sicherheit dafür sehr viel höher. So etwas wie völliges, uneingeschränktes soziales Versagen ist in einer solchen Gesellschaft quasi ausgeschlossen. Ab einem gewissen Alter trug ein Jungen kurze Hosen, ab einem gewisse Alter spielte er beim Fußball mit den anderen Burschen mit, dann das erste Paar lange Hosen, dann das erste Mädchen – beinahe wie auf Schienen. Wer in einer solchen Welt lebt sammelt zwangsläufig Lebenserfahrung in genau vorgegeben Häppchen, altert sozusagen nach dem Fahrplan der Gesellschaft – ein älterer hatte einem Jüngeren in jedem Fall etwas zu lehren und voraus. Irgendwann der erste Job, ein kontinuierlicher Anstieg an Verantwortung bis hin zur Führungsposition und schließlich der Ruhestand.

Unsere Welt ist aber eine andere geworden, in manchen Bereichen steht sie, zumindest aus der Sicht früherer Generationen, auf dem Kopf. Information ist jetzt überall, Erfahrungen im Leben die früher Erwachsenen vorbehalten waren werden jetzt schon von Heranwachenden gemacht. Durch die Fülle an Literatur, Bildern, Filmen und Ideen die überall frei verfügbar ist haben wir gerade bei jungen Menschen eine Weltoffenheit erreicht die in ihrer Breite in der Geschichte wohl einzigartig sein dürfte. Dazu kommt, dass es auch gerade die Jüngeren sind, die über das notwendige Wissen verfügen um die Informationen auch zu beschaffen, zu filtern und am Ende zu konsumieren. Galt man früher als gebildet wenn man grob über die geopolitische Lage informiert war so ist es heute schwer sich dieser Information zu entziehen. Jeder zwölfjährige weiß zumindest etwas über die großen Konflikte unserer Zeit.

Weisheit ist natürlich ein kompliziertes Konstrukt, denn sie setzt nicht nur Wissen voraus sondern auch die Fähigkeit Zusammenhänge zu erstellen, das Wissen in einen größeren Kontext stellen können um es auf die verschiedensten Situationen anwenden zu können – ein weiser Mensch nimmt unser Problem und hilft uns es aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten, neue Wege zur Lösung zu beschreiten. Ein Weiser hat generell etwas erkannt was anderen verborgen blieb. Das bedeutet für meine Argumentation hier, dass ein junger Mensch heute nicht unbedingt früher weise werden muss als dies in vergangenen Zeiten der Fall war (wichtig: Nicht alle Menschen werden überhaupt irgendwann weise) – aber es bedeutet, dass die Möglichkeit dazu heute unendlich viel größer ist als früher. Denn was ist überhaupt die wichtigste Voraussetzung für Weisheit? Weise kann man nicht geboren werden, so viel sollte klar sein. Um weise zu werden muss man Erfahrungen gemacht haben, sehr viele, bis zu dem Punkt an dem man die tieferen Zusammenhänge, die Elemente, die verschiedene Erfahrungen verbinden, erkennt. Erst dann kann man andere auf diese Verbindungsstücke, diese Gemeinsamkeiten hinweisen und ihnen so helfen ihren Alltag zu meistern. Der alte Mann im Stamm wurde weise, weil er viele Jagden überlebt und viele Stammesmitglieder auf die Welt kommen und sterben hat sehen – dadurch hat er ein kleines Stück des Lebens erfasst und ist in der Lage dieses Wissen über Jagen und gejagt werden, auf die Welt kommen und wieder sterben, auf andere Situation zu übertragen, eben diese Analogien zu finden.

Wer es in der heutigen Zeit versteht den beinahe wasserfallartige Informationsfluss zu filtern und das Gold aus dem Schlamm zu sieben kann mehr über das Leben lernen als dies jemals zuvor möglich gewesen wäre – und der Samen der Weisheit wird auf fruchtbaren Boden fallen.

Deshalb wundert es mich nicht immer mehr junge Menschen zu sehen, die ein unfassbar tiefes Verständnis für den menschlichen Zustand entwickelt haben. Leider gibt es natürlich auch negative Entwicklungszweige auf diesem Weg – der Zynismus nimmt deutlich zu. Woher kann das kommen? Auch das halte ich für ein Nebenprodukt des explosionsartig anwachsenden Wissens schon in frühen Jahren. Die Grausamkeiten der Natur wurden von früheren Generationen sehr wohl wahrgenommen, aber als natürlicher Bestandteil des Kreislaufs des Lebens, Raubtiere müssen töten um zu leben, Pflanzen verwelken um Dünger für die nächste Generation zu werden. Durch den tieferen Sinn, den der Weise darin erkennen konnte, wurde die Gefahr des Zynismus abgemildert. Aber was sehen wir heute? Menschliche Grausamkeit. Sinnlose Gewalt die keinem anderen Zweck dient als der Bereicherung einiger weniger. Dummheit, Gier und Hilflosigkeit schreien uns aus den Zeitungen und dem Internet entgegen egal wohin wir blicken. Nichts davon könnte sinnvoll in einen größeren Kontext gesetzt werden, kein Kreislauf des Lebens könnte erklären wieso es sinnvoll sein sollte Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen um einem Staatsoberhaupt klar zu machen, dass anderen Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen falsch ist. Kein Wunder, dass manche statt Weisheit einen kalten Zynismus entwickeln – könnte es sein, dass Zynismus Weisheit ohne Herz ist? Womit wir aber beim Thema eines älteren Blogeintrages von mir wären … Ein weiteres Problem sind jene, die aus der Informationsgesellschaft herausfallen. Das Netz ist wahrlich weitmaschig geworden und wer eben nicht gut darin ist Informationen zu filtern, in dem ewigen Strom den Kopf über dem Wasser zu halten, geht sprichwörtlich unter. Diesem Menschen wird jede Möglichkeit genommen an den positiven Aspekten dieser Entwicklung teilzunehmen. Nicht umsonst sehen wir in den verschiedensten „Unterhaltungssendungen“ immer mehr gestrandete Jugendliche und junge Erwachsene die mir immer auch ein wenig wie Fische am Land vorkommen – nach Luft schnappend, hilflos zappelnd – sich ins Rampenlicht stellend in der Hoffnung wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen um dann doch nur ausgelacht zu werden. Das ist die Kehrseite der Medaille, die Möglichkeit absoluter Unwissenheit – bei diesen wird sich Weisheit auch im Alter nicht einstellen und die Gesellschaft bietet nicht mehr die notwendigen Wegweiser und Hilfsmittel. Sie werden sich wohl verlaufen in diesem glorreichen Labyrinth das wir geschaffen haben.

Mit dieser langen Rede wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Weisheit in unserer Gesellschaft nicht mehr zwingen mit dem Alter verbunden ist, weil schon sehr junge Menschen beträchtlich weise sein können, unter bestimmten Umständen. Aber wie sieht es nun mit den Älteren aus? Werden sie immer noch weise? Ich fürchte da ist es heute auch nicht mehr so wie es mal war. Manche sind irgendwo im Umbruch der letzten 50 Jahre hängengeblieben, die Welt aus der sie kamen gibt es nicht mehr, die Schienen die durchs Leben führten, durch die gesellschaftlich sanktionierten Erfahrungen, wurden abgerissen. Und die Welt in der wir jetzt sind scheint furchtbar verwirrend, unstrukturiert. Damit möchte ich aber nicht verallgemeinernd verstanden werden. Ich kenne einige, auch sehr alte Menschen, die wunderbar mit dem Einstieg ins Internet zurechtgekommen sind und fester Bestandteil der Informationsgesellschaft wurden. Sie haben die Vorurteile alter Tage abgelegt, darauf verzichtet stur auf den einst versprochenen Verlauf des Lebens zu bestehen und haben sich angepasst. Aber eben nicht alle. Jene Person von der ich am Beginn sprach hat das sicher nicht – dieser Mann will der Weise eines Stammes sein der schon lange nicht mehr existiert, ein Häuptling ohne Indianer sozusagen. Aber das ist häufig das Schicksal von Generationen die zu Zeiten des Umbruchs gerade erwachsen geworden sind. „Respektiere mich und habe Ehrfurcht vor mir weil ich älter bin als du“ – das war das Motto seiner Rede. Und auch der schnellste Weg meinen Vorschuss an Respekt zu verspielen. Ich respektiere den Menschen an sich, ich respektiere was jemand tut, was er geschaffen hat aber Respekt nur auf Basis der Tatsache, dass du früher geboren wurdest als ich? In einer Welt in der Differenzen von Geburtsjahren immer weniger Bedeutung haben? Einer Welt in der 15jährige die großen Philosophen lesen und 40 jährige noch in der Mickey Mouse blättern?  Nein, tut mir leid.

Das ist keiner meiner üblichen Einträge im Blog – er ist böse, sozusagen der dunkle Zwilling dessen was ich sonst so mache. Wer das nicht mag bitte einfach ignorieren (das ist die schlimmste Strafe für den dunklen Zwilling überhaupt – sich über ihn ärgern bringt gar nichts, daraus zieht er nur Kraft).

Hier ein kleiner Erlebnisbericht aus einer Fortbildungsveranstaltung. Hätte ganz lustig sein können, war es aber nicht. Wie jede gute Geschichte hat auch diese eine oberflächliche Bedeutung (das was da wörtlich steht) und eine tiefere, symbolische Bedeutung. Mal schauen wer in die Tiefe gehen kann/mag.

Ich saß noch vor wenigen Stunden in einem Seminarraum zur Fortbildung, zusammen mit einer ganzen Menge Mediziner. Thema war Humanities in Medicine, also die Humanwissenschaften im medizinischen Umfeld, den leidenden, kranken Menschen in seiner Gesamtheit sehen und nicht nur das Symptombündel. Ein zentraler Punkt war Schmerz. Dass dies keine berauschende Erfahrung werden würde war mir von Anfang an klar – aber welche Qualen mir jede einzelne Sekunde schlussendlich wirklich bereitete  konnte ich nicht ahnen.

Kurssprache war übrigens Englisch – es genügt zu sagen, dass ihr wohl selten zuvor in der Geschichte so viel Gewalt angetan wurde wie in diesen Minuten. Vielleicht bin ich aber auch nur auf Grund meines Studiums übersensible, dennoch, schön war es nicht. Aber genug davon.

Zuerst wurde ein Prosatext zur Patientendistanz gelesen. Eine Frage war da: Sollte man dem Patienten die ganze Wahrheit sagen und das in jedem Fall? Eigentlich ganz ok, ich denke JA, die Ärzte waren anderer Meinung. Notiz an mich: Nicht bei diesen Ärzten behandeln lassen! Sollte ich im Sterben liege will ich das verdammt nochmal wissen, selbst wenn ich nur mehr drei Tage habe!

Dann kam das Verbrechen. Kennt ihr Emily Dickinson? Ja, genau die. Wahrscheinlich eine der einflussreichsten Dichterinnen der letzten 300 Jahre, eine große Lyrikerin die überall auf der Welt gelesen wird. Die Dozentin hat Auszüge aus acht ihrer Gedichte mitgebracht und zwar Auszüge aus Gedichten die sich mit Schmerz befassten. Ein Fest für mich – hätte man meinen sollen.

Erste Aussage einer Person die wohl als meine persönliche Foltermeisterin in diesen Kurs gesetzt wurde: „Ich mag Gedichte nicht!“ Und die Erklärung ihrerseits dafür war, dass sie keine Romantikerin ist (ja, kein Scherz, hat sie gesagt).

Also wie soll man darauf antworten? Kennt sie die ganze Fülle der Lyrik? Alle Stilrichtungen und Nuancen? Und was haben Gedichte mit Romantik zu tun? Sie können romantisch sein, ja, müssen aber nicht. Habt ihr schon mal jemanden sagen hören, das er Fernsehen nicht mag weil er kein Actionfan ist? Oder keine Bücher liest weil er Science Fiction nicht mag?

Na gut, dass ist eine Meinung. Kann ich respektieren und würde ich eigentlich auch nicht drüber bloggen. Aber diese Person dachte ja gar nicht dran an dem Punkt aufzuhören, oh nein. Sie trug ihre Ignoranz wie ein Banner vor sich her. Wahrscheinlich sah sie sich auf dem blutigen Schlachtfeld im Kampf zwischen Realisten (sie) und Gefühlsduseln (Leute die Gedichte mögen) . Ich zitiere an dieser Stelle gerne den großartigen, alten  Kanadischen Dichter/Sänger/Lebende Legende Leonard Cohen: „Ah the dreamers ride against the men of action – oh see the men of action falling back!“ (aus „The Traitor“)

Durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und eine recht hohe Frequenz an Kommentaren hat unsere Bekannte ganz klar gemacht auf welcher Seite sie steht.

Ok, es ging weiter im Gedicht, das war ja nur der Anfang.

Die schlichte Äußerung: „Let’s have a look at pain“ wurde zum nächsten Schauplatz dieser Groteske. Sollte eigentlich ganz einfach sein. Wir betrachten den Schmerz. Auf die Frage wie man das angehen könnte antwortete die uns jetzt schon bekannte Dame: „Dem Patienten in die Augen schauen.“ Na gut, jetzt kann man sagen sie hat die Frage nicht richtig verstanden also nochmal: Der Schmerz an sich als Phänomen, wie könnte man den betrachten? Offensichtlich ist die Dame überfordert und erklärt, dass man einen Schmerz ohne Patienten nicht betrachten könne, da er sich ja nur in einer Person manifestiert. Schmerz ohne Patient kann man nicht betrachten. An diesem Punkt stockte mir der Atem. Will sie provozieren? Die naheliegende Antwort, nämlich „Ja, sie will provozieren“ ist nicht ganz richtig. Diese Dame glaubt daran.

Stichwort: Abstraktion. Eine grundlegende menschliche Fähigkeit die auch nur bei uns schlüssig nachgewiesen werden kann. Im Tierreicht gibt es einige interessante Ausnahmen wobei ein endgültiger Befund noch aussteht – die scheinbare Fähigkeit zur Abstraktion bei einigen Affen könnte auch nur in einer komplizierten Konditionierung auf symbolische Reize begründet sein. Menschen abstrahieren, den ganzen Tag lang, also Phänomene sehr wohl losgelöst von konkreten Trägern begreifen. Oder wie ist das mit der Ideenlehre Platons? Das Höhlengleichnis? Sind ihr wirklich 2500 Jahre Philosophiegeschichte abhandengekommen? Wir sind doch von abstrakten Konstrukten umgeben. Wieso um Himmels Willen ist es als unmöglich über Schmerz zu reden, losgelöst vom konkreten Patienten?

Ab diesem Moment wurde Emily Dickinson nur mehr abgeschlachtet.  

Ein weiterer Höhepunkt ergab sich aus folgender Aussage der Dichterin: „Pain has but one Acqaintance And that is Death“. Der Schmerz hat also nur einen Bekannten und das ist der Tod. Hat unsere Freundin nicht so ganz verstanden, macht sie auch deutlich durch Augenrollen und möglichst lümmeligen Sitzen im Stuhl. Sie fragt was das den heißen soll, an Kopfschmerzen sei sie schließlich noch nie gestorben – von wegen einzige Bekanntschaft. … Die Dozentin bleibt erstaunlich ruhig. Bisher hielt ich Gewalt unter keinen Umständen als angebrachte Lösung für irgendwas – meine Einstellung dazu begann zu kippen. Die Dozentin erklärt: Was Dickinson damit meint ist, das der Schmerz eine Erinnerung an unsere eigenen Vergänglichkeit ist – dieser Körper wird nicht ewig fehlerfrei funktionieren, irgendwann kann und wird er völlig versagen. So lange wir gesund sind, keine Schmerzen haben, leben wir in den Tag als würde es ewig so weitergehen, es ist der Schmerz der uns da hinausreißt und zeigt, dass wir eben nicht unendlich sind, dass der Körper, die Gesundheit zerbrechlich ist. Nicht damit gemeint ist eine  kausale Verknüpfung von Schmerz und Tod in jedem Fall.

Unsere Freundin schweigt, das ist gut.

Ein anderer spricht, das ist gar nicht gut.

In einem klassischen Beispiel einer ad-absurdum-Führung eines guten Argumentes meint der Kollege: Es ist ja pathologisch (krankhaft – Anmerkung für die Nicht-Mediziner unter uns) bei jedem Schmerz gleich an den Tod zu denken. *Applaus* Welche Erkenntnis. Nur zu blöd, dass das auch gar nicht gemeint ist. Es geht um die abstrakte Idee des Schmerzes, das Phänomen an sich und was es im Menschen anrichten kann, nicht woran du denkst wenn du dir mit dem Hammer auf die Pfoten haust!

Aber scheinbar hatte unsere Bekannte die gute alte Emily Dickinson noch nicht genug gequält. Jetzt wurde es richtig persönlich. Die Dame meinte: „Wenn ich das lese denke ich nur, die Frau hatte wohl ständig Schmerzen. Die Arme.“  Herablassung tropfte ihr förmlich aus jeder Pore, dann der Blattschuss: „Man kann sich da auch reinsteigern. Wenn ich den ganzen Tag von Schmerz schreibe wäre ich am Abend auch tot.“

Sprachlosigkeit und der Wunsch mir verschiedene Körperteile auszureißen wallten hoch. Anmerkung der Dozentin: Vielleicht sollte man das 1775 Gedichte umfassende Werk dieser Frau nicht an Hand von nur ein paar Auszügen aus acht Gedichten beurteilen. Grundsätzlich stimme ich dazu. Dickinson hat nicht nur über Schmerz geschrieben. Sie schrieb mit einer poetischen Feinfühligkeit und treffender Präzision, jedes Wort fährt direkt in die Knochen. Ihre Worte gaben und geben Generationen Kraft und Einsichten in den menschlichen Zustand. Sie hatte ein profundes Verständnis für Schmerz, Trauer aber auch das Schöne. Selbst wenn ich persönlich Sylvia Platz und ihr Wert höher schätze empfinde ich eine große Liebe für die Gedichte von Emily Dickinson. Hätte sie ihr ganzes Leben nur über Schmerz geschrieben wäre es auch in Ordnung gewesen denn sie wusste wovon sie sprach und zuhören könnte wirklich nicht schaden.

Dann die ultimative Beleidigung. Es ging um das poetische Ich, also die Trennung des Schöpfer-Ich (der Dichter) vom geschaffenen Ich (der Erzählstimme im Text). Unsere alte Bekannt ist der Auffassung, dass Texte nur dann interessant und gut sind, wenn diese Ichs übereinstimmen, also der Erzähler von sich selbst, dem von ihm Erlebten spricht. Was soll man jetzt dazu sagen? Jetzt mal ganz ehrlich, was? Offensichtlich ist unsere Bekannte was die Literatur betrifft nie über die Erlebnisberichte des Campingausfluges in den Sommerferien hinausgewachsen. Wahrscheinlich liest sie auch keine Bücher – höchstens Lehrbücher und Autobiographien, alles andere ist ja eh nur erfunden und damit von geringem Wert.

Ich bin Leser, holt mich hier raus.

Warum ärgert mich das so? Der Hauptgrund ist sicher, dass solche Personen wie unsere Bekannte hier immer so verdammt laut sein müssen. Sie versteht nicht einmal ansatzweise was Poesie Menschen wie mir bedeutet. Im Gegenteil, ihre Ignoranz trägt sie wie einen Pokal vor sich her und muss dies auch ständig an die Umwelt kommunizierten. Augenrollen, provozierende Fragen, manchmal extrem gespieltes Unverständnis – das sind ihre Waffen – sie kann und will sich nicht einlassen auf die Worte der Alten.

Ganz klar formuliert: Sie ist stolz darauf, dass ihr Gedichte und Geschichten nichts sagen, sie sieht es als Zeichen ihrer Verankerung am Boden der Tatsachen. Wäre  nur schön, wenn diese Menschen etwas unauffälliger verankert wären.

Ihr fragt mich was ich die ganze Zeit zur Diskussion beigetragen habe? Meistens die wohlgeformten Worte bewundert die jene lange verstorbene Dichterin durch Raum und Zeit zu uns sendete. Natürlich hätte ich mich einmischen können, vielleicht sogar streiten. Aber es hätte bei ihr nichts gebracht also lasse ich es. Vielleicht wird meine diesbezügliche Zurückhaltung irgendwann in Zukunft von jenen auf der anderen Seite des Schlachtfeldes erwidert. Das wäre toll.

Diesen schönen Satz hat eine Bekannte (Lilleyone – Link zu ihrem Blog findet man rechts von hier im Menü) in ihrem Blog verwendet und ich fand das denkwürdig, dass ich selber etwas zu dem Thema schreiben möchte.

Momentan geht es mir nicht so gut, das war einer der Tage an denen ich mich am liebsten schreiend am Boden gewälzt hätte. War den ganzen Tag nur am Rennen, nichts hat so funktioniert wie ich es wollte und ich fühlte mich die ganze Zeit einsam. Außerdem hat ein wichtiger Mensch aus Gründen die für mich völlig unverständlich sind den Kontakt abgebrochen und ich hängen da jetzt in der Luft ohne vor und zurück zu können. Habt ihr so in etwa ein Bild im Kopf? Extreme Verlassenheit.

Wie bin ich in diese Situation gekommen? Ganz kurz gesagt: Mein Herz war’s. Wenn ich auf meinen Verstand gehört hätte  wäre ich diese wichtigen Person nie nahe gekommen, wir hätten die schönen, lustigen und albernen Momente nie gemeinsam erleben dürfen und am Ende wäre dann auch nicht der große Absturz gewesen, mein Leben hätte seine gewohnten Bahnen mit relativ ausgeglichenen Höhen und Tiefen genommen. Das wäre gewesen wenn ich auf meinen Verstand gehört hätte.

Aber die Wahrheit ist, dass, trotz des freien Falls, der Schmerzen und der verdammten Einsamkeit, ich dieselbe Entscheidung wieder treffen würde. Viele schöne Momente wären mir entgangen wenn ich nicht auf mein Herz gehört hätte. So gebe ich an diese Stelle ohne Scham zu, dass die meisten meiner Entscheidungen aus der Region kommen und schon oft musste ich darunter leiden aber immer war es vorübergehend mit bleibender Erkenntnis und neuen Perspektiven.

Niemals könnte ich mir ein vom Verstand gesteuertes Leben vorstellen. Meine Eltern, wahrscheinlich wie sehr viele von euern Eltern auch, hätten natürlich gerne ein mehr „rationales“ Kind gehabt, eines, dass die „besonnenen“ Entscheidungen trifft, das in geraden Linien durchs Leben geht. Aber so funktioniert das Herz nicht. Zuerst führt es uns in ungeahnte Höhen, auf Gipfel von denen wir die ganze Welt sehen können und direkt danach in Schluchten, dass man das Gefühl hat die Wände würden einem gleich zerquetschen. Das Herz kann dich ebenso gut zu einem Märchenschloss wie zum Geisterhaus bringen. Und wisst ihr was? Beide Orte sind es wert besucht zu werden weil man überall wo das Herz einen hinbringt etwas für die eigene Menschlichkeit lernen kann. Ich lerne gerade wie es ist jemanden so zu vermissen, dass man das Gefühl hat keine Luft mehr zu bekommen, wie es ist einen Abschied ohne wirklichen Abschied zu durchlaufen und ich werde auch lernen wie man aus diesem tiefen, schwarzen Loch wieder rauskommt, den Dreck von den Knien klopft und weiter macht. Weil man weitermachen muss, auch wenn der Verstand sagt, dass emotionale Eiszeit vielleicht die angemessene Reaktion wäre. Verstandsentscheidungen können solche Lektionen nie vermitteln, denn der will nur auf den asphaltierten Straßen der Sicherheit möglichst schnell das Ziel erreichen. Aber was soll ich am Ziel wenn ich dort mit leerem/n Händen/Kopf/Herz ankomme?

Und wenn der alte Kerl mit der Sense kommt dann will ich ihn anschreien können, dass ich noch nicht fertig bin, dass mein Herz verdammt nochmal ein paar Lektionen im Ärmel hat die noch zu lernen wären. So richtige emotional möchte ich da sein und auch wenn’s objektiv nichts bringt, beeindrucken werde ich ihn auf jeden Fall. Denn der Verstand würde der Sanduhr in der Hand des Gevatters nur zunicken und das Unvermeidliche annehmen. Oder vielleicht wäre der Verstand voll Reue, weil er nie nachgeschaut hat was das für ein mit Dornenranken überwachsener Weg in den Wald hinein ist. Nicht ich. Nicht mein Herz.

Auch bin ich der Meinung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen auf ihr Herz hören und danach leben würden. Sicher, es gibt auch dunkle Herzen, aber das aus anderen Gründen – viele davon geschaffen, manchen angeboren – aber das durchschnittliche Herz ist ein vorzüglicher Kompass durch diese Welt. Es lehrt uns Demut, Mitgefühl, Selbstironie. Wer auf sein Herz hört wird sich eingestehen, dass er nur ein Mensch ist, fehlbar, manchmal schwach, manchmal stark aber immer angewiesen auf andere. Ich persönlich habe da nie ein Problem mit gehabt das offen anzusprechen. Mitgefühl und Mitleid kommen aus dem Herzen. Und das hat absolut nichts mit Schwäche zu tun. Der Schwache hört auf den Verstand der ihm Ängste über seine Nachbarn einträufelt wie Gift, ihm sagt, dass sie ihm schaden wollen und er daher schneller sein sollte als sie. Das Herz würde die Nachbarn kennen wollen, mutig wie ein Löwe voranmarschieren und Unrecht nicht mit Unrecht vergelten.

Ich bin vielleicht naiv aber die Welt in der wir leben ist gar nicht so schlecht, mehr Menschen als wir glauben würden gerne auf ihre herzen hören wenn sie nicht diese verdammte Angst hätten, dass ihnen dann der nächste, vom Verstand gelenkte Roboter den Job, das Haus und die Frau wegschnappt. Und es ist wahr. Auf sein Herz zu hören wird viel zu selten belohnt. Ist das ein Grund damit aufzuhören? Nein sage ich. Irgendwo muss die Bewegung anfangen und viele sind es die bereit wären in einer von Herzen gesteuerten Welt zu leben. Man müsste das nur nach oben tragen, dort wo der Verstand noch angebetet wird wie ein rachsüchtiger Dämon der Angst vor dem man sich verneigen müsste um nicht in den Staub getreten zu werden.

Aber vielleicht bin ich ja auch zu naiv.

Muss ich mich selber finden?

Ich mochte die Aussage „muss mich selber finden“ noch nie besonders. Meiner unbedeutenden Meinung nach ist es vielfach nur ein Platzhalter für „ich weiß nichts mit mir anzufangen“ oder ein Ausdruck der Nicht-Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit. Oder eine Ausrede dafür jede Verantwortung für die bisherigen Taten über Bord zu werfen.

Wo sollte man sich selbst auch finden? Gibt es etwa einen Ort an den man gehen kann, eine Art magische Höhle in deren Innerem das eigene, wahre Selbst einer Wandmalerei gleich vor einem ausgebreitet liegt und alles was notwendig ist um das Glück im Gleichgewicht zu finden ist ein Blick auf dieses Kunstwerk? Daran glaube ich nicht.

Natürlich wäre es, den schamanischen Traditionen folgend, möglich eine Reise in die eigene Psyche, im Sinne von Psychonautik, zu beginnen – eine Art symbolische Odyssee auf der Suche nach dem Kern, quasi das Schälen der Persönlichkeitszwiebel. Dort würde man wirklich sich selbst finden können, den nackten Nukleus dessen was wir „Persönlichkeit“ nennen. Die Reise lohnte sich sicher aber eine solche wagen selbst in den erdverbundensten Kulturen nur wenige und nicht jeder kommt zurück.

Wenn man sich selbst verliert, dann liegt das wohl meistens daran, dass die Person aufhört Dinge zu tun die ihr wichtig sind und beginnt einen Kompromiss nach dem anderen mit dem Leben zu schließen, mit jedem weiteren wird der nächste ein kleines bisschen leichter. Schon klar, das ist eine alte Weisheit aber wahr es trotzdem. Nur zu leicht verfällt man in eine Art Dämmerschlaf, dieses Dahintreiben im Alltag der die eigenen Grenzen abschleift wie das Meer die Steine am Strand. Das kurze Gewahr werden dieser Realität nenne ich gerne das „Fake Empire“-Gefühl aber dazu habe ich einen eigenen Eintrag in diesem Blog – schaut einfach mal nach!

Auch wenn das jetzt altmodisch klingt, mit den Kompromissen und dem Treibenlassen im Alltag geht ein kleines bisschen Unschuld in uns verloren. Manchmal glaube ich, dass es die Erkenntnis dieses Verlustes ist, die uns dazu bringt nach einem „besseren“, „reineren“ Selbst zu suchen. Der Mann der nach 40 Jahren, 20 davon im Berufsleben, feststellt, dass all die Dinge, die er als Teenager tun wollte immer noch auf der Liste stehen, die Frau die mit 50 erkennt, dass sie eigentlich nur für die Kinder und den Mann gelebt hat – sie haben alle das Gefühl auf dem Weg etwas verloren zu haben. Aber genauso wenig wie ich wieder körperlich ein Kind werden kann, egal wie groß der Wunsch ist, werde ich den emotionalen Zustand eines früheren Zeitpunktes wiederherstellen können. Wir müssen mit unseren Kompromissen leben.

Problematisch ist dieses „sich selber finden“ auch, weil es, zumindest in Ansätzen, ein statisches Ich voraussetzt. Wieder eine Sache an die ich nicht glauben kann. Dieses Bündel aus Einstellungen, Emotionen, Bewertungen und Vorurteilen, das wir so gerne „Ich“ nennen befindet sich ständig im Fluss, jede Entscheidung führt zu geringfügigen Verschiebungen in diesem delikaten Gleichgewicht, viele davon dann zu Umbrüchen die den gewaltigsten Auswüchsen der irdischen Platentektonik ins nichts nachstehen . Hier ein fest verankertes „Ich“ zu suchen erscheint wie der Kampf gegen Windmühlen und vielleicht sogar schon pathologisch. Wer mit aller Kraft an einem bestimmten Zustand zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt festhält wird quasi in seiner Entwicklung eingefroren, so tot wie ein Ölgemälde an einer Wand. Möchten wir das wirklich, in den in den Tiefen unserer Herzen? Ein solches Zerrbild der Realität sein? Für immer erstarrt in der Pose eines Moments? Ab und zu sehe ich Menschen die genau das geworden sind – eingefrorene Karikaturen ihrer selbst. Da kennt ihr doch auch welche, oder? Leben ist Bewegung – klingt komisch ist aber so.

Schamanen sind vielleicht die Ausnahme, stehen sie doch außerhalb der Zeit, so wie sie in der Sippe zwar eine zentrale Rolle spielen aber doch immer am Rand tanzen, zwischen zwei Welt, keiner wirklich zugehörig (auch hier empfehle ich die Lektüre von Joseph Campbell und seinem 4-bändigen Werk zu den Mythologien der Welt).

Aber was kann man tun? Wenn ich wirklich die Patenlösung hätte wäre ich viel zu reich um mich um diesen Blog zu kümmern. Ein Privatsekretär hätte diese Zeilen zusammen mit einer Marketingagentur verfasst und sie würden daher viel geschliffener und politisch korrekter klingen.

Wie glaube ich, dass es gehen könnte? In dem man bewusster lebt, eben nicht in diesen Halbschlaf verfällt sondern jeden seiner Kompromisse genau abwägt. Indem man nicht versucht zurückzugehen an einen Ort, eine Zeit oder einen Zustand von dem man glaubt das wäre das Ideal gewesen sondern sich nach vorne bewegt , versucht aus der Person die man jetzt gerade ist, eine Entwicklung anzugehen in Richtung der Person die man gerne sein möchte. Ja, ich glaube das ist zentral. Du, ich, wir alle haben dieses Potential denn einen Tag älter als noch gestern zu sein hat auch Vorteile – Erfahrungen wurden gemacht, dieses kleine Bündelchen genannt „Ich“ hat sein Gleichgewicht wieder ein bisschen verschoben und dadurch neue Perspektiven eröffnet.

Also – der zu sein der du warst geht nicht, du würdest eine Karikatur deiner selbst werden – also versuche dich zu dem zu entwickeln der du gerne sein würdest und zwar auf Basis von dem, der du jetzt bist. Das geht aber nur, wenn man die jetzige Person akzeptiert und nicht als „Fehltritt“, als „Sackgasse“ betrachtet. Alle Klarheiten beseitigt? Sehr schön.

Feuermotten

Geh‘ mit dir über die alte Brücke am See, jene die den kleinen, ausgebaggerten Hafen für die Fischer überquert. Kannst du das Holz sehen? Es ist alt und wirkt morsch, aber im Inneren ist es fest wie Stahl, würde hundert Menschen aushalten, auch wenn schon lange nicht mehr so viele zur gleichen Zeit hierher kommen. Das Wasser riecht an Tagen wie heute irgendwie seltsam, nach Seetang und Wind, Regen und Sturm, aber nicht unangenehm. Vertraut, so als würde sich die Flüssigkeit  in meinen Zellen an seine Herkunft erinnern, vielleicht sogar mit Sehnsucht. Wenn du tief einatmest kannst du fühlen wie sich dein Verstand ausbreitet, für einen Moment über dich selbst hinauswächst. Ein bisschen ein Schwindelgefühl aber gut.

Da hinten führt ein Weg am wild verwachsenen Ufer entlang. Im Schilf raschelt das Leben, davor musst du dich wirklich nicht fürchten, alles was dich erlegen könnte würdest du nie kommen hören. Keine Angst, das war ein Scherz. Links und rechts salutieren uns die Bäume, hohe, edle Geschöpfe die das Leben in langen Jahren studieren, den Wanderern lauschen und die Worte der Liebenden enträtseln. Wenn sie könnten würde sie Geschichten erzählen. Diese Allee ist voller Erinnerungen.

Der Wind ist normal, er zieht jede Nacht vom See heran um mit uns zu sprechen. Verspielt flüstert er dir ins Ohr. Wehr dich nicht dagegen, hör ihm lieber zu. Er sagt uns, dass wir auf dem richtigen Wege, dass das Ziel nicht mehr weit und die Mühen die Anstrengungen mehr als wert sind. Du solltest wirklich einmal kurz vor Morgengrauen hier sein, manchmal  kann man die Stimmen der ertrunkenen Fischer im Wind hören. Sie erzählen dir dann von den Orten an denen sie gewesen sind und an die sie noch gehen werden. Auch davor brauchst du dich nicht zu fürchten, die Toten sehen weit aber ihre Körper haben sie längst zurückgelassen.

Wir sind beinahe da, kannst du es sehen? Ich wollte dir den alten Mann dort drüber auf der Wiese bei dem knorrigen Baum zeigen. Ist schon ein komischer Baum, sein Stamm von oben her bis eine Menschengröße über den Boden gespalten, als hätte der Blitz ihn vor langer Zeit verwundet aber er zu stur um daran zu sterben. Jetzt ist es als wüchsen zwei Baume aus dem einen Stamm. Schau ihn dir ruhig genauer an. Die Äste hängen weit über die Wiese hinaus, wie die Arme eines Kraken der die Welt verschlingen will. Nein, der Vergleich stimmt nicht. Wie die Arme einer Mutter die das Kind beschützen wollen.

Aber zurück zu dem Mann den ich dir zeigen wollte. Da steht er, mit der alten, ausgefransten Jacke in undefinierbarer Farbe. Ihm muss wohl kalt sein, denn er trägt immer eine Wollmütze, tief über die Stirn heruntergezogen. Lass dich nicht von dem Feuer vor ihm verunsichern. Ja, da brennt Laub, ich kann es auch riechen. Der Mann hält es am Leben, mit einem alten, rostigen Laubrechen schiebt er immerzu neue Blätter in die Glut. Wir könnten einen ganzen Tag hier stehen und er täte doch nie etwas anderes.

Das war nett von dir aber ihn zu grüßen hat keinen Sinn, er antwortet nie. Halte den Alten deswegen nicht für unfreundlich, wahrscheinlich sieht er uns gar nicht. Wir sind nur Besucher in seiner Welt und dabei nicht einmal geladen.

Schau in die Flammen. Sind sie nicht wunderschön? So Rot als bestünden sie aus lebendigem, tanzendem Blut.  Immer wieder formen sie neue Figuren, im Tanz miteinander, eng umschlungen nur um sich doch wieder zu lösen, aufzulösen. Keine zwei Augenblicke ist diese tosende Gewalt sich gleich. Komm näher, etwas tiefer drinnen im Flammenmeer siehst du die Glut, die Quelle des Schauspiels, sie hält der alte Mann am kochen, sie ist seine Lebensaufgabe. Ich sehe es Dir an den Augen an, du hast es bemerkt. Die Glut steht nicht still, sie pulsiert, vibriert, wie Adern oder ein Herz, man kann es beinahe klopfen hören. Kleine Funken steigen aus dem Rot empor, sie leuchten hell, heller als Sterne. Es müssen tausende sein, so viele, dass es kaum möglich ist einem einzigen zu folgen. Nein, streck‘ deine Hand nicht aus. Die Funken sind glühend heiß, so schön sie anzuschauen sind, so sehr würden sie dich bei nur einer einzigen Berührung schmerzen.

Gehen wir doch ein paar Schritte zurück, dann kannst du besser sehen. Das Feuer brennt jetzt lichterloh. Ob sich der Mann wohl für uns besondere Mühe gibt? Aus der Glut steigen sie auf, die Funken, helle Glühwürmchen aus Licht. Achte auf den Übergang zwischen dem Feuer und der Luft, dort wo es knistert vor Hitze. Die Funken verlassen ihre Wiege, steigen auf, getragen von der Wärme des Schoßes der sie gebar. Dort draußen veränder sie ihre Farbe. Nicht mehr als weiße Sonnen steigen sie hinaus in die Welt, nein, glühende Feuermotten sind sie geworden. Immer höher steigen sie und wie ein Spiegelbild der Flammen tanzen sie miteinander, manchmal eng, manchmal weit. Bald ist der Himmel über uns mit ihnen übersät, Feuermotten wohin das Auge blickt. Sind sie nicht wunderschön? Versuch erst gar nicht ihnen allen Namen zu geben, oder hast du schon versucht die Sterne am Himmel zu zählen? Stell‘ dir vor sie wären alle Wünsche die zum Himmel steigen. Träumereien, viel verlacht und doch so wunderbar. Manchmal wünschte ich die Feuermotten jeden Abend zu besuchen.

Warum blickst du plötzlich so traurig?

Du hast es wohl gesehen. Die Feuermotten, sie steigen auf, erleuchten den Himmel und malen Bilder aus Luft und Sehnsucht in die Welt und doch ist jede nur von kurzer Dauer, kaum sind sie des Feuers entwachsen verlieren sie an Kraft, werden blass. Als schwarzer Schnee gehen sie auf uns nieder, jede ein verlorener Gedanke und achtlos schnippen wir sie uns von den Schultern. Die Wiese ist zu ihrem Friedhof geworden. Aber was heißt das schon? Nur Dünger für die jungen Gräser.

Die Nacht ist kalt geworden, kein Feuer mehr und keine Motten. Lass uns bitte gehen‘.  Ja, ich weiß was ich gesagt habe, der Mann lässt die Flammen nicht verhungern. Sieh genau hin, die Glut ist noch da, in dem Haufen aus verbranntem Laub.

Morgen wird es wieder lodern.