Bin vor kurzem wieder einer älteren Person begegnet, die von mir nur auf Grund ihres Alters Respekt einforderte. Da hat sich mir die Frage gestellt, wie das eigentlich so ist mit dem Zusammenhang von Alter, Weisheit und Respekt. Grundsätzlich respektiere ich Menschen, manchmal vielleicht sogar zu viel. Wenn ich dir zum ersten Mal begegne dann werde ich dir wahrscheinlich einen ordentlichen Vorschuss an Respekt zollen (ok, es gibt Ausnahmen aber die sind recht selten), schon alleine weil wir beide Lebewesen sind und ein bisschen davon hat alles verdient was Gefühle empfinden kann.  Aber woher kommt diese gesellschaftlich so tief verankerte Automatik von Alter und zugeschriebener Weisheit auf der einen Seite und Alter und erhöhter Respekt auf der anderen?

Ich glaube das könnte noch ein Überrest aus einer Zeit sein, als Alter und der Erfahrungshorizont gekoppelt waren, als es ganz klar voneinander abgegrenzte Welten gab von denen man nur durch Initiationsriten hin und her wechseln konnte: Die Welt der Kleinkinder, die Welt der Kinder, die Welt der heranwachsenden, die Welt der Erwachsenen und die Welt der ehrwürdigen Greise. In einer geschlossenen Kultur/Gesellschaft unterscheidet sich die Wahrnehmung der Realität dieser Gruppen oft extrem voneinander, Wissen und Einsicht in das Mysterium des menschlichen Lebens ist auf die letzten beiden Gruppen beschränkt während die ersteren in Unwissenheit gehalten werden. Selbstverständlich wird dann den Gruppen der Erwachsenen und ehrwürdigen Greisen mehr Respekt entgegengebracht, da sie die Bewahrer des Wissens sind, sie kennen sozusagen die Wasserstellen und Oasen des Lebens und haben die Jungen viel zu lehren, sie sind die weltlichen und geistigen Führungsfiguren. Ohne Respekt für diese würde das Zusammenleben nicht funktionieren. Sie können per Definition nicht „unwissend“ sein, denn jeder in einer geschlossenen Gesellschaft erfüllt eine bestimmte Funktion, hat seinen Platz im sozialen Gefüge, keiner fällt sozusagen durch die Maschen. Die Ureinwohner Australiens sagen, dass jedes Mitglied im Stamm seinen Platz hat und wenn er weggeht, egal für wie lange, dieser Platz bleibt ihm oder ihr vorbehalten, egal wann er wiederkommt.

Aber eigentlich muss man gar nicht zu den Ureinwohnern irgendwohin gehen, auch bei uns, vor noch gar nicht so langer Zeit existierte eine geschlossene(re) Gesellschaft. Ich erinnere mich gut an meinen Professor in Pädagogischer Soziologie an der Universität. Er sagte immer, dass zu der Zeit, als er noch ein Junge war, es ganz klare Aufteilung und Zuschreibungen gab was die jungen Burschen wann machten und wie das Leben verlief. Wurde man in eine bestimmte Familie hineingeboren war der Weg beinahe sicher vorgegeben und die Gesellschaft sorgte dafür, dass es für jeden einen Platz gab. Die Wahlmöglichkeiten waren deutlich eingeschränkt, die Sicherheit dafür sehr viel höher. So etwas wie völliges, uneingeschränktes soziales Versagen ist in einer solchen Gesellschaft quasi ausgeschlossen. Ab einem gewissen Alter trug ein Jungen kurze Hosen, ab einem gewisse Alter spielte er beim Fußball mit den anderen Burschen mit, dann das erste Paar lange Hosen, dann das erste Mädchen – beinahe wie auf Schienen. Wer in einer solchen Welt lebt sammelt zwangsläufig Lebenserfahrung in genau vorgegeben Häppchen, altert sozusagen nach dem Fahrplan der Gesellschaft – ein älterer hatte einem Jüngeren in jedem Fall etwas zu lehren und voraus. Irgendwann der erste Job, ein kontinuierlicher Anstieg an Verantwortung bis hin zur Führungsposition und schließlich der Ruhestand.

Unsere Welt ist aber eine andere geworden, in manchen Bereichen steht sie, zumindest aus der Sicht früherer Generationen, auf dem Kopf. Information ist jetzt überall, Erfahrungen im Leben die früher Erwachsenen vorbehalten waren werden jetzt schon von Heranwachenden gemacht. Durch die Fülle an Literatur, Bildern, Filmen und Ideen die überall frei verfügbar ist haben wir gerade bei jungen Menschen eine Weltoffenheit erreicht die in ihrer Breite in der Geschichte wohl einzigartig sein dürfte. Dazu kommt, dass es auch gerade die Jüngeren sind, die über das notwendige Wissen verfügen um die Informationen auch zu beschaffen, zu filtern und am Ende zu konsumieren. Galt man früher als gebildet wenn man grob über die geopolitische Lage informiert war so ist es heute schwer sich dieser Information zu entziehen. Jeder zwölfjährige weiß zumindest etwas über die großen Konflikte unserer Zeit.

Weisheit ist natürlich ein kompliziertes Konstrukt, denn sie setzt nicht nur Wissen voraus sondern auch die Fähigkeit Zusammenhänge zu erstellen, das Wissen in einen größeren Kontext stellen können um es auf die verschiedensten Situationen anwenden zu können – ein weiser Mensch nimmt unser Problem und hilft uns es aus einem anderem Blickwinkel zu betrachten, neue Wege zur Lösung zu beschreiten. Ein Weiser hat generell etwas erkannt was anderen verborgen blieb. Das bedeutet für meine Argumentation hier, dass ein junger Mensch heute nicht unbedingt früher weise werden muss als dies in vergangenen Zeiten der Fall war (wichtig: Nicht alle Menschen werden überhaupt irgendwann weise) – aber es bedeutet, dass die Möglichkeit dazu heute unendlich viel größer ist als früher. Denn was ist überhaupt die wichtigste Voraussetzung für Weisheit? Weise kann man nicht geboren werden, so viel sollte klar sein. Um weise zu werden muss man Erfahrungen gemacht haben, sehr viele, bis zu dem Punkt an dem man die tieferen Zusammenhänge, die Elemente, die verschiedene Erfahrungen verbinden, erkennt. Erst dann kann man andere auf diese Verbindungsstücke, diese Gemeinsamkeiten hinweisen und ihnen so helfen ihren Alltag zu meistern. Der alte Mann im Stamm wurde weise, weil er viele Jagden überlebt und viele Stammesmitglieder auf die Welt kommen und sterben hat sehen – dadurch hat er ein kleines Stück des Lebens erfasst und ist in der Lage dieses Wissen über Jagen und gejagt werden, auf die Welt kommen und wieder sterben, auf andere Situation zu übertragen, eben diese Analogien zu finden.

Wer es in der heutigen Zeit versteht den beinahe wasserfallartige Informationsfluss zu filtern und das Gold aus dem Schlamm zu sieben kann mehr über das Leben lernen als dies jemals zuvor möglich gewesen wäre – und der Samen der Weisheit wird auf fruchtbaren Boden fallen.

Deshalb wundert es mich nicht immer mehr junge Menschen zu sehen, die ein unfassbar tiefes Verständnis für den menschlichen Zustand entwickelt haben. Leider gibt es natürlich auch negative Entwicklungszweige auf diesem Weg – der Zynismus nimmt deutlich zu. Woher kann das kommen? Auch das halte ich für ein Nebenprodukt des explosionsartig anwachsenden Wissens schon in frühen Jahren. Die Grausamkeiten der Natur wurden von früheren Generationen sehr wohl wahrgenommen, aber als natürlicher Bestandteil des Kreislaufs des Lebens, Raubtiere müssen töten um zu leben, Pflanzen verwelken um Dünger für die nächste Generation zu werden. Durch den tieferen Sinn, den der Weise darin erkennen konnte, wurde die Gefahr des Zynismus abgemildert. Aber was sehen wir heute? Menschliche Grausamkeit. Sinnlose Gewalt die keinem anderen Zweck dient als der Bereicherung einiger weniger. Dummheit, Gier und Hilflosigkeit schreien uns aus den Zeitungen und dem Internet entgegen egal wohin wir blicken. Nichts davon könnte sinnvoll in einen größeren Kontext gesetzt werden, kein Kreislauf des Lebens könnte erklären wieso es sinnvoll sein sollte Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen um einem Staatsoberhaupt klar zu machen, dass anderen Kindern Bomben auf den Kopf zu werfen falsch ist. Kein Wunder, dass manche statt Weisheit einen kalten Zynismus entwickeln – könnte es sein, dass Zynismus Weisheit ohne Herz ist? Womit wir aber beim Thema eines älteren Blogeintrages von mir wären … Ein weiteres Problem sind jene, die aus der Informationsgesellschaft herausfallen. Das Netz ist wahrlich weitmaschig geworden und wer eben nicht gut darin ist Informationen zu filtern, in dem ewigen Strom den Kopf über dem Wasser zu halten, geht sprichwörtlich unter. Diesem Menschen wird jede Möglichkeit genommen an den positiven Aspekten dieser Entwicklung teilzunehmen. Nicht umsonst sehen wir in den verschiedensten „Unterhaltungssendungen“ immer mehr gestrandete Jugendliche und junge Erwachsene die mir immer auch ein wenig wie Fische am Land vorkommen – nach Luft schnappend, hilflos zappelnd – sich ins Rampenlicht stellend in der Hoffnung wenigstens ein bisschen Aufmerksamkeit zu bekommen um dann doch nur ausgelacht zu werden. Das ist die Kehrseite der Medaille, die Möglichkeit absoluter Unwissenheit – bei diesen wird sich Weisheit auch im Alter nicht einstellen und die Gesellschaft bietet nicht mehr die notwendigen Wegweiser und Hilfsmittel. Sie werden sich wohl verlaufen in diesem glorreichen Labyrinth das wir geschaffen haben.

Mit dieser langen Rede wollte ich zum Ausdruck bringen, dass Weisheit in unserer Gesellschaft nicht mehr zwingen mit dem Alter verbunden ist, weil schon sehr junge Menschen beträchtlich weise sein können, unter bestimmten Umständen. Aber wie sieht es nun mit den Älteren aus? Werden sie immer noch weise? Ich fürchte da ist es heute auch nicht mehr so wie es mal war. Manche sind irgendwo im Umbruch der letzten 50 Jahre hängengeblieben, die Welt aus der sie kamen gibt es nicht mehr, die Schienen die durchs Leben führten, durch die gesellschaftlich sanktionierten Erfahrungen, wurden abgerissen. Und die Welt in der wir jetzt sind scheint furchtbar verwirrend, unstrukturiert. Damit möchte ich aber nicht verallgemeinernd verstanden werden. Ich kenne einige, auch sehr alte Menschen, die wunderbar mit dem Einstieg ins Internet zurechtgekommen sind und fester Bestandteil der Informationsgesellschaft wurden. Sie haben die Vorurteile alter Tage abgelegt, darauf verzichtet stur auf den einst versprochenen Verlauf des Lebens zu bestehen und haben sich angepasst. Aber eben nicht alle. Jene Person von der ich am Beginn sprach hat das sicher nicht – dieser Mann will der Weise eines Stammes sein der schon lange nicht mehr existiert, ein Häuptling ohne Indianer sozusagen. Aber das ist häufig das Schicksal von Generationen die zu Zeiten des Umbruchs gerade erwachsen geworden sind. „Respektiere mich und habe Ehrfurcht vor mir weil ich älter bin als du“ – das war das Motto seiner Rede. Und auch der schnellste Weg meinen Vorschuss an Respekt zu verspielen. Ich respektiere den Menschen an sich, ich respektiere was jemand tut, was er geschaffen hat aber Respekt nur auf Basis der Tatsache, dass du früher geboren wurdest als ich? In einer Welt in der Differenzen von Geburtsjahren immer weniger Bedeutung haben? Einer Welt in der 15jährige die großen Philosophen lesen und 40 jährige noch in der Mickey Mouse blättern?  Nein, tut mir leid.

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