Das ist eigentlich nur ein Update eines älteren Blogeintrages, sozusagen eine Bestandsaufnahme meiner Gefühle über die Zeit hinweg. Ist mir irgendwie klar, dass ich von dieser Kerzengeschichte besessen bin aber ich halte das für wesentlich produktiver als von anderen Dingen besessen zu sein! In diesem Sinne – wer noch nicht genug von den Kerzen hat – viel Spaß!

Man kann seiner Vergangenheit nie entfliehen, sie ist in dir, in jeder Falte des Gesichts, in jeder Pore, in deiner Haltung, Mimik, Gestik und in deiner Seele. Alles was geschehen ist, was geschieht und was noch geschehen wird – das alles ist ständig, in jedem Augenblick um uns herum, wie ein unendlicher Sturm in dessen Auge wir verharren. Was der Mensch tun kann, ist zu versuchen, sich mit den Geistern zu arrangieren die er beschworen hat, im Zentrum zu bleiben. Wer sich nicht mit dem Auge mit bewegt, immer nach vorne, wird von den Gewalten einfach zerrissen, zumindest hört man meist nichts mehr von denen die es versucht haben … vielleicht sind sie an einen besseren Ort gelangt? An die grüne Wiese am Ende des Sturms? Man weiß es nicht.

Heute Nacht stehe ich auf diesem Balkon und bin fast so was wie glücklich. Ich blicke nach oben zu den Sternen die für mich nicht dieselben sind wie gestern, vorgestern oder irgendwann. Immer wieder muss ich an alle die Charaktere denken, die ich im Laufe meines nicht uninteressanten Lebens geschaffen habe. Jeden Einzelnen von ihnen habe ich in langen, dunkeln Stunden entworfen. Die Stunde des Wolfes nennt man diese Zeit wohl, wenn man nicht schlafen kann, weil schwere Gedanken durch den Kopf gehen. Zu jenen Zeiten habe ich ihnen Leben gegeben, sie zu Papier gebracht und ihre Herzen gefüllt. Sie haben gelacht, geweint, gehofft und geliebt und manche von ihnen sind gestorben – auch das habe ich ihnen nicht erspart. Ob das wohl auch zu den Sünden gehört, die man nie mehr im Leben abwaschen kann?

Durch diese erfundenen Fremden die doch alle nur Splitter meine Seele waren habe ich denken gelernt – zu sehen wie die Dinge für mich scheinen, zu erkennen was in diesem Leben möglich ist und was nicht, wo die Grenzen liegen und wie man die Hürden nimmt die schließlich zu einem Ziel führen – sie haben vorgelebt und ich bin gefolgt. Manchmal auf durch Wände die ich vorher für solide hielt. Und dennoch, ich kann sie nicht vergessen, weil sie manchmal so real sind, wie die Menschen um mich herum, weil sie Teil meiner Existenz sind und aus meinen Gedanken entsprangen. Wenn man es genau betrachtet – was ist der Mensch mehr als ein paar Gedanken die von Fleisch und Knochen umgeben sind? Wenn ich nun meine Gedanken in die Welt der Fantasie hinüber gleiten lasse – was tue ich dann anderes als Leben zu schaffen?

Vielleicht aber, nur vielleicht, liegt es auch daran, dass ich heute Nacht etwas sentimental bin. Nur wenige Gefühle vermag ich nicht wirklich zu Papier zu bringen – Liebe die ich selbst empfinde gehört wohl dazu. Es ist unbeschreiblich. Es bringt mich um den Schlaf, weil es viel schöner ist an sie zu denken als zu schlafen und weil ich Angst habe, jede Minute die ich nicht mit ihrem Bild vor meinen Augen zu verbringen, sei eine verlorene Minute. Hunger gibt es nicht. Und wieder einmal wird mir klar, dass mich die Literatur ständig einholt.

Vor langer Zeit habe ich einmal über ein ähnliches Thema geschrieben. Damals wollte ich mir einfach den ganzen Schmerz von der Seele schrieben der sich über viele Jahre angestaut hatte. Meine Tastatur war das Ventil und die Worte das Wasser. Der menschliche Verstand ist eine verdammt robuste Staumauer aber ewig hält sie auch nicht. Wenn ich jetzt zurück blicke, dann waren die damaligen Gefühle denen, die ich jetzt empfinde, sehr ähnlich. Es ging mir eigentlich darum für mich selbst klarzustellen, was mit dieser Welt geschehen ist, warum sie so kalt und künstlich wirkte und was mit mir selbst los war, warum ich glaubte so fern und distanziert von mir selbst zu sein. Heute bin ich mehr bei mir selbst als jemals zuvor und doch, diese Melancholie bleibt. So wie damals.

Zu jener Zeit, eigentlich noch immer, ging ich nachts gerne durch die Strassen. Die Dunkelheit offenbart manchmal Dinge die man bei Tage gar nicht erkennt, weil die Sonne alle die wirklich düsteren Flecken ausbleicht und alles gleich macht. Sonst sagt man, dass der Tod der große Gleichmacher sei – aber manchmal kam es mir so vor, als ob die Sonne diesen Spitznamen viel eher verdient hätte.

Immer wenn ich dann durch die Strassen ging sah ich zu den Fenstern der Menschen hoch und fragte mich, was sie in diesem Moment wohl dachten, wovon sie träumten, was sie zu Tränen rührte und was sie zum Lachen brachte. Und manchmal – sehr selten – kam ich dann zu einem Fenster in dem ein kleines, unruhiges Licht flackerte, der Schein einer Kerze, fast verloren in der großen Dunkelheit der Nacht. Und an diesen Fenstern blieb ich dann stehen und eine Geschichte, die ich von einem alten weisen Mann einmal gehört hatte, kam mir wieder in Sinn: Früher stellten die Menschen sehr oft Kerzen in die Fenster ihrer Häuser, sagte er. Das war ein Brauch aus dem Mittelalter als man noch daran glaubte, dass die Seelen der Menschen nach dem Tod einige Zeit in unserer Welt blieben, ehe sie den Weg ins Jenseits fanden. Auch erklärte er mir, dass sich dieser Glaube langsam gewandelt hatte, dass die Leute später glaubten, die Kerzen weisen den Seelen den Weg, die noch nicht bereit dazu waren, ins Jenseits hinüberzugehen, all den Seelen derer die zu früh gestorben waren, die Seelen die sich noch ans Leben klammerten, obwohl der letzte Funke schon erloschen war.

Irgendwie hat mich diese Geschichte immer sehr berührt und wenn ich dann diese Kerzen in den Fenstern sah  musste ich unwillkürlich lächeln. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass da draußen Seelen schweben, die verzweifelt nach den wenigen Lichtern Ausschau hielten, die noch nicht erloschen sind.

Und dann beginne ich zu träumen. Ich träume davon, dass die Menschen wieder Kerzen aufzustellen, vielleicht am Anfang nur einigen wenige. Menschen wie ich würden dann diese Kerzen sehen und sich an die alten Bräuche zu erinnern, sie begännen  selber Kerzen für die verlorenen Seelen anzuzünden – einer nach dem anderen. Man sähe uns dann zu Beginn des Abends auf den Straßen, um nach weiteren Kerzen Ausschau zu halten und irgendwann – in ferner Zukunft – würden es so viele sein, dass sie sich auf ihren nächtlichen Wanderungen begegnen, unter den hell erleuchteten Fenstern. Die Menschen blickten sich wieder in die Augen sehen und dann zu den Sternen hinauf. On diesem Traum bin ich fest davon überzeugt, dass in diesem Moment die Welt hell aufleuchten würde. Kein Leuchten das man mit dem Auge erkennen kann aber vielleicht mit dem Herzen und dieses Licht würde hinaus in die endlosen, kalten Tiefen des Universums reisen, an toten Sternen vorbei, erhaben über alte Sonnen gleiten und irgendwo, in einem weit entfernten Winkel einer unbekannten Milchstrasse, nähme jemand dieses Leuchten wahr und er würde wissen, dass wir gelebt haben, dass wir, auf diesem Brocken aus Stein, nicht einfach nur unsere zeit abgesessen haben. Das würde einen Unterschied machen, selbst wenn wir schon lange nicht mehr sind – Du und ich (oder, wie es poetisch im letzten Einhorn heißt: Sie wird sich an dein Herz erinnern, selbst wenn Menschen nur mehr Märchen sind, in Büchern geschrieben von Kaninchen … wieso finde ich diesen Satz eigentlich so wunderschön , wie schafft er es die Welt vor meinen Augen zum Verschwimmen zu bringen?). Bei diesem Gedanken wird mir sehr warm ums Herz und ich brauchte plötzlich keinen Mantel mehr für meine Seele. Es ist ein Gefühl wie Liebe, ein Gefühl, dass näher an der Unsterblichkeit ist als irgendein anderes.

Vielleicht ist es ja das was mir eine solche Angst macht, was mich nicht schlafen lässt – dieses Gefühl unbedeutend und vergänglich zu sein und dass es auch niemanden gibt, dem ich wichtig bin oder der um mich trauern würde. Die Angst davor, mein Bisschen Zeit zu verschwenden das mir gegeben ist.

Denn in einer Sache dürfen wir Menschen uns nie täuschen – wir sind sehr vergänglich. Sicher, ein Mann kann ein ganzes Land unbewohnbar machen, er kann Monumente errichten die tausende von Jahren halten und er kann seinen Namen in Stein meißeln – und trotzdem sind die Taten doch nur Spuren im Sand am Stand eines riesigen Ozeans der den Namen Zeit trägt. Dort haben wir keine Beständigkeit – wir hinterlassen keine Spuren. Wo aber können wir es dann? Ich glaube, dass es einen Weg gibt, einen anderen Weg der viel vergänglicher scheint es aber nicht ist, nicht sein kann. Wenn ich Dich heute zum Lachen bringe, wenn ich Zeit mit Dir verbringe, dann hinterlasse ich Spuren in Dir. Wenn Du an mich denkst und dann vielleicht wieder lachen musst, über das was ich gesagt habe, über das was ich Dir von mir gegeben habe, dann liegt in diesem Lachen ein Teil von mir. Vielleicht wird jemand anderer Dein Lachen sehen und möglicherweise wird auch er lachen und so werde ich fortleben, weiter meine Spuren ziehen selbst wenn meine Seele schon lange auf der Suche nach einem leitenden Licht über den Dächern dieser Welt ihre Kreise zieht. Ist das nicht eine viel schönere, viel echtere und tiefere Form der Unsterblichkeit als eine Säule in einem Museum oder ein Name in Stein gehauen?

Vielleicht stimmst Du mir zu, vielleicht auch nicht. Vielleicht hinterlasse ich Spuren, vielleicht wäscht sie der Ozean auch hinweg. Möglicherweise bringt meine Kerze nicht viel, es könnte aber auch sein, dass Du sie siehst und Dich mit mir freust, dass eine Seele in dieser Nacht die Möglichkeit hat Ruhe zu finden, sich mit dem Schicksal zu versöhnen.

Und in diesem Moment spüre ich Liebe, überwältigende Liebe und ich würde mir wünschen, einmal gemeinsam mit Dir durch die Nacht zu ziehen um nach Kerzen zu suchen.

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