Also ich gebe zu, ich mag Sylvia Plath auch wenn sie starb noch bevor meine Eltern sich kennengelernt hatten. Ihre Gedichte haben teilweise eine Morbidität die ich persönlich zu schätzen weiß, andererseits beweist sie eine Fragilität die der von feinstem Porzellan längst vergangener Tage in nichts nachsteht. Ich halte das für eine ausgesprochen seltene Mischung und dass die Welt nicht mehr erleben konnte was aus einer älteren, reiferen Sylvia Plath geworden wäre macht sie, also die Welt, ärmer.

Andererseits, man weiß nie was gewesen wäre und gerade das macht es auch so interessant und diese Personen zu perfekten Objekten einer post-mortalen Heldenverehrung, denn wer einmal tot ist kann sich nicht mehr dem Kommerz verschreiben, er oder sie bleibt in unserem kollektiven Bewusstsein quasi „rein“.  Sylvia Plath ist in manchen literarischen Kreisen das Prosa/Lyrik Gegenstück zu Kurt Cobain und das will was heißen.

Aus persönlichen Gründen finde ich vor allem „The Bell Jar“, den einzigen vollendeten Roman (Gerüchte sprechen von einem zweiten den sie aber noch zu Lebzeiten dem Feuer anheimgab) von Frau Plath besonders beeindruckend und genau über diesen möchte ich hier reden.

Erschienen ist das Werk 1963, nach dem Tod der Autorin – sie hatte sich im Februar des Jahres im Alter von 30 Jahren das Leben genommen. Das ist sicher auch mit ein Grund weshalb Plath so in das literarische Fundament unserer Kultur zementiert ist, sie starb nicht einfach so, nein, sie hat sich umgebracht. Egal was die Psychologie der letzten 40 Jahre auch versucht hat, Selbstmord hat immer noch diesen gewissen romantischen Anklang, die ultimative Beleidigung an die Gesellschaft, sozusagen der sprichwörtliche Stinkefinger an das Establishment, man verzeihe bitte den Ausdruck. Wie es sich anfühlt an dieser Klippe zu stehen, keinen Ausweg zu sehen, gefangen zu sein unter dem was Sylvia Plath, unter dem Deckmantel der Protagonistin des Romans, als „Bell Jar“ bezeichnet, wissen jene Romantisierer in der Regel nicht. Der Roman lässt uns einer Ahnung gewahr werden.

Worum geht es in dem Buch? Wer eine genaue Zusammenfassung der Handlung erwartet gehe bitte auf Wikipedia oder, was noch besser wäre, ordere ein Exemplar in Englisch auf Amazon und lese es – schaden würde es sicher nicht.

Die Protagonistin heißt Esther Greenwood, eine literarisch begabte College Studentin die auf Grund von bei einem Wettbewerb eingereichten Essays, Geschichten und Gedichten ein Praktikum bei einem renommierten New Yorker Magazin erhält, zusammen mit zwölf Mädchen. Esther ist sich sehr wohl bewusst, dass sie diese Möglichkeit schätzen sollte und dass ihre berufliche Zukunft von den Empfehlungsschreiben und Stipendien abhängt die ihr winken, schließlich stammt sie aus einfachen Verhältnissen und könnte auf andere Art diesen nie entfliehen. Dennoch fühlt sie sich einsam, von den anderen Mädchen, die so gar nichts mit ihr gemeinsam haben, entfremdet. Das Leben im Glamour der Großstadt, die Oberflächlichkeit ihrer Altersgenossinnen, als das wird von ihr mit trocknem Sarkasmus und Witz betrachtet, gar zerpflückt. Schon zu Beginn der Geschichte beschreibt sie sehr schön die einsetzende emotionale Taubheit in ihr.

„I just got bumped from y hotel and back to work like a numb trolleybus. I guess I should have been excited the way most of the other girls were, but I couldn’t get myself to react. (I felt very still and very empty, the way the eye of a tornado must feel, moving dully along in the middle of the surrounding hullabaloo).

Esther fühlt sich eingeschränkt durch die soziale Rolle der Frau als Kindsmutter für die nur eine begrenzte Auswahl an sozial akzeptierten Rollen vorhanden ist (Stenotypistin zum Beispiel).

Während ihrer Zeit in New York wird Esther klar, dass sie wirklich und wahrhaftig nicht weiß, wo sie in ihrem Leben hin will, was sich in einer Situation mit ihrer Vorgesetzen beim Magazin zeigt in der sie auf eben diese Frage keine Antwort geben kann.

In mehreren Episoden erinnert sie sich an vergangene Ereignisse, vor allem mit ihrem „Freund“ Buddy Willard, der ihre lyrischen Ambitionen nicht versteht und ein konservatives Frauenbild tradiert. Er ist jung, gutaussehend, charmant, Medizinstudent und repräsentiert all das, was sie von Gesellschaft wegen wollen sollte aber eben nicht will. Esther wirft ihm insgeheim eine Doppelmoral vor, als sie durch ihn Zeugin einer Geburt werden darf und erfährt, dass die Frau große Schmerzen hat aber sich durch ein Medikament nach der Geburt nicht mehr an die Schmerzen erinnern wird können – eine Idee auf die, Esthers Meinung nach, nur ein Mann kommen kann. So erleben die Frauen die Schmerzen immer und immer wieder, mit jeder Geburt, ohne es zu wissen.

Sie erinnert sich auch an eine Episode beim Schifahren mit Buddy, als sie sich absichtlich einen viel zu schwierigen Hang hinunterstürzt und dabei eines ihrer Beine bricht – eine Art Vorgeschmack auf das was noch kommen wird.

Immer mehr wird Esther innerlich zerrissen, sie beginnt ihre eigene akademische Karriere zu hinterfragen, bekommt Schuldgefühle wegen einer Lüge an ihren Lehrer und wie sie den Dean des Colleges  auf Grund ihrer bisherigen Leistung davon überzeugte sie von einem Kurs dem sie sich nicht gewachsen sah auszunehmen. Ihr wird klar, dass sie weder die Musterschülerin sein kann, für die sie sich immer gehalten hat noch die Rebellin die sie gerne wäre. Ohnmächtig gefangen zwischen diesen beiden Polen sitzt sie gefangen.

Ihr Verhalten wird immer sonderlicher, sie trifft auf Marco, einen offensichtlich gefährlichen Mann der sie beinahe vergewaltigt, erst im letzten Moment wehrt sie sich und bekommt etwas von seinem Blut ab. Als sie zurück nach Hause kommt wirft sie all ihre Kleidung fort. Am nächsten Tag, auf dem Weg nach Hause, weg aus New York, trägt sie das Blut ihres Angreifers wie eine Kriegsbemalung auf sich und kann kaum verstehen, warum sie seltsam angesehen wird.

Als sie nach Hause kommt verschlechtert sich ihre psychische Situation zunehmend, vor allem als sie erfährt, dass sie von einem Literaturkurs, der eine Art Anker in der Realität für sie war, abgelehnt wurde. Die Vorstellung isoliert bei ihrer Mutter in dem Vorort zu sein ist für sie erschreckend und das Scheitern ultimativ. Daraufhin kann sie nicht mehr schlafen, lesen oder schreiben, zieht sich nicht einmal mehr an.

An diesem persönlichen Tiefpunkt trifft Esther Dr. Gordon, von dem sie hofft, dass er sie auf den richtigen Weg zurückführen kann, misstraut ihm aber, weil er, wie Buddy Willard, alles repräsentiert, was sie an Männern ablehnt. Die schreckliche Erfahrung einer Elektroschocktherapie tut ihr übriges.

Sie denkt immer häufiger über Selbstmord nach bis sie schließlich auf dem Höherpunkt der Geschichte ernsthaft versucht sich das Leben zu nehmen, wird aber von ihrer Mutter noch rechtzeitig gefunden.

Im weiteren Verlauf kommt sie zur Behandlung an eine weibliche Psychiaterin, Dr. Nolan, ein einschneidendes Erlebnis für Esther, die sich bisher immer Männern ausgeliefert sah, nicht einmal wusste, dass es auch Frauen in solchen Positionen gibt. Langsam beginnt sich ihr Zustand zu verbessern. Als auch Dr. Nolan Elektroschocks anordnet fühlt sich Esther im ersten Moment betrogen, hatte sie in dieser Ärztin doch eine Art Mutterfigur gefunden. Die Wirkung ist jedoch beeindruckend, am Tag nach der ersten Sitzung fühlt sich Esther zum ersten Mal seit langem frei und die Selbstmordgedanken verblassen. Esther wird dadurch nicht zu einem perfekten Menschen, sie ist zynisch, ab und an selbstsüchtig (bis zu dem Punkt an dem sie realisiert, dass sie mit ihren Bemerkungen ein anderes Mädchen zum Selbstmord angespornt hat) und unzufrieden mit sich – aber das würde zu weit führen (-> selber lesen).

Die Geschichte endet in dem Moment in dem Esther über die Türschwelle in das Zimmer tritt, in dem entschieden werden soll, ob sie das Sanatorium verlassen wird können oder nicht. Sie beschreibt dies als eine Art zweite Geburt.

Ich denke, dass „The Bell Jar“ eine außerordentlich mutige und wertvolle Beschreibung darstellt, wie eine psychische Erkrankung scheinbar aus heiterem Himmel in das Leben einer vorher völlig normalen Person eindringen kann und wie danach nichts mehr so wie vorher war. Selbst heute wäre eine so nüchterne und ehrliche Beschreibung dieser erschreckenden Ereignisse durch einen Schriftsteller bemerkenswert, in Plath Tagen war sie praktisch unerhört.

Es ist davon auszugehen, dass viele der bewegenderen Momente in Esther Greenwoods Geschichte autobiographischer Natur sind und den Leidensweg von Sylvia Plath nachzeichnen. Die Psychiatrie und Psychologie die in „The Bell Jar“ beschrieben wird erscheint für heutige Leser unsäglich primitiv, jedoch darf nicht vergessen werden, dass die erste Generation von wirksamen Antipsychotika erst in den 1950er Jahren auf den Markt kam (Chlorpromazin 1954). Die Geschichte spielt im Sommer 1953. Elektroschocks waren eine häufig eingesetzte Methode (und sie werden auch heute noch eingesetzte, jedoch nur bei extrem schweren, hochgradig therapieresistenten Depressionen oder ähnlichen Krankheitsbilder), der Geist der frontalen Lobotomie hing immer noch wie der Gestank verwesender Leichen in der Luft. Keine guten Zeiten um psychische Probleme zu entwickeln.

Es wurde zwar nie klinisch diagnostiziert woran Sylvia Plath litt aber ihre Erzählungen lassen auf eine Form der Schizophrenie schließen, darauf deuten ihre emotionale Taubheit, die de-realisations- und de-personalisations Erlebnisse sowie die Interpretation von harmlosen Alltagserlebnissen als bedrohlich und fremdartig hin.

Sylvia Plath selbst versuchte sich in jungen Jahren das Leben zu nehmen, auf ähnliche Weise wie die Protagonistin des Romans. Sie muss gewusst haben, dass das Damoklesschwert der psychischen Erkrankung ihr Leben lang über ihr hängen würde und jederzeit fallen konnte, nicht umsonst legt sie Esther diese Worte in den Mund:

„I knew I should be grateful to Mrs. Guinea, only I couldn’t feel a thing. If Mrs. Guinea had given me a ticket to Europe, or a round-the-world cruise, it wouldn’t have made one scrap of difference to me, because wherever I sat – on a deck of a ship or a street café in Paris or Bangkok – I would be sitting under the same glass bell jar, stewing in my own sour air.”

Dieser Bell Jar, diese Glasglocke (eigentlich eine Art glockenförmiger Kolben in dem zum Beispiel ein Vakuum erzeugt werden kann), sie lastet schwer auf Esther, die ganze Geschichte hindurch und sie muss auch schwer auf Sylvia Plath gelastet haben. Ich fand dieses Bild einer Glasglocke immer sehr treffend. Esther sagt dazu:

“To the person in the bell jar, blank and stopped as a dead baby, the world itself is the bad dream. How did I know that someday—at college, in Europe, somewhere, anywhere—the bell jar, with its stifling distortions, wouldn’t descend again?”

Als jemand der Erfahrung mit Depressionen hat muss ich sagen, dass ich nie einer treffenderen Beschreibung dieses Gefühls begegnet bin. Es ist als würde eine Glocke über einen gestülpt werden, man sieht die Welt noch ist aber von ihr getrennt. Alles was man hört, alles was man fühlt, selbst die Luft die man atmend, wirkt abgestanden, die Glocke trennt die Welt da draußen von dir da drinnen und man weiß, dass es absolut gar nichts bringt gegen die Wand aus Glas zu schlagen weil niemand da draußen hören wird was drinnen vorgeht, alles was sie sehen ist jemand der seltsame Grimassen schneidet. Man sitzt drinnen und die Leute draußen versuchen zu erklären, dass die Glocke nur eine Illusion ist, ein Gefühl, ein Traum aber tatsächlich, und das ist der zentrale Punkt in Esthers Erklärung ist für die Person unter der Glasglocke die Welt der böse Traum. Treffender kann man es nicht ausdrücken, selbst wenn ich tausend Jahre alt würde und jeden davon versuchte bessere, treffendere Worte zu finden, es gelänge nicht. So fühlt man sich die Isolation an.

Das perfide daran, und Sylvia Plath hat das mit beinahe chirurgischer Präzision erkannt, ist, dass man nie weiß, nie wissen kann, wann sich diese Glocke über einen senkt, es kann immer und überall passieren, jedem und selbst wenn sie sich anheben lässt und sogar verschwindet, wie in Esthers Fall, besteht immer die Gefahr, dass sie wiederkommt, unvermittelt, aus heiterem Himmel und alles zerstört, was man sich in der Zwischenzeit aufgebaut hat. Es ist extrem verstörend das Abgleiten eines Menschen in diesen Zustand zu beobachten – und eine Warnung an jeden von uns. Sylvia Plath selbst schaffte es einmal der Glasglocke zu entkommen, das zweite Mal leider nicht. Aber sie hat uns eine Botschaft hinterlassen, die Geschichte des Mädchens unter der Glasglocke. Ich habe dadurch gelernt zu verstehen was vorher unbegreiflich war und obwohl ich weiß, dass diese Botschaft nicht direkt an mich gerichtet war so fühlt es sich doch an manchen Tagen so an – heute wie damals als ich das Buch zum ersten Mal las.

Es sollte an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass „The Bell Jar“ gerade für Plaths Familie sehr schmerzhaft war. Die Mutter der Protagonistin fragt immer wieder, was sie falsch gemacht hat und sie kann nicht helfen, während Esther immer weiter dieser Welt entgleitet. Wenn es nach Plath gegangen hätte wir dieses Buch vielleicht nie in Händen gehalten, schon gar nicht in den USA, ihrer eigentlichen Heimat und wenn dann erst nach dem Tod ihrer Mutter – viel zu autobiographisch waren die Inhalte. Dass es in den 70ern in den USA erschien „verdanken“ wir einer Lücke im damaligen Copyright Gesetz. Mrs. Plath muss durch eine Hölle von Selbstvorwürfen gegangen sein.

Es gäbe noch viele Themen in diesem Werk die es wert wären besprochen zu werden – soziale Normen die Menschen knebeln, Umgang mit psychischen Erkrankungen, das Erwachsenwerden. Ich lade jeden dazu ein seine Meinung kund zu tun und darüber zu diskutieren.

P.S.: Habe ich schon erwähnt, dass ich die Gedichte von Sylvia Plath, für die sie eigentlich zu Lebzeiten (in gewissen Kreisen) bekannt wurde, sehr schätze? Hat jemand von euch ein Lieblingsgedicht von Sylvia Plath? Bitte Reply!!!

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