Das ist keiner meiner üblichen Einträge im Blog – er ist böse, sozusagen der dunkle Zwilling dessen was ich sonst so mache. Wer das nicht mag bitte einfach ignorieren (das ist die schlimmste Strafe für den dunklen Zwilling überhaupt – sich über ihn ärgern bringt gar nichts, daraus zieht er nur Kraft).

Hier ein kleiner Erlebnisbericht aus einer Fortbildungsveranstaltung. Hätte ganz lustig sein können, war es aber nicht. Wie jede gute Geschichte hat auch diese eine oberflächliche Bedeutung (das was da wörtlich steht) und eine tiefere, symbolische Bedeutung. Mal schauen wer in die Tiefe gehen kann/mag.

Ich saß noch vor wenigen Stunden in einem Seminarraum zur Fortbildung, zusammen mit einer ganzen Menge Mediziner. Thema war Humanities in Medicine, also die Humanwissenschaften im medizinischen Umfeld, den leidenden, kranken Menschen in seiner Gesamtheit sehen und nicht nur das Symptombündel. Ein zentraler Punkt war Schmerz. Dass dies keine berauschende Erfahrung werden würde war mir von Anfang an klar – aber welche Qualen mir jede einzelne Sekunde schlussendlich wirklich bereitete  konnte ich nicht ahnen.

Kurssprache war übrigens Englisch – es genügt zu sagen, dass ihr wohl selten zuvor in der Geschichte so viel Gewalt angetan wurde wie in diesen Minuten. Vielleicht bin ich aber auch nur auf Grund meines Studiums übersensible, dennoch, schön war es nicht. Aber genug davon.

Zuerst wurde ein Prosatext zur Patientendistanz gelesen. Eine Frage war da: Sollte man dem Patienten die ganze Wahrheit sagen und das in jedem Fall? Eigentlich ganz ok, ich denke JA, die Ärzte waren anderer Meinung. Notiz an mich: Nicht bei diesen Ärzten behandeln lassen! Sollte ich im Sterben liege will ich das verdammt nochmal wissen, selbst wenn ich nur mehr drei Tage habe!

Dann kam das Verbrechen. Kennt ihr Emily Dickinson? Ja, genau die. Wahrscheinlich eine der einflussreichsten Dichterinnen der letzten 300 Jahre, eine große Lyrikerin die überall auf der Welt gelesen wird. Die Dozentin hat Auszüge aus acht ihrer Gedichte mitgebracht und zwar Auszüge aus Gedichten die sich mit Schmerz befassten. Ein Fest für mich – hätte man meinen sollen.

Erste Aussage einer Person die wohl als meine persönliche Foltermeisterin in diesen Kurs gesetzt wurde: „Ich mag Gedichte nicht!“ Und die Erklärung ihrerseits dafür war, dass sie keine Romantikerin ist (ja, kein Scherz, hat sie gesagt).

Also wie soll man darauf antworten? Kennt sie die ganze Fülle der Lyrik? Alle Stilrichtungen und Nuancen? Und was haben Gedichte mit Romantik zu tun? Sie können romantisch sein, ja, müssen aber nicht. Habt ihr schon mal jemanden sagen hören, das er Fernsehen nicht mag weil er kein Actionfan ist? Oder keine Bücher liest weil er Science Fiction nicht mag?

Na gut, dass ist eine Meinung. Kann ich respektieren und würde ich eigentlich auch nicht drüber bloggen. Aber diese Person dachte ja gar nicht dran an dem Punkt aufzuhören, oh nein. Sie trug ihre Ignoranz wie ein Banner vor sich her. Wahrscheinlich sah sie sich auf dem blutigen Schlachtfeld im Kampf zwischen Realisten (sie) und Gefühlsduseln (Leute die Gedichte mögen) . Ich zitiere an dieser Stelle gerne den großartigen, alten  Kanadischen Dichter/Sänger/Lebende Legende Leonard Cohen: „Ah the dreamers ride against the men of action – oh see the men of action falling back!“ (aus „The Traitor“)

Durch Mimik, Gestik, Körperhaltung und eine recht hohe Frequenz an Kommentaren hat unsere Bekannte ganz klar gemacht auf welcher Seite sie steht.

Ok, es ging weiter im Gedicht, das war ja nur der Anfang.

Die schlichte Äußerung: „Let’s have a look at pain“ wurde zum nächsten Schauplatz dieser Groteske. Sollte eigentlich ganz einfach sein. Wir betrachten den Schmerz. Auf die Frage wie man das angehen könnte antwortete die uns jetzt schon bekannte Dame: „Dem Patienten in die Augen schauen.“ Na gut, jetzt kann man sagen sie hat die Frage nicht richtig verstanden also nochmal: Der Schmerz an sich als Phänomen, wie könnte man den betrachten? Offensichtlich ist die Dame überfordert und erklärt, dass man einen Schmerz ohne Patienten nicht betrachten könne, da er sich ja nur in einer Person manifestiert. Schmerz ohne Patient kann man nicht betrachten. An diesem Punkt stockte mir der Atem. Will sie provozieren? Die naheliegende Antwort, nämlich „Ja, sie will provozieren“ ist nicht ganz richtig. Diese Dame glaubt daran.

Stichwort: Abstraktion. Eine grundlegende menschliche Fähigkeit die auch nur bei uns schlüssig nachgewiesen werden kann. Im Tierreicht gibt es einige interessante Ausnahmen wobei ein endgültiger Befund noch aussteht – die scheinbare Fähigkeit zur Abstraktion bei einigen Affen könnte auch nur in einer komplizierten Konditionierung auf symbolische Reize begründet sein. Menschen abstrahieren, den ganzen Tag lang, also Phänomene sehr wohl losgelöst von konkreten Trägern begreifen. Oder wie ist das mit der Ideenlehre Platons? Das Höhlengleichnis? Sind ihr wirklich 2500 Jahre Philosophiegeschichte abhandengekommen? Wir sind doch von abstrakten Konstrukten umgeben. Wieso um Himmels Willen ist es als unmöglich über Schmerz zu reden, losgelöst vom konkreten Patienten?

Ab diesem Moment wurde Emily Dickinson nur mehr abgeschlachtet.  

Ein weiterer Höhepunkt ergab sich aus folgender Aussage der Dichterin: „Pain has but one Acqaintance And that is Death“. Der Schmerz hat also nur einen Bekannten und das ist der Tod. Hat unsere Freundin nicht so ganz verstanden, macht sie auch deutlich durch Augenrollen und möglichst lümmeligen Sitzen im Stuhl. Sie fragt was das den heißen soll, an Kopfschmerzen sei sie schließlich noch nie gestorben – von wegen einzige Bekanntschaft. … Die Dozentin bleibt erstaunlich ruhig. Bisher hielt ich Gewalt unter keinen Umständen als angebrachte Lösung für irgendwas – meine Einstellung dazu begann zu kippen. Die Dozentin erklärt: Was Dickinson damit meint ist, das der Schmerz eine Erinnerung an unsere eigenen Vergänglichkeit ist – dieser Körper wird nicht ewig fehlerfrei funktionieren, irgendwann kann und wird er völlig versagen. So lange wir gesund sind, keine Schmerzen haben, leben wir in den Tag als würde es ewig so weitergehen, es ist der Schmerz der uns da hinausreißt und zeigt, dass wir eben nicht unendlich sind, dass der Körper, die Gesundheit zerbrechlich ist. Nicht damit gemeint ist eine  kausale Verknüpfung von Schmerz und Tod in jedem Fall.

Unsere Freundin schweigt, das ist gut.

Ein anderer spricht, das ist gar nicht gut.

In einem klassischen Beispiel einer ad-absurdum-Führung eines guten Argumentes meint der Kollege: Es ist ja pathologisch (krankhaft – Anmerkung für die Nicht-Mediziner unter uns) bei jedem Schmerz gleich an den Tod zu denken. *Applaus* Welche Erkenntnis. Nur zu blöd, dass das auch gar nicht gemeint ist. Es geht um die abstrakte Idee des Schmerzes, das Phänomen an sich und was es im Menschen anrichten kann, nicht woran du denkst wenn du dir mit dem Hammer auf die Pfoten haust!

Aber scheinbar hatte unsere Bekannte die gute alte Emily Dickinson noch nicht genug gequält. Jetzt wurde es richtig persönlich. Die Dame meinte: „Wenn ich das lese denke ich nur, die Frau hatte wohl ständig Schmerzen. Die Arme.“  Herablassung tropfte ihr förmlich aus jeder Pore, dann der Blattschuss: „Man kann sich da auch reinsteigern. Wenn ich den ganzen Tag von Schmerz schreibe wäre ich am Abend auch tot.“

Sprachlosigkeit und der Wunsch mir verschiedene Körperteile auszureißen wallten hoch. Anmerkung der Dozentin: Vielleicht sollte man das 1775 Gedichte umfassende Werk dieser Frau nicht an Hand von nur ein paar Auszügen aus acht Gedichten beurteilen. Grundsätzlich stimme ich dazu. Dickinson hat nicht nur über Schmerz geschrieben. Sie schrieb mit einer poetischen Feinfühligkeit und treffender Präzision, jedes Wort fährt direkt in die Knochen. Ihre Worte gaben und geben Generationen Kraft und Einsichten in den menschlichen Zustand. Sie hatte ein profundes Verständnis für Schmerz, Trauer aber auch das Schöne. Selbst wenn ich persönlich Sylvia Platz und ihr Wert höher schätze empfinde ich eine große Liebe für die Gedichte von Emily Dickinson. Hätte sie ihr ganzes Leben nur über Schmerz geschrieben wäre es auch in Ordnung gewesen denn sie wusste wovon sie sprach und zuhören könnte wirklich nicht schaden.

Dann die ultimative Beleidigung. Es ging um das poetische Ich, also die Trennung des Schöpfer-Ich (der Dichter) vom geschaffenen Ich (der Erzählstimme im Text). Unsere alte Bekannt ist der Auffassung, dass Texte nur dann interessant und gut sind, wenn diese Ichs übereinstimmen, also der Erzähler von sich selbst, dem von ihm Erlebten spricht. Was soll man jetzt dazu sagen? Jetzt mal ganz ehrlich, was? Offensichtlich ist unsere Bekannte was die Literatur betrifft nie über die Erlebnisberichte des Campingausfluges in den Sommerferien hinausgewachsen. Wahrscheinlich liest sie auch keine Bücher – höchstens Lehrbücher und Autobiographien, alles andere ist ja eh nur erfunden und damit von geringem Wert.

Ich bin Leser, holt mich hier raus.

Warum ärgert mich das so? Der Hauptgrund ist sicher, dass solche Personen wie unsere Bekannte hier immer so verdammt laut sein müssen. Sie versteht nicht einmal ansatzweise was Poesie Menschen wie mir bedeutet. Im Gegenteil, ihre Ignoranz trägt sie wie einen Pokal vor sich her und muss dies auch ständig an die Umwelt kommunizierten. Augenrollen, provozierende Fragen, manchmal extrem gespieltes Unverständnis – das sind ihre Waffen – sie kann und will sich nicht einlassen auf die Worte der Alten.

Ganz klar formuliert: Sie ist stolz darauf, dass ihr Gedichte und Geschichten nichts sagen, sie sieht es als Zeichen ihrer Verankerung am Boden der Tatsachen. Wäre  nur schön, wenn diese Menschen etwas unauffälliger verankert wären.

Ihr fragt mich was ich die ganze Zeit zur Diskussion beigetragen habe? Meistens die wohlgeformten Worte bewundert die jene lange verstorbene Dichterin durch Raum und Zeit zu uns sendete. Natürlich hätte ich mich einmischen können, vielleicht sogar streiten. Aber es hätte bei ihr nichts gebracht also lasse ich es. Vielleicht wird meine diesbezügliche Zurückhaltung irgendwann in Zukunft von jenen auf der anderen Seite des Schlachtfeldes erwidert. Das wäre toll.

Advertisements