Archive for Januar, 2011


Heilung

Heilung ist eine komische Sache. Bei körperlichen Verletzungen kann sie ganz einfach und geradlinig verlaufen wie damals mein gebrochenes Handgelenk. Zuerst hat es eigentlich gar nicht weh getan, dann kam der Schmerz, wurde immer unerträglicher und schließlich der Arzt mit Gips und Tabletten, damit wurde es ziemlich schnell besser. Heute könnte ich gar nicht mehr genau sagen wie es sich angefühlt das, obwohl ich noch weiß, dass es schlimme Schmerzen hatte wurden diese von meinem Gehirn einfach weggepackt und durch eine schlichte Notiz ersetzt. Unsere Erinnerung hat da wirklich ein paar tolle Tricks auf Lage.

Seelische Verletzungen sind da eine ganz andere Kategorie. Die fangen in der Regel nicht ein bisschen, sozusagen als Warnung, die tun sofort höllisch weh, manchmal schon vor dem eigentlichen Bruch. Kein normaler Arzt kann man schnell etwas Gips draufschmieren einbandagieren und eine Röhrchen Tabletten verschrieben die den Schmerz einfach abtöten. Benzodiazepine kämen vielleicht als Alternative in Frage aber das ist eine düstere Gasse ich man nicht leichtfertig hinunter wandern sollte.- Ich wollte es auf jeden Fall nicht. Seelischer Schmerz überrollt dich, nimmt dir die Luft, lässt dich nicht ruhig sitzen, du hast ständig das Gefühl, dass etwas fehlt, nicht passt, dir durch den Schmerz entgeht. Einfach nur ruhig daliegen, hoffen das es vorbei geht, das funktioniert nicht. Alles andere verliert an Bedeutung, du siehst nur diese eine Sache, diese eine Person. Dein Musikgeschmack ändert sich. Lieder die dich vorher aufgebaut haben werden plötzlich unerträglich weil sie dich daran erinnern was du hattest und jetzt durch deine Finger einfach weggeronnen ist. Lesen geht fast gar nicht mehr, die Buchstaben rennen auf dem Papier herum, die Figuren wirken furchtbar platt und trivial – was sind deren kleine Problemchen schon im Vergleich zu dem epischen Schmerz den du gerade zu ertragen hast?

Du tust das was du kannst, versuchst dich zu erinnern wie es das letzte Mal war also jemand deine Seele mit glühenden Kohlen bearbeitet hatte. Du liest die Texte von damals, suchst die CDs heraus, besuchst möglicherweise sogar die Orte die dir wichtig waren. Aber Schmerz ist wirklich eine ganz verteufelte Sache – der den du im Moment hast ist immer der Schlimmste den du jemals ertragen musstest. Subjekt ist das die Wahrheit und nur darauf kommt es an. Also kämpfst du dich durch die lächerlichen Erinnerungen an vergangene Schmerzen die du jederzeit gegen die aktuelle Agonie eintauschen würdest. Beginnst dich selber zu beneiden, dein altes Ich. Bald bist du so weit gegen die Wand zu laufen nur weil sie da ist.

Während eine körperliche Verletzung in irgendwie vorhersehbarer rt, Schritt für Schritt heilt ist die seelische Verletzung völlig unberechenbar. Du gehst schlafen, fühlst dich wie der letzte Dreck und wachst beinahe frei und unbeschwert auf. Der Schmerz ist weg, nur eine Erinnerung. Du stehst auf, gehst ins Bad und kaum siehst du im Spiegel deine roten Augen ist er wieder da, fällt über die zusammen wie eine Wasserwand und du weißt plötzlich, wie sich die Armee des Pharaos gefühlt haben muss. Oder vielleicht ist der Schuldige auch ein Lied. Im Prinzip kann jeder noch so unbedeutende Reiz die Hunde des Kriegs auf dich loslassen, dieser komische Stich ins Herz. Und alle kleinen Schrittchen nach vorne sind plötzlich weggewischt wie Fußspuren am Strand.

Erwarte also nicht einen linearen Heilungsverlauf, Rückschläge sind gerade am Anfang eher die Regel denn die Ausnahme, vielleicht mit einer chronischen Krankheit vergleichbar – man hat gute Tage und schlechte Tage, manche ganz furchtbar schlecht. Alkohol, nur als Warnung, hilft fast gar nichts, jede Minute die du betrunken bist zögert den Heilungsprozess nur hinaus, er trübt dein Urteilsvermögen, macht dich noch verletzlicher für plötzlich einfallende Erinnerungen. Selbst wenn du es damit schaffst einen Abend völlig zu vergessen so erwachst du doch am nächsten Morgen genau an dem Punkt an dem du zu trinken begonnen hast und zum seelischen Schmerz kommt der Kopfschmerz noch dazu.

Ja die Erinnerung, die kann weh tun.  Und jetzt kommt etwas was man dir vielleicht noch nicht gesagt hat wenn du jünger als Zwanzig bist: Sie wird noch Jahre später weh tun.

Es kann sehr lange dauern bis du dich wieder an die Lieder und Filme traust, die du  mit den schönen Stunden verbindest. Ich behalte diese immer im Regal, wo ich sie sehen kann. Manche neigen dazu in ersten Eifer des Gefechts solche Erinnerungen fortzuwerfen oder irgendwo tief im Keller in Kisten zu begraben. Ich persönlich möchte sie haben wo ich sie sehen kann, als einen Gradmesser dafür wie es mir geht, wie weit ich auf dem Weg schon bin. Ganz am Anfang tut schon der Anblick der Hülle weh, irgendwann kann ich dann den Text auf der Rückseite wieder lesen. Erst im letzten Schritt kann ich sie sogar wieder anschauen und die schönen Erinnerungen, abseits von all dem Mist der passiert ist, erneut genießen. Aber das dauert und es geht auch nicht an jedem Tag. So wie eine alte Narbe bei bestimmtem Wetter wieder zu schmerzen beginnen kann so spürt man auch alte emotionale Verletzungen während manchen „seelischen“ Witterungen besser als an anderen. So mancher gute Film wurde mir dadurch für lange Zeit verdorben. Natürlich könnte man jetzt dazu übergehen jene Meisterwerke nur noch alleine zu genießen um ja keine emotionalen Verbindungen mit anderen Menschen ins Spiel zu bringen aber das wäre dumm, herzlos und von einer außerordentlichen pragmatischen Kälte geprägt – Dinge die ich glaube nicht zu bzw. nicht zu haben. Außer vielleicht die Sache mit der Dummheit. Egal.

Was mir im Moment sehr hilft ist das hier: HIM „The Funeral Of Hearts.“ Es hat genau die richtige Mischung aus „Liebe ist scheiße“-Lyrics, netter Melodie und Ville Valo. Der Mann ist einer meiner ganz großen Helden und wenn er davon singt wie die Motte von der Flamme angezogen wird kriegt sogar dieses völlig ausgelutschte Bild noch Bedeutung für mich.

Engel die Blut weinen, Blumen des Bösen in voller Blüte, eine Ode an die Grausamkeit – das sind alles alte Klischees aber genau das ist es was die Seele zur Heilung braucht – das Vertraute, die Geborgenheit … experimentelles Theater oder Orff-Instrumente helfen weniger, das verwundete Tier will in seinen Bau zurück. Warum glaubt ihr wohl haben sich Klischees so lange gehalten? Bei dem Video frage ich mich auch immer wie Ville den Taint hinbekommen hat. Ich möchte auch meine eigene Styling-Crew, dann könnte die Schminke auf meinem Gesicht immer meine Emotionen wiederspiegeln. Nichts nervt mehr als völlig fertig zu sein gesagt bekommen wie gut man doch aussieht. Aber realistisch betrachtet würde ich dann wohl die ganze Zeit leichenblass und mit schwarzen Haaren durch die Welt taumeln. Auch kein schöner Anblick.

Zum Heilungsprozess gehört auch, dass man sich den Erinnerungen stellt, entkommen kann man ihnen ohnehin nicht. Wenn ich mich also schon meiner Nemesis stellen muss dann zumindest unter meinen Bedingungen und an einem Ort meiner Wahl – auch ein Grund warum ich die Musik und die Filme die ich mit den schönen Zeiten vor dem Bruch verbinde, im Augen haben möchte und niemals fortwerfen würde.  Ein Beispiel für solche mutigen Aktionen gefällig?

Jetzt könnte es etwas komisch werden. Es gibt ein Lied auf das ich von einer bestimmten Person aufmerksam gemacht wurde, von einem Künstler der zu jenem kleinen Kreis gehört von dem ich immer dachte, dass in dieser Richtung nicht ein einziges Lied läge das mir auch nur im Entferntesten gefallen könnte. Ich möchte keine Namen nennen aber mich jetzt diesem Lied zu stellen ist ein bisschen so wie um 12 Uhr mittags in der brennenden Sonne des Westens zu stehen, auf der Hauptstraße direkt hinter dem Saloon, die Waffe bereit, wartend auf meinen Kontrahenten. Ganz klassisch eben.

Überhaupt ist Musik das Einzige was zu helfen scheint, Musik und Schreiben. Bin selten so kreativ wie wenn es mir schlecht geht. Generell ist HIM was Musik betrifft sehr gut geeignet. Ihre Texte sprechen dann genau das aus was ich denke, das schaffen nur wenige.

Besonders irritierend im Heilungsprozess ist das ständige Schwanken zwischen den emotionalen Polen. Ich will loslassen, diese ganze Geschichte hinter mir am Horizont versinken sehen und doch ertappe ich mich immer wieder mit der Hoffnung, dass es doch noch eine Rettung für das längst gesunkene Schiff gibt. Das ist dumm ich will das nicht. Hassen kann ich auch nicht, kann und will nicht aber lieben, das geht noch viel weniger, jetzt nicht mehr. Ein solches Schwanken wäre bei körperlichen Schmerzen völlig ausgeschlossen, da ist alles grausam-köstlich einfach. Was Schmerz zugefügt hat wird gehasst, verachtet, was Schmerz genommen hat wird geliebt, vergöttert. Bei emotionalen Schmerzen kann das noch nach Jahren so gehen – Gefühlsflashes kommen wann sie wollen, Momente in denen die alte Liebe wieder hochkommt und dich dazu bringt dumme Dinge zu tun. Ist wohl der Grund warum man manchmal Exfreundinnen nach Jahren plötzlich wieder kontaktieren will um nachzufragen was damals eigentlich schiefgelaufen ist. Scheint allerdings bei Frauen wesentlich schwächer ausgeprägt zu sei, bisher hat sich noch keine Exfreundin bei mir gemeldet und ein paar gäbe es da schon. Vielleicht ist das schöne Geschlecht auch einfach nur besser darin diese Impulse zu unterdrücken. Mal abwarten wie es bei mir in diesem Fall in einem Jahr oder so aussieht.

Was hilft denn noch? Vertraute Orte. Ich gehe gerne an den See an dem ich aufgewachsen bin, da gibt es eine wilde Landzunge die sehr weit ins Wasser hinausreicht, bestehend aus Steinen die aus der Tiefe hochgebaggert worden waren um die fortschreitende Verlandung der Buchten aufzuhalten. Dort draußen, ganz am Ende gibt es einen kleinen automatischen Leuchtturm, wirklich nichts Besonderes aber in seinem Schatten kann man auf den Steinen sitzen und die Wellen bei ihrem Spiel beobachten. Am Schönsten ist es dort draußen wenn es etwas stürmt und die Wolken über einen stahlgrauen Himmel jagen. Dann sitze ich da im Lichte des Leuchtturms der seine Wetterwarnung mit blinkenden Signalen über den See verkündet. Du würdest mich am äußersten Rand finden, auf einem besonders großen Stein, ich sehe hinaus und beobachte wie die Wellen sich brechen, manchmal weht mir der Wind einige Tropfen der Gischt ins Gesicht und ich stelle mir vor ich wäre der letzte Menschen auf der Welt .. oder vielleicht der erste, der mutig neue Wege geht, diesen fremdartigen Ort erforscht, ungezügelt von allen Zwängen der Kultur. Ich kann dann in den Wind schreien was auch immer mich bedrückt und niemand stört sich daran. Vielleicht hören mich ja die Vögel, aber von denen hat sich noch keiner beschwert. Der Wind streicht mir dann zum Trost durchs Haar.

In diesem Sinne lasse ich euch jetzt wieder in Ruhe mit meinen Gedanken – nicht aber ohne ein paar „heilsame“ Musiktipps am Schluss:

Damien Rice „9 Crimes“ – Ende einer Beziehung, Melancholie, bereuen von Fehlern. Eines der schönsten Lieder zu dem Thema die ich kenne. Liebe auf den zweiten Blick bei mir. Diese Version bitte: http://www.youtube.com/watch?v=vHt72jJ_1t0

The Beatles „Let it be“ – Einfach weil es ein Klassiker ist und der Rat “Let it be” zu einer gescheiterten Beziehung passt wie Butter aufs Brot.

Dreadful Shadows “Futility” – Klassisch traurig-aggressiv. Perfekt für den Herzschmerz.

Anathema “Fragile Dreams” – “I always knew my fragile dreams would be broken for you.” Muss ich mehr sagen?

Lacrimosa “Ich verlasse heut dein Herz” – Eine Beziehung in Würde und aus den richtigen Gründen beenden – würde ich auch gern die emotionale Reihe und Würde für haben.

Atrocity & Liv Kristine „Shout“ – Mir ist gerade nach Schreien und alles raus lassen, könnte also nicht besser sein.

Warmes Eis oder Die Hand

Dieser Text gehört in die Kategorie 10 in der nach oben offenen Richterskala der deprimierenden Literatur. Wer das nicht mag sollte jetzt lieber im Brower auf Lesezeichen/Favoriten klicken und was anderes anschauen.

Eins war es ein stolzes Vanilleeis im hellsten Gelb das du dir vorstellen konntest. Wenn du es jetzt ansiehst weißt du, dass es nur noch eine gelbe Masse ist.

Natürlich, von außen ist es immer noch geformt wie eine Kugel, perfekt, aber im Inneren besteht es nur noch aus hohlen Luftblasen, dünnwandig, und bei der kleinsten Berührung würden sie zerplatzen, einfach zu Nichts vergehen.

Du starrst darauf. Eine Sekunde, fünf Sekunden, eine Minute, eine Stunde. Irgendwann verliest du das Gefühl für die Zeit und es ist dir auch egal. Kein Anfang, kein Ende.

Und das Eis hält sein Schweigen.

Deine Augen müssten mittlerweile Löcher in die Luft gestarrt haben, dunkle Augen die nichts sehen aber doch nicht tot sind. Alleine und doch mit der Macht Welten zu erschaffen, voller Wunder und immer zum Sterben verurteilt.

Da beginnst du dich zu fragen wie es sein kann, dass sie überall um dich herum sind, Menschen. Witze, Lachen, all das umgibt dich wie die Luft die du atmest.

Die Kälte hüllt dich ein wie ein enger Mantel, ein Stützkorsett und du fragst dich, ob es vielleicht diese Kälte ist die das Eis bräuchte um Unsterblichkeit zu erlangen. Du lachst und erntest dafür seltsame Blicke. Man lacht nicht einfach so, dummes Kind. Aber der Gedanke ist zu komisch. Woran das Eis zu Grunde geht wäre genau das was dich ins Leben zurückbringen würde: Wärme.

Sie fragen wie du dich fühlst. Die Antwort darauf ist immer dieselbe. Was würde es auch bringen etwas anderes zu sagen?

Du ignorierst die Welt und die erwidert die Höflichkeit nur zu gerne.

Und dann ist da diese Hand. Du kriegst sie nicht mehr aus deinem Gedächtnis, alle Gedanken beginnen darum zu Kreisen wie Fliegen um einen ranzigen Kadaver. Du kannst sie fühlen obwohl es nicht deine ist und sie dich auch noch nie berührt hat. Aber die Hand berührt SIE. Ganz zaghaft, unschuldig, keiner hat es bemerkt. Und doch war es unübersehbar. Wissen die überhaupt was die Hand bei dir anrichtet? Was dieses Spiel dich kostet?

Jemand flüstert dir ins Ohr aber die Worte ergeben keinen Sinn (es klang wie eine Maus). Gefangen im Schleppnetz der Angst wie ein Delfin. Die Luft zum Atmen, es lässt dich nicht mehr dafür auftauchen.

Deine Augen beginnen zu tränen. Wenn jemand fragt ist es der Rauch. Kälte hat dich von allen Seiten umzingelt. Kribbelnd schleicht sie deine Fingerspitzen entlang, bitter klettert sie deinen Hals hoch.

Sie gehen, das Ende. Du wartest auf den fallenden Vorgang aber er kommt nicht. Wenigstens ist die Hand jetzt weg. Ein Freund sagt ein paar Worte aber du bist zu müde ihm noch Aufmerksamkeit zu schenken. Langsam stehst du auf, ziehst den Mantel enger um deinen Körper und denkst an diese seltsame Welt mit ihrem zerfallenden Vanilleeis und den Händen die berühren – aber niemals dich.

Das Eis war noch da, tot und der Mond  im Begriff aufzugehen. Angeekelt von all den Lügen, dem Schein und den Metaphern nimmst du den klebrigen Löffel vom Tellerrand und stichst ihn in das Eis. Es zerfällt sofort, verliert seine Form, bricht ein. Nur noch ein gelber, zerfließender Fleck auf weißem Porzellan. Zumindest eine Illusion weniger.

 

Bin vor kurzem wieder einer älteren Person begegnet, die von mir nur auf Grund ihres Alters Respekt einforderte. Da hat sich mir die Frage gestellt, wie das eigentlich so ist mit dem Zusammenhang von Alter, Weisheit und Respekt. Grundsätzlich respektiere ich Menschen, manchmal vielleicht sogar zu viel. Wenn ich dir zum ersten Mal begegne dann werde ich dir wahrscheinlich einen ordentlichen Vorschuss an Respekt zollen (ok, es gibt Ausnahmen aber die sind recht selten), schon alleine weil wir beide Lebewesen sind und ein bisschen davon hat alles verdient was Gefühle empfinden kann.  Aber woher kommt diese gesellschaftlich so tief verankerte Automatik von Alter und zugeschriebener Weisheit auf der einen Seite und Alter und erhöhter Respekt auf der anderen?

Ich glaube das könnte noch ein Überrest aus einer Zeit sein, als Alter und der Erfahrungshorizont gekoppelt waren, als es ganz klar voneinander abgegrenzte Welten gab von denen man nur durch Initiationsriten hin und her wechseln konnte: Die Welt der Kleinkinder, die Welt der Kinder, die Welt der heranwachsenden, die Welt der Erwachsenen und die Welt der ehrwürdigen Greise. In einer geschlossenen Kultur/Gesellschaft unterscheidet sich die Wahrnehmung der Realität dieser Gruppen oft extrem voneinander, Wissen und Einsicht in das Mysterium des menschlichen Lebens ist auf die letzten beiden Gruppen beschränkt während die ersteren in Unwissenheit gehalten werden. Selbstverständlich wird dann den Gruppen der Erwachsenen und ehrwürdigen Greisen mehr Respekt entgegengebracht, da sie die Bewahrer des Wissens sind, sie kennen sozusagen die Wasserstellen und Oasen des Lebens und haben die Jungen viel zu lehren, sie sind die weltlichen und geistigen Führungsfiguren. Ohne Respekt für diese würde das Zusammenleben nicht funktionieren. Sie können per Definition nicht „unwissend“ sein, denn jeder in einer geschlossenen Gesellschaft erfüllt eine bestimmte Funktion, hat seinen Platz im sozialen Gefüge, keiner fällt sozusagen durch die Maschen. Die Ureinwohner Australiens sagen, dass jedes Mitglied im Stamm seinen Platz hat und wenn er weggeht, egal für wie lange, dieser Platz bleibt ihm oder ihr vorbehalten, egal wann er wiederkommt.

Aber eigentlich muss man gar nicht zu den Ureinwohnern irgendwohin gehen, auch bei uns, vor noch gar nicht so langer Zeit existierte eine geschlossene(re) Gesellschaft. Ich erinnere mich gut an meinen Professor in Pädagogischer Soziologie an der Universität. Er sagte immer, dass zu der Zeit, als er noch ein Junge war, es ganz klare Aufteilung und Zuschreibungen gab was die jungen Burschen wann machten und wie das Leben verlief. Wurde man in eine bestimmte Familie hineingeboren war der Weg beinahe sicher vorgegeben und die Gesellschaft sorgte dafür, dass es für jeden einen Platz gab. Die Wahlmöglichkeiten waren deutlich eingeschränkt, die Sicherheit dafür sehr viel höher. So etwas wie völliges, uneingeschränktes soziales Versagen ist in einer solchen Gesellschaft quasi ausgeschlossen. Ab einem gewissen Alter trug ein Jungen kurze Hosen, ab einem gewisse Alter spielte er beim Fußball mit den anderen Burschen mit, dann das erste Paar lange Hosen, dann das erste Mädchen – beinahe wie auf Schienen. Wer in einer solchen Welt lebt sammelt zwangsläufig Lebenserfahrung in genau vorgegeben Häppchen, altert sozusagen nach dem Fahrplan der Gesellschaft – ein älterer hatte einem Jüngeren in jedem Fall etwas zu lehren und voraus. Irgendwann der erste Job, ein kontinuierlicher Anstieg an Verantwortung bis hin zur Führungsposition und schließlich der Ruhestand.

Unsere Welt ist aber eine andere geworden, in manchen Bereichen steht sie, zumindest aus der Sicht früherer Generationen, auf dem Kopf. Information ist jetzt überall, Erfahrungen im Leben die früher Erwachsenen vorbehalten waren werden jetzt schon von Heranwachenden gemacht. Durch die Fülle an Literatur, Bildern, Filmen und Ideen die überall frei verfügbar ist haben wir gerade bei jungen Menschen eine Weltoffenheit erreicht die in ihrer Breite in der Geschichte wohl einzigartig sein dürfte. Dazu kommt, dass es auch gerade die Jüngeren sind, die über das notwendige Wissen verfügen um die Informationen auch zu beschaffen, zu filtern und am Ende zu konsumieren. Galt man früher als gebildet wenn man grob über die geopolitische Lage informiert war so ist es heute schwer sich dieser Information zu entziehen. Jeder zwölfjährige weiß zumindest etwas über die großen Konflikte unserer Zeit.

Weisheit ist natürlich ein kompliziertes Konstrukt, denn sie setzt nicht nur Wissen voraus sondern auch die Fähigkeit Zusammenhänge zu erstellen, das Wissen in einen größeren Kontext stellen können um es auf die verschiedensten Situationen anwenden zu können – ein weiser Mensch nimmt unser Problem und hilft uns es aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten, neue Wege zur Lösung zu beschreiten. Ein Weiser hat generell etwas erkannt was anderen verborgen blieb. Das bedeutet für meine Argumentation hier, dass ein junger Mensch heute nicht unbedingt früher weise werden muss als dies in vergangenen Zeiten der Fall war (wichtig: Nicht alle Menschen werden überhaupt irgendwann weise) – aber es bedeutet, dass die Möglichkeit dazu heute unendlich viel größer ist als früher. Denn was ist überhaupt die wichtigste Voraussetzung für Weisheit? Weise kann man nicht geboren werden, so viel sollte klar sein. Um weise zu werden muss man Erfahrungen gemacht haben, sehr viele, bis zu dem Punkt an dem man die tieferen Zusammenhänge, die Elemente, die verschiedene Erfahrungen verbinden, erkennt. Erst dann kann man andere auf diese Verbindungsstücke, diese Gemeinsamkeiten hinweisen und ihnen so helfen ihren Alltag zu meistern. Der alte Mann im Stamm wurde weise, weil er viele Jagden überlebt und viele Stammesmitglieder auf die Welt kommen und sterben hat sehen – dadurch hat er ein kleines Stück des Lebens erfasst und ist in der Lage dieses Wissen über Jagen und gejagt werden, auf die Welt kommen und wieder sterben, auf andere Situation zu übertragen, eben diese Analogien zu finden.

Wer es in der heutigen Zeit versteht den beinahe wasserfallartige Informationsfluss zu filtern und das Gold aus dem Schlamm zu sieben kann mehr über das Leben lernen als dies jemals zuvor möglich gewesen wäre – und der Samen der Weisheit wird auf fruchtbaren Boden fallen.

Deshalb wundert es mich nicht immer mehr junge Menschen zu sehen, die ein unfassbar tiefes Verständnis für den menschlichen Zustand entwickelt haben. Leider gibt es natürlich auch negative Entwicklungszweige auf diesem Weg – der Zynismus nimmt deutlich zu. Woher kann das kommen? Auch das halte ich für ein Nebenprodukt des explosionsartig anwachsenden Wissens schon in frühen Jahren. Die Grausamkeiten der Natur wurden von früheren Generationen sehr wohl wahrgenommen, aber als natürlicher Bestandteil des Kreislaufs des Lebens, Raubtiere müssen töten um zu leben, Pflanzen verwelken um Dünger für die nächste Generation zu werden. Durch den tieferen Sinn, den der Weise darin erkennen konnte, wurde die Gefahr des Zynismus abgemildert. Aber was sehen wir heute? Menschliche Grausamkeit. Sinnlose Gewalt die keinem anderen Zweck dient als der Bereicherung einiger weniger. Dummheit, Gier und Hilflosigkeit schreien uns aus den Zeitungen und dem Internet entgegen egal wohin wir blicken. Nichts davon könnte sinnvoll in einen größeren Kontext gesetzt werden, kein Kreislauf des Lebens könnte erklären wieso es sinnvoll sein sollte Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen um einem Staatsoberhaupt klar zu machen, dass anderen Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen falsch ist. Kein Wunder, dass manche statt Weisheit einen kalten Zynismus entwickeln – könnte es sein, dass Zynismus Weisheit ohne Herz ist? Womit wir aber beim Thema eines älteren Blogeintrages von mir wären … Ein weiteres Problem sind jene, die aus der Informationsgesellschaft herausfallen. Das Netz ist wahrlich weitmaschig geworden und wer eben nicht gut darin ist Informationen zu filtern, in dem ewigen Strom den Kopf über dem Wasser zu halten, geht sprichwörtlich unter. Diesem Menschen wird jede Möglichkeit genommen an den positiven Aspekten dieser Entwicklung teilzunehmen. Nicht umsonst sehen wir in den verschiedensten „Unterhaltungssendungen“ immer mehr gestrandete Jugendliche und junge Erwachsene die mir immer auch ein wenig wie Fische am Land vorkommen – nach Luft schnappend, hilflos zappelnd – sich ins Rampenlicht stellend in der Hoffnung wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen um dann doch nur ausgelacht zu werden. Das ist die Kehrseite der Medaille, die Möglichkeit absoluter Unwissenheit – bei diesen wird sich Weisheit auch im Alter nicht einstellen und die Gesellschaft bietet nicht mehr die notwendigen Wegweiser und Hilfsmittel. Sie werden sich wohl verlaufen in diesem glorreichen Labyrinth das wir geschaffen haben.

Mit dieser langen Rede wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Weisheit in unserer Gesellschaft nicht mehr zwingen mit dem Alter verbunden ist, weil schon sehr junge Menschen beträchtlich weise sein können, unter bestimmten Umständen. Aber wie sieht es nun mit den Älteren aus? Werden sie immer noch weise? Ich fürchte da ist es heute auch nicht mehr so wie es mal war. Manche sind irgendwo im Umbruch der letzten 50 Jahre hängengeblieben, die Welt aus der sie kamen gibt es nicht mehr, die Schienen die durchs Leben führten, durch die gesellschaftlich sanktionierten Erfahrungen, wurden abgerissen. Und die Welt in der wir jetzt sind scheint furchtbar verwirrend, unstrukturiert. Damit möchte ich aber nicht verallgemeinernd verstanden werden. Ich kenne einige, auch sehr alte Menschen, die wunderbar mit dem Einstieg ins Internet zurechtgekommen sind und fester Bestandteil der Informationsgesellschaft wurden. Sie haben die Vorurteile alter Tage abgelegt, darauf verzichtet stur auf den einst versprochenen Verlauf des Lebens zu bestehen und haben sich angepasst. Aber eben nicht alle. Jene Person von der ich am Beginn sprach hat das sicher nicht – dieser Mann will der Weise eines Stammes sein der schon lange nicht mehr existiert, ein Häuptling ohne Indianer sozusagen. Aber das ist häufig das Schicksal von Generationen die zu Zeiten des Umbruchs gerade erwachsen geworden sind. „Respektiere mich und habe Ehrfurcht vor mir weil ich älter bin als du“ – das war das Motto seiner Rede. Und auch der schnellste Weg meinen Vorschuss an Respekt zu verspielen. Ich respektiere den Menschen an sich, ich respektiere was jemand tut, was er geschaffen hat aber Respekt nur auf Basis der Tatsache, dass du früher geboren wurdest als ich? In einer Welt in der Differenzen von Geburtsjahren immer weniger Bedeutung haben? Einer Welt in der 15jährige die großen Philosophen lesen und 40 jährige noch in der Mickey Mouse blättern?  Nein, tut mir leid.

Das ist keiner meiner üblichen Einträge im Blog – er ist böse, sozusagen der dunkle Zwilling dessen was ich sonst so mache. Wer das nicht mag bitte einfach ignorieren (das ist die schlimmste Strafe für den dunklen Zwilling überhaupt – sich über ihn ärgern bringt gar nichts, daraus zieht er nur Kraft).

Hier ein kleiner Erlebnisbericht aus einer Fortbildungsveranstaltung. Hätte ganz lustig sein können, war es aber nicht. Wie jede gute Geschichte hat auch diese eine oberflächliche Bedeutung (das was da wörtlich steht) und eine tiefere, symbolische Bedeutung. Mal schauen wer in die Tiefe gehen kann/mag.

Ich saß noch vor wenigen Stunden in einem Seminarraum zur Fortbildung, zusammen mit einer ganzen Menge Mediziner. Thema war Humanities in Medicine, also die Humanwissenschaften im medizinischen Umfeld, den leidenden, kranken Menschen in seiner Gesamtheit sehen und nicht nur das Symptombündel. Ein zentraler Punkt war Schmerz. Dass dies keine berauschende Erfahrung werden würde war mir von Anfang an klar – aber welche Qualen mir jede einzelne Sekunde schlussendlich wirklich bereitete  konnte ich nicht ahnen.

Kurssprache war übrigens Englisch – es genügt zu sagen, dass ihr wohl selten zuvor in der Geschichte so viel Gewalt angetan wurde wie in diesen Minuten. Vielleicht bin ich aber auch nur auf Grund meines Studiums übersensible, dennoch, schön war es nicht. Aber genug davon.

Zuerst wurde ein Prosatext zur Patientendistanz gelesen. Eine Frage war da: Sollte man dem Patienten die ganze Wahrheit sagen und das in jedem Fall? Eigentlich ganz ok, ich denke JA, die Ärzte waren anderer Meinung. Notiz an mich: Nicht bei diesen Ärzten behandeln lassen! Sollte ich im Sterben liege will ich das verdammt nochmal wissen, selbst wenn ich nur mehr drei Tage habe!

Dann kam das Verbrechen. Kennt ihr Emily Dickinson? Ja, genau die. Wahrscheinlich eine der einflussreichsten Dichterinnen der letzten 300 Jahre, eine große Lyrikerin die überall auf der Welt gelesen wird. Die Dozentin hat Auszüge aus acht ihrer Gedichte mitgebracht und zwar Auszüge aus Gedichten die sich mit Schmerz befassten. Ein Fest für mich – hätte man meinen sollen.

Erste Aussage einer Person die wohl als meine persönliche Foltermeisterin in diesen Kurs gesetzt wurde: „Ich mag Gedichte nicht!“ Und die Erklärung ihrerseits dafür war, dass sie keine Romantikerin ist (ja, kein Scherz, hat sie gesagt).

Also wie soll man darauf antworten? Kennt sie die ganze Fülle der Lyrik? Alle Stilrichtungen und Nuancen? Und was haben Gedichte mit Romantik zu tun? Sie können romantisch sein, ja, müssen aber nicht. Habt ihr schon mal jemanden sagen hören, das er Fernsehen nicht mag weil er kein Actionfan ist? Oder keine Bücher liest weil er Science Fiction nicht mag?

Na gut, dass ist eine Meinung. Kann ich respektieren und würde ich eigentlich auch nicht drüber bloggen. Aber diese Person dachte ja gar nicht dran an dem Punkt aufzuhören, oh nein. Sie trug ihre Ignoranz wie ein Banner vor sich her. Wahrscheinlich sah sie sich auf dem blutigen Schlachtfeld im Kampf zwischen Realisten (sie) und Gefühlsduseln (Leute die Gedichte mögen) . Ich zitiere an dieser Stelle gerne den großartigen, alten  Kanadischen Dichter/Sänger/Lebende Legende Leonard Cohen: „Ah the dreamers ride against the men of action – oh see the men of action falling back!“ (aus „The Traitor“)

Durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und eine recht hohe Frequenz an Kommentaren hat unsere Bekannte ganz klar gemacht auf welcher Seite sie steht.

Ok, es ging weiter im Gedicht, das war ja nur der Anfang.

Die schlichte Äußerung: „Let’s have a look at pain“ wurde zum nächsten Schauplatz dieser Groteske. Sollte eigentlich ganz einfach sein. Wir betrachten den Schmerz. Auf die Frage wie man das angehen könnte antwortete die uns jetzt schon bekannte Dame: „Dem Patienten in die Augen schauen.“ Na gut, jetzt kann man sagen sie hat die Frage nicht richtig verstanden also nochmal: Der Schmerz an sich als Phänomen, wie könnte man den betrachten? Offensichtlich ist die Dame überfordert und erklärt, dass man einen Schmerz ohne Patienten nicht betrachten könne, da er sich ja nur in einer Person manifestiert. Schmerz ohne Patient kann man nicht betrachten. An diesem Punkt stockte mir der Atem. Will sie provozieren? Die naheliegende Antwort, nämlich „Ja, sie will provozieren“ ist nicht ganz richtig. Diese Dame glaubt daran.

Stichwort: Abstraktion. Eine grundlegende menschliche Fähigkeit die auch nur bei uns schlüssig nachgewiesen werden kann. Im Tierreicht gibt es einige interessante Ausnahmen wobei ein endgültiger Befund noch aussteht – die scheinbare Fähigkeit zur Abstraktion bei einigen Affen könnte auch nur in einer komplizierten Konditionierung auf symbolische Reize begründet sein. Menschen abstrahieren, den ganzen Tag lang, also Phänomene sehr wohl losgelöst von konkreten Trägern begreifen. Oder wie ist das mit der Ideenlehre Platons? Das Höhlengleichnis? Sind ihr wirklich 2500 Jahre Philosophiegeschichte abhandengekommen? Wir sind doch von abstrakten Konstrukten umgeben. Wieso um Himmels Willen ist es als unmöglich über Schmerz zu reden, losgelöst vom konkreten Patienten?

Ab diesem Moment wurde Emily Dickinson nur mehr abgeschlachtet.  

Ein weiterer Höhepunkt ergab sich aus folgender Aussage der Dichterin: „Pain has but one Acqaintance And that is Death“. Der Schmerz hat also nur einen Bekannten und das ist der Tod. Hat unsere Freundin nicht so ganz verstanden, macht sie auch deutlich durch Augenrollen und möglichst lümmeligen Sitzen im Stuhl. Sie fragt was das den heißen soll, an Kopfschmerzen sei sie schließlich noch nie gestorben – von wegen einzige Bekanntschaft. … Die Dozentin bleibt erstaunlich ruhig. Bisher hielt ich Gewalt unter keinen Umständen als angebrachte Lösung für irgendwas – meine Einstellung dazu begann zu kippen. Die Dozentin erklärt: Was Dickinson damit meint ist, das der Schmerz eine Erinnerung an unsere eigenen Vergänglichkeit ist – dieser Körper wird nicht ewig fehlerfrei funktionieren, irgendwann kann und wird er völlig versagen. So lange wir gesund sind, keine Schmerzen haben, leben wir in den Tag als würde es ewig so weitergehen, es ist der Schmerz der uns da hinausreißt und zeigt, dass wir eben nicht unendlich sind, dass der Körper, die Gesundheit zerbrechlich ist. Nicht damit gemeint ist eine  kausale Verknüpfung von Schmerz und Tod in jedem Fall.

Unsere Freundin schweigt, das ist gut.

Ein anderer spricht, das ist gar nicht gut.

In einem klassischen Beispiel einer ad-absurdum-Führung eines guten Argumentes meint der Kollege: Es ist ja pathologisch (krankhaft – Anmerkung für die Nicht-Mediziner unter uns) bei jedem Schmerz gleich an den Tod zu denken. *Applaus* Welche Erkenntnis. Nur zu blöd, dass das auch gar nicht gemeint ist. Es geht um die abstrakte Idee des Schmerzes, das Phänomen an sich und was es im Menschen anrichten kann, nicht woran du denkst wenn du dir mit dem Hammer auf die Pfoten haust!

Aber scheinbar hatte unsere Bekannte die gute alte Emily Dickinson noch nicht genug gequält. Jetzt wurde es richtig persönlich. Die Dame meinte: „Wenn ich das lese denke ich nur, die Frau hatte wohl ständig Schmerzen. Die Arme.“  Herablassung tropfte ihr förmlich aus jeder Pore, dann der Blattschuss: „Man kann sich da auch reinsteigern. Wenn ich den ganzen Tag von Schmerz schreibe wäre ich am Abend auch tot.“

Sprachlosigkeit und der Wunsch mir verschiedene Körperteile auszureißen wallten hoch. Anmerkung der Dozentin: Vielleicht sollte man das 1775 Gedichte umfassende Werk dieser Frau nicht an Hand von nur ein paar Auszügen aus acht Gedichten beurteilen. Grundsätzlich stimme ich dazu. Dickinson hat nicht nur über Schmerz geschrieben. Sie schrieb mit einer poetischen Feinfühligkeit und treffender Präzision, jedes Wort fährt direkt in die Knochen. Ihre Worte gaben und geben Generationen Kraft und Einsichten in den menschlichen Zustand. Sie hatte ein profundes Verständnis für Schmerz, Trauer aber auch das Schöne. Selbst wenn ich persönlich Sylvia Platz und ihr Wert höher schätze empfinde ich eine große Liebe für die Gedichte von Emily Dickinson. Hätte sie ihr ganzes Leben nur über Schmerz geschrieben wäre es auch in Ordnung gewesen denn sie wusste wovon sie sprach und zuhören könnte wirklich nicht schaden.

Dann die ultimative Beleidigung. Es ging um das poetische Ich, also die Trennung des Schöpfer-Ich (der Dichter) vom geschaffenen Ich (der Erzählstimme im Text). Unsere alte Bekannt ist der Auffassung, dass Texte nur dann interessant und gut sind, wenn diese Ichs übereinstimmen, also der Erzähler von sich selbst, dem von ihm Erlebten spricht. Was soll man jetzt dazu sagen? Jetzt mal ganz ehrlich, was? Offensichtlich ist unsere Bekannte was die Literatur betrifft nie über die Erlebnisberichte des Campingausfluges in den Sommerferien hinausgewachsen. Wahrscheinlich liest sie auch keine Bücher – höchstens Lehrbücher und Autobiographien, alles andere ist ja eh nur erfunden und damit von geringem Wert.

Ich bin Leser, holt mich hier raus.

Warum ärgert mich das so? Der Hauptgrund ist sicher, dass solche Personen wie unsere Bekannte hier immer so verdammt laut sein müssen. Sie versteht nicht einmal ansatzweise was Poesie Menschen wie mir bedeutet. Im Gegenteil, ihre Ignoranz trägt sie wie einen Pokal vor sich her und muss dies auch ständig an die Umwelt kommunizierten. Augenrollen, provozierende Fragen, manchmal extrem gespieltes Unverständnis – das sind ihre Waffen – sie kann und will sich nicht einlassen auf die Worte der Alten.

Ganz klar formuliert: Sie ist stolz darauf, dass ihr Gedichte und Geschichten nichts sagen, sie sieht es als Zeichen ihrer Verankerung am Boden der Tatsachen. Wäre  nur schön, wenn diese Menschen etwas unauffälliger verankert wären.

Ihr fragt mich was ich die ganze Zeit zur Diskussion beigetragen habe? Meistens die wohlgeformten Worte bewundert die jene lange verstorbene Dichterin durch Raum und Zeit zu uns sendete. Natürlich hätte ich mich einmischen können, vielleicht sogar streiten. Aber es hätte bei ihr nichts gebracht also lasse ich es. Vielleicht wird meine diesbezügliche Zurückhaltung irgendwann in Zukunft von jenen auf der anderen Seite des Schlachtfeldes erwidert. Das wäre toll.

Diesen schönen Satz hat eine Bekannte (Lilleyone – Link zu ihrem Blog findet man rechts von hier im Menü) in ihrem Blog verwendet und ich fand das denkwürdig, dass ich selber etwas zu dem Thema schreiben möchte.

Momentan geht es mir nicht so gut, das war einer der Tage an denen ich mich am liebsten schreiend am Boden gewälzt hätte. War den ganzen Tag nur am Rennen, nichts hat so funktioniert wie ich es wollte und ich fühlte mich die ganze Zeit einsam. Außerdem hat ein wichtiger Mensch aus Gründen die für mich völlig unverständlich sind den Kontakt abgebrochen und ich hängen da jetzt in der Luft ohne vor und zurück zu können. Habt ihr so in etwa ein Bild im Kopf? Extreme Verlassenheit.

Wie bin ich in diese Situation gekommen? Ganz kurz gesagt: Mein Herz war’s. Wenn ich auf meinen Verstand gehört hätte  wäre ich diese wichtigen Person nie nahe gekommen, wir hätten die schönen, lustigen und albernen Momente nie gemeinsam erleben dürfen und am Ende wäre dann auch nicht der große Absturz gewesen, mein Leben hätte seine gewohnten Bahnen mit relativ ausgeglichenen Höhen und Tiefen genommen. Das wäre gewesen wenn ich auf meinen Verstand gehört hätte.

Aber die Wahrheit ist, dass, trotz des freien Falls, der Schmerzen und der verdammten Einsamkeit, ich dieselbe Entscheidung wieder treffen würde. Viele schöne Momente wären mir entgangen wenn ich nicht auf mein Herz gehört hätte. So gebe ich an diese Stelle ohne Scham zu, dass die meisten meiner Entscheidungen aus der Region kommen und schon oft musste ich darunter leiden aber immer war es vorübergehend mit bleibender Erkenntnis und neuen Perspektiven.

Niemals könnte ich mir ein vom Verstand gesteuertes Leben vorstellen. Meine Eltern, wahrscheinlich wie sehr viele von euern Eltern auch, hätten natürlich gerne ein mehr „rationales“ Kind gehabt, eines, dass die „besonnenen“ Entscheidungen trifft, das in geraden Linien durchs Leben geht. Aber so funktioniert das Herz nicht. Zuerst führt es uns in ungeahnte Höhen, auf Gipfel von denen wir die ganze Welt sehen können und direkt danach in Schluchten, dass man das Gefühl hat die Wände würden einem gleich zerquetschen. Das Herz kann dich ebenso gut zu einem Märchenschloss wie zum Geisterhaus bringen. Und wisst ihr was? Beide Orte sind es wert besucht zu werden weil man überall wo das Herz einen hinbringt etwas für die eigene Menschlichkeit lernen kann. Ich lerne gerade wie es ist jemanden so zu vermissen, dass man das Gefühl hat keine Luft mehr zu bekommen, wie es ist einen Abschied ohne wirklichen Abschied zu durchlaufen und ich werde auch lernen wie man aus diesem tiefen, schwarzen Loch wieder rauskommt, den Dreck von den Knien klopft und weiter macht. Weil man weitermachen muss, auch wenn der Verstand sagt, dass emotionale Eiszeit vielleicht die angemessene Reaktion wäre. Verstandsentscheidungen können solche Lektionen nie vermitteln, denn der will nur auf den asphaltierten Straßen der Sicherheit möglichst schnell das Ziel erreichen. Aber was soll ich am Ziel wenn ich dort mit leerem/n Händen/Kopf/Herz ankomme?

Und wenn der alte Kerl mit der Sense kommt dann will ich ihn anschreien können, dass ich noch nicht fertig bin, dass mein Herz verdammt nochmal ein paar Lektionen im Ärmel hat die noch zu lernen wären. So richtige emotional möchte ich da sein und auch wenn’s objektiv nichts bringt, beeindrucken werde ich ihn auf jeden Fall. Denn der Verstand würde der Sanduhr in der Hand des Gevatters nur zunicken und das Unvermeidliche annehmen. Oder vielleicht wäre der Verstand voll Reue, weil er nie nachgeschaut hat was das für ein mit Dornenranken überwachsener Weg in den Wald hinein ist. Nicht ich. Nicht mein Herz.

Auch bin ich der Meinung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn mehr Menschen auf ihr Herz hören und danach leben würden. Sicher, es gibt auch dunkle Herzen, aber das aus anderen Gründen – viele davon geschaffen, manchen angeboren – aber das durchschnittliche Herz ist ein vorzüglicher Kompass durch diese Welt. Es lehrt uns Demut, Mitgefühl, Selbstironie. Wer auf sein Herz hört wird sich eingestehen, dass er nur ein Mensch ist, fehlbar, manchmal schwach, manchmal stark aber immer angewiesen auf andere. Ich persönlich habe da nie ein Problem mit gehabt das offen anzusprechen. Mitgefühl und Mitleid kommen aus dem Herzen. Und das hat absolut nichts mit Schwäche zu tun. Der Schwache hört auf den Verstand der ihm Ängste über seine Nachbarn einträufelt wie Gift, ihm sagt, dass sie ihm schaden wollen und er daher schneller sein sollte als sie. Das Herz würde die Nachbarn kennen wollen, mutig wie ein Löwe voranmarschieren und Unrecht nicht mit Unrecht vergelten.

Ich bin vielleicht naiv aber die Welt in der wir leben ist gar nicht so schlecht, mehr Menschen als wir glauben würden gerne auf ihre herzen hören wenn sie nicht diese verdammte Angst hätten, dass ihnen dann der nächste, vom Verstand gelenkte Roboter den Job, das Haus und die Frau wegschnappt. Und es ist wahr. Auf sein Herz zu hören wird viel zu selten belohnt. Ist das ein Grund damit aufzuhören? Nein sage ich. Irgendwo muss die Bewegung anfangen und viele sind es die bereit wären in einer von Herzen gesteuerten Welt zu leben. Man müsste das nur nach oben tragen, dort wo der Verstand noch angebetet wird wie ein rachsüchtiger Dämon der Angst vor dem man sich verneigen müsste um nicht in den Staub getreten zu werden.

Aber vielleicht bin ich ja auch zu naiv.

Muss ich mich selber finden?

Ich mochte die Aussage „muss mich selber finden“ noch nie besonders. Meiner unbedeutenden Meinung nach ist es vielfach nur ein Platzhalter für „ich weiß nichts mit mir anzufangen“ oder ein Ausdruck der Nicht-Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit. Oder eine Ausrede dafür jede Verantwortung für die bisherigen Taten über Bord zu werfen.

Wo sollte man sich selbst auch finden? Gibt es etwa einen Ort an den man gehen kann, eine Art magische Höhle in deren Innerem das eigene, wahre Selbst einer Wandmalerei gleich vor einem ausgebreitet liegt und alles was notwendig ist um das Glück im Gleichgewicht zu finden ist ein Blick auf dieses Kunstwerk? Daran glaube ich nicht.

Natürlich wäre es, den schamanischen Traditionen folgend, möglich eine Reise in die eigene Psyche, im Sinne von Psychonautik, zu beginnen – eine Art symbolische Odyssee auf der Suche nach dem Kern, quasi das Schälen der Persönlichkeitszwiebel. Dort würde man wirklich sich selbst finden können, den nackten Nukleus dessen was wir „Persönlichkeit“ nennen. Die Reise lohnte sich sicher aber eine solche wagen selbst in den erdverbundensten Kulturen nur wenige und nicht jeder kommt zurück.

Wenn man sich selbst verliert, dann liegt das wohl meistens daran, dass die Person aufhört Dinge zu tun die ihr wichtig sind und beginnt einen Kompromiss nach dem anderen mit dem Leben zu schließen, mit jedem weiteren wird der nächste ein kleines bisschen leichter. Schon klar, das ist eine alte Weisheit aber wahr es trotzdem. Nur zu leicht verfällt man in eine Art Dämmerschlaf, dieses Dahintreiben im Alltag der die eigenen Grenzen abschleift wie das Meer die Steine am Strand. Das kurze Gewahr werden dieser Realität nenne ich gerne das „Fake Empire“-Gefühl aber dazu habe ich einen eigenen Eintrag in diesem Blog – schaut einfach mal nach!

Auch wenn das jetzt altmodisch klingt, mit den Kompromissen und dem Treibenlassen im Alltag geht ein kleines bisschen Unschuld in uns verloren. Manchmal glaube ich, dass es die Erkenntnis dieses Verlustes ist, die uns dazu bringt nach einem „besseren“, „reineren“ Selbst zu suchen. Der Mann der nach 40 Jahren, 20 davon im Berufsleben, feststellt, dass all die Dinge, die er als Teenager tun wollte immer noch auf der Liste stehen, die Frau die mit 50 erkennt, dass sie eigentlich nur für die Kinder und den Mann gelebt hat – sie haben alle das Gefühl auf dem Weg etwas verloren zu haben. Aber genauso wenig wie ich wieder körperlich ein Kind werden kann, egal wie groß der Wunsch ist, werde ich den emotionalen Zustand eines früheren Zeitpunktes wiederherstellen können. Wir müssen mit unseren Kompromissen leben.

Problematisch ist dieses „sich selber finden“ auch, weil es, zumindest in Ansätzen, ein statisches Ich voraussetzt. Wieder eine Sache an die ich nicht glauben kann. Dieses Bündel aus Einstellungen, Emotionen, Bewertungen und Vorurteilen, das wir so gerne „Ich“ nennen befindet sich ständig im Fluss, jede Entscheidung führt zu geringfügigen Verschiebungen in diesem delikaten Gleichgewicht, viele davon dann zu Umbrüchen die den gewaltigsten Auswüchsen der irdischen Platentektonik ins nichts nachstehen . Hier ein fest verankertes „Ich“ zu suchen erscheint wie der Kampf gegen Windmühlen und vielleicht sogar schon pathologisch. Wer mit aller Kraft an einem bestimmten Zustand zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt festhält wird quasi in seiner Entwicklung eingefroren, so tot wie ein Ölgemälde an einer Wand. Möchten wir das wirklich, in den in den Tiefen unserer Herzen? Ein solches Zerrbild der Realität sein? Für immer erstarrt in der Pose eines Moments? Ab und zu sehe ich Menschen die genau das geworden sind – eingefrorene Karikaturen ihrer selbst. Da kennt ihr doch auch welche, oder? Leben ist Bewegung – klingt komisch ist aber so.

Schamanen sind vielleicht die Ausnahme, stehen sie doch außerhalb der Zeit, so wie sie in der Sippe zwar eine zentrale Rolle spielen aber doch immer am Rand tanzen, zwischen zwei Welt, keiner wirklich zugehörig (auch hier empfehle ich die Lektüre von Joseph Campbell und seinem 4-bändigen Werk zu den Mythologien der Welt).

Aber was kann man tun? Wenn ich wirklich die Patenlösung hätte wäre ich viel zu reich um mich um diesen Blog zu kümmern. Ein Privatsekretär hätte diese Zeilen zusammen mit einer Marketingagentur verfasst und sie würden daher viel geschliffener und politisch korrekter klingen.

Wie glaube ich, dass es gehen könnte? In dem man bewusster lebt, eben nicht in diesen Halbschlaf verfällt sondern jeden seiner Kompromisse genau abwägt. Indem man nicht versucht zurückzugehen an einen Ort, eine Zeit oder einen Zustand von dem man glaubt das wäre das Ideal gewesen sondern sich nach vorne bewegt , versucht aus der Person die man jetzt gerade ist, eine Entwicklung anzugehen in Richtung der Person die man gerne sein möchte. Ja, ich glaube das ist zentral. Du, ich, wir alle haben dieses Potential denn einen Tag älter als noch gestern zu sein hat auch Vorteile – Erfahrungen wurden gemacht, dieses kleine Bündelchen genannt „Ich“ hat sein Gleichgewicht wieder ein bisschen verschoben und dadurch neue Perspektiven eröffnet.

Also – der zu sein der du warst geht nicht, du würdest eine Karikatur deiner selbst werden – also versuche dich zu dem zu entwickeln der du gerne sein würdest und zwar auf Basis von dem, der du jetzt bist. Das geht aber nur, wenn man die jetzige Person akzeptiert und nicht als „Fehltritt“, als „Sackgasse“ betrachtet. Alle Klarheiten beseitigt? Sehr schön.

Feuermotten

Geh‘ mit dir über die alte Brücke am See, jene die den kleinen, ausgebaggerten Hafen für die Fischer überquert. Kannst du das Holz sehen? Es ist alt und wirkt morsch, aber im Inneren ist es fest wie Stahl, würde hundert Menschen aushalten, auch wenn schon lange nicht mehr so viele zur gleichen Zeit hierher kommen. Das Wasser riecht an Tagen wie heute irgendwie seltsam, nach Seetang und Wind, Regen und Sturm, aber nicht unangenehm. Vertraut, so als würde sich die Flüssigkeit  in meinen Zellen an seine Herkunft erinnern, vielleicht sogar mit Sehnsucht. Wenn du tief einatmest kannst du fühlen wie sich dein Verstand ausbreitet, für einen Moment über dich selbst hinauswächst. Ein bisschen ein Schwindelgefühl aber gut.

Da hinten führt ein Weg am wild verwachsenen Ufer entlang. Im Schilf raschelt das Leben, davor musst du dich wirklich nicht fürchten, alles was dich erlegen könnte würdest du nie kommen hören. Keine Angst, das war ein Scherz. Links und rechts salutieren uns die Bäume, hohe, edle Geschöpfe die das Leben in langen Jahren studieren, den Wanderern lauschen und die Worte der Liebenden enträtseln. Wenn sie könnten würde sie Geschichten erzählen. Diese Allee ist voller Erinnerungen.

Der Wind ist normal, er zieht jede Nacht vom See heran um mit uns zu sprechen. Verspielt flüstert er dir ins Ohr. Wehr dich nicht dagegen, hör ihm lieber zu. Er sagt uns, dass wir auf dem richtigen Wege, dass das Ziel nicht mehr weit und die Mühen die Anstrengungen mehr als wert sind. Du solltest wirklich einmal kurz vor Morgengrauen hier sein, manchmal  kann man die Stimmen der ertrunkenen Fischer im Wind hören. Sie erzählen dir dann von den Orten an denen sie gewesen sind und an die sie noch gehen werden. Auch davor brauchst du dich nicht zu fürchten, die Toten sehen weit aber ihre Körper haben sie längst zurückgelassen.

Wir sind beinahe da, kannst du es sehen? Ich wollte dir den alten Mann dort drüber auf der Wiese bei dem knorrigen Baum zeigen. Ist schon ein komischer Baum, sein Stamm von oben her bis eine Menschengröße über den Boden gespalten, als hätte der Blitz ihn vor langer Zeit verwundet aber er zu stur um daran zu sterben. Jetzt ist es als wüchsen zwei Baume aus dem einen Stamm. Schau ihn dir ruhig genauer an. Die Äste hängen weit über die Wiese hinaus, wie die Arme eines Kraken der die Welt verschlingen will. Nein, der Vergleich stimmt nicht. Wie die Arme einer Mutter die das Kind beschützen wollen.

Aber zurück zu dem Mann den ich dir zeigen wollte. Da steht er, mit der alten, ausgefransten Jacke in undefinierbarer Farbe. Ihm muss wohl kalt sein, denn er trägt immer eine Wollmütze, tief über die Stirn heruntergezogen. Lass dich nicht von dem Feuer vor ihm verunsichern. Ja, da brennt Laub, ich kann es auch riechen. Der Mann hält es am Leben, mit einem alten, rostigen Laubrechen schiebt er immerzu neue Blätter in die Glut. Wir könnten einen ganzen Tag hier stehen und er täte doch nie etwas anderes.

Das war nett von dir aber ihn zu grüßen hat keinen Sinn, er antwortet nie. Halte den Alten deswegen nicht für unfreundlich, wahrscheinlich sieht er uns gar nicht. Wir sind nur Besucher in seiner Welt und dabei nicht einmal geladen.

Schau in die Flammen. Sind sie nicht wunderschön? So Rot als bestünden sie aus lebendigem, tanzendem Blut.  Immer wieder formen sie neue Figuren, im Tanz miteinander, eng umschlungen nur um sich doch wieder zu lösen, aufzulösen. Keine zwei Augenblicke ist diese tosende Gewalt sich gleich. Komm näher, etwas tiefer drinnen im Flammenmeer siehst du die Glut, die Quelle des Schauspiels, sie hält der alte Mann am kochen, sie ist seine Lebensaufgabe. Ich sehe es Dir an den Augen an, du hast es bemerkt. Die Glut steht nicht still, sie pulsiert, vibriert, wie Adern oder ein Herz, man kann es beinahe klopfen hören. Kleine Funken steigen aus dem Rot empor, sie leuchten hell, heller als Sterne. Es müssen tausende sein, so viele, dass es kaum möglich ist einem einzigen zu folgen. Nein, streck‘ deine Hand nicht aus. Die Funken sind glühend heiß, so schön sie anzuschauen sind, so sehr würden sie dich bei nur einer einzigen Berührung schmerzen.

Gehen wir doch ein paar Schritte zurück, dann kannst du besser sehen. Das Feuer brennt jetzt lichterloh. Ob sich der Mann wohl für uns besondere Mühe gibt? Aus der Glut steigen sie auf, die Funken, helle Glühwürmchen aus Licht. Achte auf den Übergang zwischen dem Feuer und der Luft, dort wo es knistert vor Hitze. Die Funken verlassen ihre Wiege, steigen auf, getragen von der Wärme des Schoßes der sie gebar. Dort draußen veränder sie ihre Farbe. Nicht mehr als weiße Sonnen steigen sie hinaus in die Welt, nein, glühende Feuermotten sind sie geworden. Immer höher steigen sie und wie ein Spiegelbild der Flammen tanzen sie miteinander, manchmal eng, manchmal weit. Bald ist der Himmel über uns mit ihnen übersät, Feuermotten wohin das Auge blickt. Sind sie nicht wunderschön? Versuch erst gar nicht ihnen allen Namen zu geben, oder hast du schon versucht die Sterne am Himmel zu zählen? Stell‘ dir vor sie wären alle Wünsche die zum Himmel steigen. Träumereien, viel verlacht und doch so wunderbar. Manchmal wünschte ich die Feuermotten jeden Abend zu besuchen.

Warum blickst du plötzlich so traurig?

Du hast es wohl gesehen. Die Feuermotten, sie steigen auf, erleuchten den Himmel und malen Bilder aus Luft und Sehnsucht in die Welt und doch ist jede nur von kurzer Dauer, kaum sind sie des Feuers entwachsen verlieren sie an Kraft, werden blass. Als schwarzer Schnee gehen sie auf uns nieder, jede ein verlorener Gedanke und achtlos schnippen wir sie uns von den Schultern. Die Wiese ist zu ihrem Friedhof geworden. Aber was heißt das schon? Nur Dünger für die jungen Gräser.

Die Nacht ist kalt geworden, kein Feuer mehr und keine Motten. Lass uns bitte gehen‘.  Ja, ich weiß was ich gesagt habe, der Mann lässt die Flammen nicht verhungern. Sieh genau hin, die Glut ist noch da, in dem Haufen aus verbranntem Laub.

Morgen wird es wieder lodern.

Ich habe manchmal ziemlich komische Träume und häufig bleiben dann kryptische Sätze in meinem Kopf hängen, Sätze die nachhallen wie Kirchenglocken. Wirklich mysteriös wird es aber dadurch, dass die Worte für sich genommen gar keine Bedeutung zu haben scheinen, nur dieses Gefühl – so als würde man eine alte Höhlenmalerei betrachten die für den modernen Menschen bar jeder Bedeutung ist, aber trotzdem etwas in uns klingen lässt (schaut euch einfach mal den „Zauberer“ von Les-Trois-Freres an, sehr bekannte Höhlenmalerei).

Könnte es sein, dass meine Träume mir ständig eine tiefere Wahrheit über uns und den menschlichen Zustand verraten wollen ich aber immer zu schnell aufwache und vergesse? Das würde dieses Gefühl erklären weil mein Unterwusstsein wäre sich dann ja gewahr, dass die Worte im Traum Bedeutung hatten!

Hier etwas Kleines was ich nach einen Traum aufgeschrieben haben – es heißt „The Dragonfly“ und ja, manchmal träume ich auf Englisch!

 

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I am just a dragonfly

Hovering in place

Even through my masquerade

Shines my inner grace

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I am neither here nor there

An endless walkabout

Just waiting to be eaten

By the timeless trout.

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If you ever cross my way

Up at my cold  lake

Never shed a tear for me

The trout will set me free.

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Der Graue Pilger

Das wird etwas … anderes. Möchte alle vorwarnen die eher meine (düster) humorvollen Texte bevorzugen, die folgenden Zeilen enthalten keiner Humor, nicht den Anflug davon. Das passiert wenn man die dunkelsten Tiefen des Herzens durchsucht um Inspiration in Bildern zu finden die andere um jeden Preis meiden. In diesem Sinne …

Draußen zog die Welt vorbei aber im Inneren stand sie einsam still während die Meilen Stunde um Stunde verrannen. Ich fragte mich, wer diesen Speisewagen wohl eingerichtet hatte, denn er war meiner Ansicht nach einfach nur geschmacklos. Neben jedem Tisch stand eine leuchtende Ballonlampe, die wohl eine Anspielung auf die vornehmen Salons des 19. Jahrhunderts sein sollten, hier und jetzt aber nur kitschig wirkten, ebenso wie die roten Tischdecken, starr vor Schmutz und der blaue Teppich – dieser unsägliche Teppich, der auf tragische Weise Samt imitieren wollte.

Waren die Vorhänge einmal gelb gewesen? Auf jeden Fall hatte die Sonne sie im Laufe der Reisen zu einer unkenntlichen Farbe ausgeblichen. Der strenge Geruch von kaltem Zigarettenrauch und altem Essen stand ebenso dick in der Luft wie die blauen Schwaden frischer Glimmstängel. Hier war die Hölle des Städtereisenden Fleisch geworden – ein atmender Moloch bedient von Dämonen in weißen Schürzen die plumpe Sprüche auf ahnungslose Mädchen prasseln ließen.

Aber sie waren es nicht die mich gerufen hatten, weder die Dämonen noch die Mädchen. Keine geheimen Rituale hatten stattgefunden, keine Mönche in braunen Kutten mit Sandalen von Dr. Scholl an den Füßen boten mir Gewürze aus dem eigenen Garten an. Mein Ziel war die Hauptstadt und dieses Fegefeuer war nur ein Transitpunkt meiner Pilgerfahrt.

Ein gewählter Vertreter, das ist es wohl was ich bin – Jahre schon, ohne Hoffnung auf Erlösung. Der Liebling der Götter, das bin ich wohl auch. Hüte dich vor der Liebe der Götter, hört man die Propheten sagen. Denn diese Liebe führt nur zu endlosen Prüfungen und Pilgerreisen auf staubigen Straßen unter Marmeladebäumen und man mag mir bitte glauben, wenn ich hier sage, dass es diesen Entität völlig egal ist welcher Konfession man sich zugehörig fühlt. Aber das tut im Grunde nichts zur Sache – zumindest die Götter nicht, das mit der Vertretung schon – mehr oder weniger.

Auf der Reise ließ ich meine Gedanken ziehen, sollten sie doch selbst einen Ort suchen an dem sie glücklicher waren. Wohl um mich zu verwirren zogen sie genau vier Jahre zurück. Zu einer Zeit als ich viel mehr war als ein Absolvent irgendeiner Schule – abgeschlossen – von meinem Herzen ganz zu schweigen. Und plötzlich, mitten in dieser Katastrophenzone stand ich in der Liste. Im Rückblick waren das wohl interessante Zeiten obwohl ich mir damals mit Sicherheit in diesem Punkt widersprochen hätte. Oder, wie Rincewind immer sagte – wenn Du in interessanten Zeiten lebst, dann hast Du ein Problem – no worries.

Die Liste von damals sah ich ziemlich genau vor mir. Sie hing a einem Treppenaufgang, neben dem Anschlag eines professionellen Babysitters und der bitte doch etwas mehr für die Austauschstudierenden zu tun. Was konnte wohl falsch daran sein den eigenen Namen auf das weiße Papier zu schreiben? Zu verlieren hatte ich nichts, zumindest nichts was mir gehörte und meine Chancen tatsächlich gewählt zu werden standen nicht besonders gut. Keiner kannte mich, ich trug nur schwarz und redete in Rätseln.

Plötzlich war ich Mitglied des kleinen Kreises, des SEHR kleinen Kreises. Es liegt in der Natur der Sache, dass ich keine Ahnung hatte was das überhaupt bedeutete, konkret.

Aber ich verliere mich – oder verlor ich mich? Noch saß ich im rollenden Armageddon in Richtung Der Großen Stadt auf einer endlosen Fahrt in einer Reihe von Dienstreisen die mich schon mehrmals durch das Land geführt hatten.

„Namenlos“, sagte mir das unaufdringliche blaue Schild. Ein unaufdringlicher roh verputzter Bahnhof zog vorbei und ich fragte mich wie hier Menschen leben konnten. Aber realistisch gesehen hätten sie wohl dasselbe von meinem Wohnort gesagt. Wie oft hatte ich den Ort, den Bahnhof und das Schild schon gesehen? Ich wagte nicht nachzuzählen, das Ergebnis wäre niederschmetternd gewesen. Eine Sitzung stand mir bevor. Ein Dutzend Menschen die mich nicht sehen wollte die über Themen reden die keiner hören wollte.

Zu kritisch? Egal. Die Sitzung war sowieso nur der offizielle Grund, einer von vielen und nicht der wichtigste. Sie war der Inoffizielle. Kurze, rötliche Haare, zarte Haut und eine Brille – ein Primat mit Wurzeln in zwei Nationen und Bindungen in keiner. Vor einiger Zeit hatte ich mich in sie verliebt und ich begann sie zu leben – mehr zum Leben später an anderer Stelle. Es war eine heftige, lodernde Liebe die mit einem einfachen Gespräch begonnen hatte und nie erloschen war. Niemals hätte ich gedacht, dass das Feuer eines Tages nach außen getragen würde.

Am besten erinnere ich mich an die Nacht im Park. Auch wenn das nahe Pornokino vielleicht nicht der beste Hintergrund war. Scheinbar ziellos führte sie mich durch die Nacht, durch dunkle Gassen, vorbei an Betrunkenen und über Brücken die Wasser so dunkel wie der Fluss Styx waren. Im Park schließlich haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Nichts von dem Geschehenen war geplant gewesen, keine List und kein Trug hatte dahinter gesteckt, nur ehrliche Zuneigung oder … eher vielleicht Verzweiflung?

Sie saß neben mir auf einer Parkbank und blickte mir ihren großen Augen in die Nacht während sie über das Leben sprach, über Liebe und Tod und Gewalt die irgendwo dazwischen lag.   

Plötzlich hatte ich das Verlangen die kleinen Härchen an ihrer Schläfe hinter ihr Ohr zurück zu streichen und wie im Traum tat ich es. Sie schloss ihre Augen und legte ihren Kopf in meine geöffnete Handfläche und da wusste ich es. Schwach, mit zitternder Hand und so sanft wie ich konnte berührte ich ihr Kinn und drehte ihren Kopf zu mir – sie schien es zu wollen.

In diesem Schmetterlingsmoment sahen wir uns an und wir waren andere Menschen, andere Blicke, andere Gefühle. Der Abstand zwischen uns schmolz dahin bis sich unsere Lippen berührten. Sie war kalt und weich. In dem Moment als ihre samtene Zunge die meine leicht streichelte wusste ich, dass sich ein lange unterdrückter Traum für mich erfüllte.

„Ich liebe Dich“, hörte ich mich sagen und meinte eigentlich doch: „Ich lebe dich.“ Sie hatte meine Worte gehört, schwieg aber. Ich hatte es vorher schon gewusst. Ich durfte wie ein Kind in den Garten und einen Apfel nehmen aber der Baum würde mir nie gehören denn sie war ein gebranntes Mädchen, eine Festung die nicht eingenommen werden wollte weil sie die Einsamkeit zu schätzen gelernt hatte. Ebenso wie ich die meine verabscheute.

Kann es sein, dass der Ort der richtige ist, die Menschen die richtigen sind und sogar die Gefühle die richtigen sind und trotzdem die Sterne einfach nicht wollen? Es kümmert Dich nicht, oder?

Die Luft dieser Nacht war nicht kalt gewesen und trotzdem zitterte ihr ganzer Körper, als ich meine Arme um ihren Körper legte und ihr Haar streichelte weil es die einzige Sache war, die sie beruhigen konnte. Später legte sie ihre Beine auf meine Oberschenkel und streckte sich auf der Parkbank aus. Ihre Beine waren glatt und so weiß, dass sie in der Nacht zu leuchten schienen wie Alabasta. Das wollte sie aber nicht hören – vielleicht erinnerten sie diese Worte an Gefühle, die sie längst in einem tiefen Loch vergraben hatte – und sie war es nicht gewohnt etwas Besonderes zu sein – weder für mich, sie selbst oder irgendjemanden.

Zu dieser Stunde wusste ich schon sehr viel über sie und ihr Leben, die schrecklichen Schatten auf ihrer Seele und die Angst noch einmal die Vergangenheit erleben zu müssen. Es würgt mich alleine beim Gedanken daran was sie erlebt hatte, was sie in ihren Träumen verfolgte. Wenn sie in den Spiegel sah, dann sah sie sich nicht selbst, sondern tausendmal eine bleiche Leiche die Leben mit ihren kalten Händen auslöschen konnte. Ich mag mir das Bild nicht näher vorstellen und der Wunsch den Spiegel für sie zu brechen war nur eine Illusion.

Könnt ihr meinen Zorn fühlen? Sie wurde verletzt.

Wisst ihr denn nicht, wie leicht man sie durch ein unbedachtes Wort verletzen konnte, denn die Maske auf ihrem Gesicht trägt sie nur für euch, damit ihr nicht sehen müsst, was sie sieht, damit ihr kein bitteres Mitleid wie Säure versprüht. Warum seid ihr so kalt, gebt ihr Namen ohne sie zu kennen, sprecht über Leben ohne die Dunkelheit zu kennen, sprecht über ihre Wünsche ohne den Spiegel gesehen zu haben.

Am Ende hat sie mich gefragt, wann wir uns wiedersehen würden – eine scheußliche Frage wie sie selber feststellte denn uns trennten unendlich viele Kilometer und namenlose Flüsse. Als ich gehen musste beschlich mich eine schreckliche Ahnung. Sie war wie ein sehr kalter Stein, solange die Wärme in ihrer Nähe war glühte sie, doch wenn sich die Quelle entfernte, dann wurde sie wieder so kalt wie zuvor. Man musste lange in ihrer Nähe sein, um ein Feuer zu wecken, das sie nicht so schnell erkalten ließ.

War ich lange genug  mit ihr zusammen gewesen? Hatten zwei Tage ausgereicht um sie so lange zu wärmen bis wir uns wiedersehen würden? Ich wusste es einfach nicht.

Im Zug erhielt ich eine Nachricht von ihr, ein Tanz im Regen, barfuss, ein Geist Hand in Hand mit ihr, starr vor Angst. Sie wusste nicht, dass Geister nur tanzen wollen, ein Tanz der Erinnerung. Ich hätte es ihr sagen können, tat es aber nicht weil die Erkenntnis ein dreischneidiges Schwert ist – meine Seite, deine Seite und die Wahrheit. Ich hätte ihr meine Seite zeigen können aber niemals die Wahrheit. So ließ ich es beim Lesen und ich musste lächeln. Später lächelte ich nicht mehr so oft.

Wie ich es befürchtet hatte zog sie sich in der Zukunft in ihre Burg zurück und zog die Zugbrücke hoch, denn es ist unmöglich den Stein auf Distanz zu erwärmen.

Bin ich in diesem Punkt unfair? Versucht mich nicht zu verurteilen, solange ihr nicht einen Tag in meinen Schuhen verbracht habt. Vielleicht hättet ihr gleich gehandelt wie ich. Wir sind alle Lügner, Feiglinge und Pharisäer. Heuchler.

So war ihre Reaktion also der Rückzug gewesen und ein rauschendes Gespräch durchs All sagte mir, dass sie alleine sein musste, alleine sein wollte, gezwungen war alleine zu sein. Weinend lachte sie in mein Gesicht, verletzte mich und spürte es nicht einmal. Ihre Angst verwandelte sich in Zorn, ihre Einsamkeit in Frustration und ich erkannte wie ähnlich wir uns waren. Zwei Menschen die sich ins eigene Fleisch schnitten, die ohne zu zögern das Boot zum Kentern brachte in dem sie selbst saßen. Rasierklingen faszinieren uns, nicht der Schmerz ist das Ziel sondern die Haut die sich teilt, das durchschnittene Fleisch und die Reinheit des fließenden Blutes. Vielleicht steche ich mir deshalb Bilder in die Haut, um mich nicht mehr selbst sehen zu müssen, um die Bilder zu werden die ich gerne in mir sehen würde.

Und so schließt sich der Kreis der Erkenntnis langsam. In dem Zug wurde mir wieder klar was ich schon längst wusste. Ich liebe Dich nicht, ich lebe Dich, weil ich selbst kein Leben in mir habe. Ich sauge auf, was du bist, tue Dir weh, versuche Dich zu töten weil ich dazu geboren bin. Sinnlos und kalt, ein Stein. So wie sie, meine menschliche Freundin.

Willst Du mehr wissen? Kannst Du mehr ertragen oder willst du einfach nur glücklich sein? Dein Mitleid will ich nicht, könnte es nicht ertragen, müsste noch einmal sterben wenn Du nur ein inniges Wort an mich richtest.

Also geh oder bleib, mir ist es egal, ich werde einfach erzählen – und wenn ich nur mit der Wand rede ist es mir auch recht, da ich sowieso nicht mit Dir rede. Ich rede über dir, neben dir, vielleicht unter Dir, aber nicht mit Dir. Unsere Gespräche gehen aneinander vorbei. Also geh oder bleib.

Weißt Du was ich tue wenn ich glücklich bin? Dann entwickle ich einen Eifer, den man wohl als Wahnsinn bezeichnen könnte. Plötzlich tue ich alles, um den Menschen zu verletzen, der mich glücklich macht. Das war schon als Kind so. Vielleicht sehne ich mich nach der Rolle des Märtyrers, sehne mich nach der Opferrolle, a casualty. Ich genieße es und hasse es. Es bestärkt mich darin, dass nicht ich sondern die Welt schlecht ist, dass ich im Grunde nichts für den Untergang kann den ich bringe, durchmache, durchlebe und schließlich daran zu Grunde gehen.

Willst Du mehr wissen? Noch mehr von meiner Dunkelheit? Wenn ich im Zug sitze, dann bin ich nicht mit Euch dort, sondern nur mit mir. Ihr seid mir nichts wert, der Respekt ist nur eine Hülle. Oder sage ich das nur, damit Du endlich gehst? Damit ich wieder alleine bin und die Gewissheit habe, dass Du gar nichts von mir wissen willst. Ein sonderbar schöner Gedanke.

Und so komme ich wieder zu diesem Mädchen zurück, denn diesmal war nicht ich es, der den Tod brachte, war nicht ich der Engel mit dem Flammenschwert sondern sie. Eine neue Erfahrung, zu sehen wie es ist, wenn man einmal so behandelt wird wie ich normalerweise die Menschen um mich herum behandle. Und doch kann ich nicht aus, bin gefangen in mir selbst, meinem Verhalten und meinen Gewohnheiten.

Wenn Du mich wirklich so sehen willst wie ich bin, dann sie mich als Pilger. Als der alte Mann, der, in eine schwarze Kutte gehüllt, eines Abends den schmalen Pfad zu deinem sicheren Dorf hinaufgewandert kommt. Den Fremden, denn alle mit Vorsicht behandeln, weil man nicht weiß, was seine Ziele sind. Ich humple, aber nicht mein Bein ist verkrüppelt sondern meine Seele. Von außen kann man es kaum sehen, nur mit sehr guten Augen. Die Katzen sind die einzigen die mich mögen, sie verstehen mich, sind Raubtiere wie ich, nur, dass sich in meinen Augen nicht das Licht spiegelt sondern Deine Seele, denn ich lebe Dich, wie ein Parasit. Ich höre dir zu und mache Dein Leben zu meinem, verschlucke und verdaue es bis ich es eines Tages ausspucke, nackt und offen, mitten auf der Strasse, für alle sichtbar. Also weich mir lieber aus, vermeide meinen Blick, denn vielleicht, nur vielleicht, siehst Du in mir einen Teil Deiner selbst und das könntest Du nicht ertragen, selbst ich kann es kaum.

Und der Pilger zieht weiter, gestützt auf seinen Haselnussstock.

Was ist Glück? Diese Frage ging vor kurzem bei ein paar Twitterern um und rumort seit dem in meinem Kopf wie ein unfertiger Traum. Vielleicht ist es die gänzlich falsche Frage an den völlig falschen Mann zu einem schrecklich schlechten Zeitpunkt. Mein Gehirn ist wie die meisten Gehirne eine Relativierungsmaschine, alles was ich erlebte muss zuerst durch den Filter meines momentanen Zustandes, auch Fragen und die Antworten darauf. Frag mich was Glück ist an einem hellen Sonnentag an dem die Vögel singen und die Menschen um mich herum lachend durch den Park spazieren kriegst du eine andere Antwort als wenn du mich um 1 Uhr nachts im Winter auf einer nebeligen Seitenstraße des Herzens genau dasselbe fragst.

Glück ist wirklich was Komisches weil es zum Leben weder zwingend notwendig noch zu allen Zeiten, allen Kulturen oder gesellschaftlichen Schichten als relevant angesehen wurde. Tatsächlich bin ich versucht all die üblichen Klischees, passend zu meiner Stimmung, um mich zu werfen wie ein irre gewordener Golem die Menschen der Stadt aber ich halte mich zurück. Beinahe. Glück ist, aus der Sicht des Zynikers, das, wovon man in der Regel wenig bis gar nichts hat. Für den Hungrigen ist ein Bissen Brot Glück, für den Reichen ein Liebesurlaub mit seinen Gespielinnen auf Mykonos, für den Durstigen das Glas Wasser, für den Studenten die bestandene Prüfung. Ich kenne jemanden mit einer schweren chronische Krankheit. Sie hat jeden Tag ziemliche Schmerzen, Rund um die Uhr. Für sie ist Glück wenn der Schmerz ab und zu etwas weniger wird. Aber für die meisten Menschen ist es so, dass, wenn sie mal jenes Gut erworben haben, welches sie für Glück hielten, es irgendwie nach Asche schmeckt, ein fahler Sieg der kaum der Rede wert scheint und Glück muss re-definiert werden, immer und immer wieder. Sollte nicht das ein Zeichen dafür sein, dass Glück vielleicht die relativste Sache auf der ganzen Welt ist?

Dennoch suchen wir danach, sofern wir Zeit  haben. Für den unfreien Bauern der todmüde ins Bett fiel und nur die Arbeit des nächsten Tages vor sich sehen konnte, wären die Glücksritter wahrlich lächerliche Gestalten, so wie der Mann in der Midlife-Crisis der trotz der liebenden Frau daheim auf Biegen und Brechen eine andere will. Mehr von uns als je wären bereit  es zuzugeben sind schon in jungen Jahren in ihrem Inneren solche mit Fettpolstern bewährte, ergrauende, erkahlende ewig Hungrige und auf der Jagd nach dem was sie längst haben. Lächerlich. Und doch glotzt mir dasselbe Antlitz jeden Tag aus dem Spiegel entgegen. An dieser Stelle muss gesagt werden: Ich jage dem Glück auch hinterher. Ich bejammere mich wenn ich es grad nicht spüre, ich nehme es gleichgültig hin wenn es mal da ist und ich komme manchmal auf Gedanken wie: Glück ist, wenn mir das Leben mal keinen Leberhaken verpasst obwohl ich nicht aufgepasst habe.

Vielleicht komme ich dem Glück etwas näher, wenn ich aufhöre es als Objekt, als Ding das man erreichen, ergreifen kann zu sehen und Glück vielmehr als Zustand betrachte. Die Psychologie kennt hier den Begriff des Flow. Könnte das Glück sein? Alles beginnt zu fließen, jede Bewegung sitzt, ich weiß dass ich in dem, was ich gerade mache, gut bin und ein gewisses Gefühl der Unendlichkeit stellt sich ein. Zeit verliert an Bedeutung. Raum verliert an Bedeutung. Selbst das Gefühl, dass es gleich wieder vorbei sein könnte – es verschwindet spurlos.

Ja, das ist wahrscheinlich Glück und man kann es nicht erzwingen oder kaufen. Wenn ich meine letzten Worte noch einmal im Geiste verwehen lasse muss ich sogar sagen: Glück kann man nicht besitzen. Sobald ich etwas besitze habe ich auch etwas zu verlieren und ich beginne über den potentielle Verlust nachzudenken – das ist keine Schande und absolut menschlich denn, sofern man kein Mönch mit jahrelanger Erfahrung in Askese und Transzendenz ist, kommt die Angst vor dem Verlust des geliebten Objektes ganz von selbst. Aber genau diese Angst verdirbt das Glück, sie verdunkelt den Blick, schickt Nebel durch den Verstand und wenn man nicht übermenschliche Vorsicht walten lässt überwiegt die Angst vor dem Verlust sehr bald alle positiven Aspekte die es jemals hatte das Objekt zu besitzen. Vielleicht sind eifersüchtige Menschen deshalb in Beziehungen (fast) nie glücklich, egal wie sehr der Partner sie liebt. Muss einer der ganz großen Lacher sein, dass jene Sache, die uns das größte Glück versprach, uns am Ende den größten Schmerz bereitet – die Angst vor dem Verlust. Und „Nein“, der Verlust selbst ist nicht annähernd der Schmerz wie die Angst vor dem Verlust.

Glück ist also in einem Zustand zu sein, ohne diesen zu besitzen oder kontrollieren zu können. Liebe, das kann Glück sein. Manchmal, wenn ich früher mit meinen Freunden am See saß – die Wellen plätscherten auf die Steine, im mitgebrachten Kassettenspieler lief unser Lieblingslied, die Sonne ging unter und sprühte Farben auf die Welt wie auf eine Geburtstagstorte – das war Glück. Wenn ich heute in eine Bar gehe ist das kein Glück. Alles ist käuflich – die Getränke, das Ambiente, selbst die Freunde wenn man genug Geld auszugeben bereit ist. Das ist kein Glück. Macht der Vergleich Sinn?

Trotzdem suche ich manchmal auch in den Bars das Glück. Wie in der schönen weil pragmatischen Definition von Wahnsinn: Dasselbe auf die gleiche Weise immer wieder versuchen und dabei ein anderes Ergebnis erwarten