Sie lagen Seite an Seite auf dem kalten Asphalt und blickten hinauf in den samtenen, sternenübersäten Himmel, der sich wie eine gigantische Halbkugel über die Hemisphäre der Erde spannte, vielleicht eine überdimensionierte Kugel wie sie Kinder zum Spielen verwenden: Mit einer Winterlandschaft darin und kleinen weißen Flocken, die wild herumstäubten, wenn man die Kugel fest  schüttelte. Aber wie sie so da lagen und nach oben blickten, kam ihnen das nicht in den Sinn. Obwohl der Himmel flach aussah, so als wären all die Lichtpunkte auf derselben Höhe und nicht unendliche Strecken voneinander entfernt, konnten sie doch erahnen wie gewaltig das Universum in seiner Gesamtheit war und wie gewaltig einfach alles da draußen war und wie winzig dagegen unsere Erde. Ein Universum, in dem nichts unmöglich war, ein Universum voller Möglichkeiten und voller Magie. Sie lächelte zum Funkeln eines Sternes, das ein unruhiges Flackern war. Wie wenig wusste man eigentlich über das Universum? Wie viele Fehler hatten die Männer und Frauen gemacht, die jene Sätze aufgestellt hatten, nach denen sich die Schöpfung zu bewegen hatte?

Es waren nur zwei Personen auf dem Dach, er und sie. Beide versuchten an nichts Anderes zu denken, als an die majestätische Erscheinung des Nachthimmels, wie er sich ihnen hier offenbarte, auf dem Dach eines dreißigstöckigen Gebäudes, den kalten Asphalt unter ihnen, den warmen Augustnachtwind um sie herum und das ferne Geräusch des Verkehrs von irgendwoher.

Schließlich rollte sie sich zur Seite und sah ihn an. Plötzlich wollte sie nicht mehr an die Unendlichkeit denken, sondern sich an das Hier und Jetzt festklammern. Sie versuchte jedes kleinste Detail seines Profils aufzufangen, wie er nach oben blickte, die Nase gen Himmel, die Augen nach oben gerichtet, in ihnen das Funkeln von Neugierde und einer einzigartigen Nacht. Sie blickte an seiner Haarlinie entlang, der Ohrenbart, der in einen dünnen Backenbart überging, bis zum spitzen Kinn, wo die Haare ein kleines bisschen länger waren. Jede Unebenheit seines Gesichtes registrierte sie. Sie fragte sich, welche Geschichte dieser Schnitt knapp unter seinem Kinn hatte und ob die Narben an der Backe noch von der Pubertät stammten. Würde sie diese Geschichten je zu hören bekommen? Er blickte unverwandt nach oben, ohne zu zwinkern. Sein Atmen war kaum zu sehen. Bemerkte er sie überhaupt?

Während sie ihn beobachtete, konnte er ihre Blicke beinahe physisch spüren. Es waren elektrisierende Blicke, so als würde er mit dem Gesicht über einen Draht mit extrem niedriger Spannung gleiten, nicht stark genug, um unangenehm zu sein, aber stark genug, um all die kleinen Härchen auf seiner Haut aufstehen zu lassen. Und er genoss den Blick, ebenso wie er die unendliche Weite des Panoramas dieser Nacht genoss, schweigend und ruhig. Sie ließ ihre Augen über seine Bikerjacke wandern, über die engen, blauen Hosen aus Jeansstoff, bis hinunter zu den spitz zulaufenden Stiefeln, die er sich einfach aus einer Laune heraus gekauft hatte, ohne tiefer darüber nachzudenken.

Sie rollte sich irgendwann herum, ließ ihren Rücken wieder auf den kalten Asphalt sinken und genoss den Moment, als die Kälte ihre Kleider durchdrang und auf ihre warme Haut stieß. Ein Schauer lief durch ihren ganzen Körper, hinauf bis zum Scheitel und hinunter zu den Zehenspitzen – sie blieb ganz ruhig liegen. „Du bist hübsch.“ Ihre Feststellung klang wie eine Frage, oder eine Mischung aus beidem, aber es kam keine Antwort. Er lag einfach da und sah nach oben zu den Sternen, die so unendlich weit entfernt waren. „Ich finde, du bist sehr hübsch.“ Diesmal klang es weniger nach einer Frage, denn eine gewisse Bestimmtheit lag in den Worten, die keinen Widerspruch duldete. „Warum sagst du das?“ Es lag keine Emotion in seiner Stimme, er schein von sehr weit weg zu ihr zu sprechen. „Ich weiß nicht. Ich finde einfach, dass du hübsch bist.“ Er drehte den Kopf etwas zur Seite, gerade genug, dass er sie aus dem Augenwinkel heraus beobachten konnte. Sie konnte das Weiß in seinen Augen erkennen, wie es im Dunkeln der Nacht funkelte. Es gefiel ihr nicht und sie sah wieder zum Himmel hinauf. „Du solltest so etwas nicht sagen,“ erwiderte er, „du solltest nie solche Dinge sagen. Weder heute noch an einem anderen Tag. Schau lieber nach oben, man könnte ein ganzes Leben damit verbringen, die Sterne zu beobachten, ohne je müde zu werden – ohne dabei von Liebe oder anderen Dingen zu sprechen.“ Sie schloss die Augen für einen Moment und versuchte sich die Sterne einfach nur vorstellen, das Bild aus ihrer Erinnerung abzurufen, aber es gelang ihr nicht, weil seine Worten übermächtig waren. Deshalb öffnete sie die Augen wieder. „Du hast dich verändert. Am Anfang warst du nicht so.“ Es kam keine Antwort zurück, statt dessen beobachteten sie beide wieder den Sternenhimmel, das Licht und die unterschiedlichen Helligkeitsgrade. In dieser Nacht stand kein Mond am Himmel, der die Sicht verdeckt hätte, was aber auch bedeutete, dass es eine  sehr dunkle Nacht war.

„Vielleicht,“ sinnierte er nachdenklich, „habe ich mich wirklich verändert. Oder du siehst  mich einfach anders als vorher. Es ist nie gut von Liebe zu sprechen. Man gibt damit unausgesprochen ein Versprechen, das man am Ende nicht halten kann.“ Überrascht sah sie zu ihm hinüber: „Was für ein Versprechen?“ Wieder bekam sie keine Antwort auf ihre Frage. Beide verstummten und sahen schweigend zum majestätischen Firmament hinauf.

„Wusstest du, dass das Licht dieser Sterne viele Millionen Jahre braucht, um hierher zu kommen? Wenn wir es sehen, existieren diese Sterne vielleicht schon gar nicht mehr.“ Sie nickte: „Ich weiß und es macht mir Angst. Es erinnert mich an uns, eigentlich an alle Menschen. Du existierst auch nicht mehr so, wie ich dich noch immer sehe. Es macht mir Angst.“ Beide schwiegen für einen Augenblick. „Es werden neue Sterne an ihrer Stelle entstehen. Es geht immer irgendwie weiter. Es ist faszinierend. Was glaubst du, wie viele dieser Sonnen Zentrum eines bewohnten Sonnensystems sind? Wie viele Planeten wie diesen hier gibt es, auf denen Wesen wie du und ich in einer warmen Nacht auf einem Gebäude liegen und nach oben blicken?“ Eigentlich hätten sie in dieser Nacht gar nicht auf diesem Dach sein dürfen – in keiner Nacht, das wussten sie. Der Zutritt hierher war strengstens verboten und wenn einer der siebenundzwanzig Wachmänner sie finden würde, dann gerieten sie in große Schwierigkeiten. Im Grunde aber kümmerte sie das nicht, beide wollten hier sein. „Es sind unendlich viele bewohnte Planeten da droben, weil das das Ziel ist. Es hätte einfach keinen Sinn, wenn es nicht so wäre.“ Sie war sich dieser Sache ganz sicher. „Und in ein paar tausend Jahren werden es ein paar bewohnte Planeten mehr sein und irgendwann werden die Menschen sie alle entdecken, benennen und man wird sehen wie alles weitergeht.“ Er setzte sich auf und schlang seine Arme um das eine Knie: „Aber irgendwann werden es keine mehr sein, irgendwann wird da kein einziger bewohnter Planet mehr sein.“ Vorsichtig, als hätte sie Angst, dass er sie wieder wegstoßen würde, legte sie ihren Arm um seine Schulter. In diesem Moment klang ihre Stimme so, als müsste sie jeden Augenblick zu weinen beginnen: „Hast du Angst?“ Für einen Sekundenbruchteil, gerade einen Lidschlag lang, sahen sie sich in die Augen und jeder sah in denen des anderen ein leichtes, beruhigendes Glänzen. Als er das Funkeln in ihren Augen wahrgenommen hatte, fiel ihm die Antwort leichter: „Ja, ich habe Angst. Manchmal habe ich eine solche Angst, dass ich keine Luft mehr bekomme und fürchte zu ersticken.“ Er löste sich aus ihrer Umarmung und stand auf. Sie folgte ihm mit ihren Blicken, versuchte ihn aber nicht aufzuhalten, als er unruhig und hastig auf dem Dach im Kreis ging. Seine Stimme klang gehetzt: „Es vergeht alles nur so unglaublich schnell und alles, was am Ende immer übrigbleibt, sind du und ich. Wird es immer so weitergehen? Wird alles irgendwann zusammenfallen und alles, was dann noch auf dem Trümmerhaufen stehen wird, sind du und ich? Macht dir das denn keine Angst? Wir sind doch im Grunde immer alleine, sitzen hier oben auf Dächern, egal ob Hochhäuser oder Lehmhütten. Wir sitzen immer hier oben und blicken zu den Sternen, fragen uns, wie viel Leben es dort draußen gibt und denken über die Entfernungen nach, als würde dort die Antwort stehen, als würden sich die Sterne gruppieren und eine Botschaft an uns schicken.“ Ein Lächeln verzauberte ihr Gesicht und jetzt war er es, der innehielt, sie anblickte und sagte: „Du bist auch sehr hübsch, wirklich sehr hübsch.“ Sie nahm das Kompliment mit einem noch breiter werdenden Lächeln entgegen. „Die Antwort ist vielleicht wirklich dort oben, irgendwo zwischen den Sternen und wir müssen nichts anderes tun, als nur lange genug nach oben zu blicken. Am Ende werden wir schon noch erfahren, wofür das alles gut sein soll. Und wenn es doch nicht so sein sollte, so können wir am Ende wenigstens sagen, dass wir unser Leben damit verbracht haben, nach oben zu blicken und die samtene Erhabenheit des Universums zu studieren. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn wir immer nur damit beschäftigt gewesen wären, anderen Menschen weh zu tun oder irgendetwas Großes zu bewegen, das vielleicht am Ende doch fehlgeschlagen wäre.“ Er spazierte zum Rand des Daches und setzte sich auf die kleine Mauer, die das Dach vom Abgrund trennte. „Was ist so schlimm daran, ab und zu etwas Großes zu tun? Es ist manchmal, als hätte ich Teer an den Füßen, als würde ich rufen, dass mich das Leben endlich reinlassen soll aber keine Antwort kommt.“ Sie nickte: „Ja, das soll es geben. Aber was ist schon groß? Wir sind hier und beobachten, man kann nicht die ganze Ewigkeit lang aktiv sein. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man sich niederlässt und den anderen die ganzen Dinge überlässt. Daran wirst auch du dich gewöhnen müssen.“ Mit einem schnippischen Fingerzeig deutete er auf sie: „Sie dich doch mal an. Du bist jung, schön und jeder, der dich sieht würde sagen, dass du nicht älter als siebzehn bist. Das ist noch zu jung, um den anderen die ganze Verantwortung zu überlassen – wir sind noch nicht so alt.“ Er sah hinunter auf den Verkehr. „Lieben wir uns eigentlich?“ Es kam keine Antwort. Nun stand auch sie auf und ging zu der kleinen Mauer, auf der er saß. Mit einer anmutigen Bewegung schwang sie sich zu ihm hinauf, legte ihm den Zeigerfinger unter sein Kinn und zwang ihn, sie anzusehen: „Lieben wir uns eigentlich“, wiederholte sie ihre Frage. Wieder trafen sich ihre Blicke. Seine Antwort kam kalt und direkt: „Nein, wir lieben uns nicht. Vielleicht haben wir das einmal getan, aber das muss schon eine sehr lange Zeit her sein. Alles stirbt irgendwann einmal ab, wenn man sich nicht darum kümmert. Erinnerst du dich noch an den Wald? Den Wald, in dem wir zum ersten Mal richtig miteinander gesprochen haben?“ Ihre Augen begannen zu leuchten, denn sie erinnerte sich sehr genau an den Wald. Er nickte zufrieden: „An diesen Wald erinnern wir uns beide noch ziemlich gut. Es war vor einer Ewigkeit und trotzdem ist es für uns so, als wäre es erst gestern gewesen. An diesem Tag war so etwas wie eine Liebe zwischen uns, zumindest von meiner Seite her, aber irgendwie ist es nichts geworden. Es gibt für alles einen richtigen Zeitpunkt und den haben wir wohl verpasst. Außerdem hast du mich damals im Wald angelogen.“ Mit einem überraschten Aufschrei hielt er sich an der Kante fest, als sie ihn mit einem festen Schlag auf die Schulter beinahe in die Tiefe stieß. Irgendwo am Horizont ging eine Sternschnuppe nieder, ein heller Schweif mit einem etwas dickeren Kopf – tausende von Menschen sahen es, Menschen in ihren Häusern, einsame Herzen auf einsamen Strandpromenaden, verliebte Pärchen auf einsamen Waldbänken und Sterbende aus ihren Betten. Unzählige Wüsche erhoben sich gen Himmel, wo sie für den Bruchteil einer Sekunde hell aufloderten, in allen Farben des Spektrums, um dann wieder zu vergehen. Es war so kurz gewesen, dass niemand es bemerkte, was aber nicht hieß, dass es nicht passiert war. Doch er sah nichts von alledem, er sah nur den lodernden Hass in ihren Augen, die wütend zuckenden Mundwinkel und die gefährlich geschwungenen Augenbrauen. Beide waren von der Mauer herunter aufs Dach gestiegen. Sie kam einen Schritt auf ihn zu und er trat einen Schritt zurück. „Ich habe dich nie belogen,“ fauchte sie ihn an, „schon gar nicht an einem solchen Tag.“ Er versuchte ebenso bestimmt zu klingen wie sie: „Doch, das hast du. An jenem Tag habe ich dir gesagt, was ich für dich empfinde. Du hast mir damals gesagt, dass es nicht der richtige Zeitpunkt sei, dass du aber eines Tages, sicher in wenigen Monaten, zu mir kommen würdest und dasselbe zu mir sagen würdest, was ich zu dir gesagt habe. Aber du bist nie gekommen, hast nie das gesagt, was ich an diesem Tag im Wald zu dir gesagt habe. Ich habe lange darauf gewartet, bis ich endlich erkannt hatte, dass du gelogen hast.“ Sie gab keine Antwort. Ihre Schultern sanken resignierend herab und eine kleine Träne glitzerte in ihrem Augenwinkel. Wortlos legte sie sich wieder auf den Boden. Der glühende Zorn war in einem einzigen Augenblick verraucht, ihre Augen waren wieder sie selbst und leer zum Himmel gerichtet. Dumpfes Schweigen legte sich wie eine schwere Decke über die beiden, denn er wusste, dass es jetzt keinen Sinn mehr hatte, weiter nachzuhaken. Sie hatte gesagt, was zu sagen gewesen war und er auch – denn die Wahrheit ist meist ein dreischneidiges Schwert; eine Seite, die andere Seite und schließlich die Wahrheit. Sie würden dasselbe Gespräch wiederführen, an einem anderen Ort vielleicht, möglicherweise an einem, in dessen Nähe sich ein Leuchtturm befände, wenn der salzige Wind um ihre Körper peitschen würde, oder in einer Wüste direkt neben irgendeiner Oase. Sie hatten sehr viel Zeit und es würden noch viele Orte kommen. „Eines Tages werden wir wieder miteinander reden können, oder?“ Es überraschte ihn, dass sie so schnell wieder mit ihm sprach, aber er zuckte nur mit den Schultern und antwortete gelassen: „Das ist schon möglich. Niemand kann sagen, was in ein paar Tagen, Wochen oder gar Jahren geschehen kann. Aber für den Moment wissen wir beide, dass wir dieses Thema weglassen sollten. Es gibt einfach einen bestimmten Punkt und wenn zwei Menschen den überschritten haben, können sie nicht mehr zurück, selbst wenn sie es so sehr wollen wie du und ich.“ Hilflos biss er sich auf die Zunge – er hatte etwas ganz Anderes sagen wollen, etwas nettes, aufmunterndes, aber er konnte es nicht. Welche Macht zwang ihn nur dazu, so zu sein wie er war? Der Himmel flackerte ein wenig. „Vermisst du unsere Zeit manchmal, ein ganz kleines bisschen?“ Der Himmel begann etwas stärker zu flackern. „Jeden Tag vermisse ich unsere Zeit und manchmal glaube ich, dass wir einfach nur ein oder zwei dumme Sachen gesagt haben. Nichts, was man nicht wieder hinkriegen könnten.“ Der Himmel begann immer stärker zu flackern, sie deutete nach oben: „Am meisten fehlen mir unsere Gespräche. Wir konnten so gut miteinander reden, eigentlich immer aber das geht jetzt nicht mehr, denn das Gesagte steht zwischen uns – wie ein magischer Keil.“ Er nickte: „Vielleicht sollten wir das Thema einfach fallen lassen und abwarten, was sonst noch passiert.“ Beide begannen wieder zu grübeln und es wurde still auf dem Dach des Gebäudes.

Ein leises Knistern ließ beide auffahren. Es war nur ein sehr leises Rascheln gewesen und in jeder anderen Nacht hätten sie es vielleicht gar nicht gehört. Aber diese Nacht war anders; sie war ruhiger und die Luft schien jedes Geräusch zu verstärken und weiter zu tragen als sonst. Unwillkürlich fassten sie sich an den Händen und sahen zu der Metalltür, die vom Dach ins Treppenhaus führte. Sie stand weit offen, ein schwarzer Fleck in einer schwarzen Nacht. Vorsichtig und lauernd erhob er sich. Stand da nicht ein Schatten zwischen ihnen und der Türe? Ein großer Schatten, um dessen massiven Körper etwas wehte? „Carpe Noctem“, dröhnte ihnen eine Grabesstimme entgegen. Sie erzitterte unter der Stimme, als würde jemand mit einem riesigen Metallhammer direkt auf ihr Nervensystem einschlagen; jede Silbe war ein weiterer Hammerschlag. Sie riss sich von ihm los, hielt sich die Hände vors Gesicht und ging ein Schritt zurück. Von irgendwoher gingen die Hammerschläge weiter, aber sie konnte keine Worte mehr erkennen. Sie taumelte einen weiteren Schritt zurück. Kühle Nachtluft strich über ihren Rücken und eine drängende Stimme zischte in ihrem Kopf: „Es ist vorbei, noch ein Schritt und es ist vorbei.“ Die Stimme war zu mächtig, all ihre Kraft kam gegen das Dröhnen nicht an. Hilflos taumelte sie noch einen Schritt zurück, bis ihre Ferse gegen die Brüstung stieß und ihr Oberkörper nach hinten kippte.

Sie öffnete die Augen und sah die Welt in einem irren Tanz vor ihr taumeln, eine Welt, in der es kein oben und kein Unten mehr gab. Alles begann sich zu farbigen Linien, Spiralen und Kreisen zu vermischen. Ihr war klar, dass sie über die Brüstung des Gebäudes gestolpert war und jetzt in die Tiefe stürzte – ihrem unausweichlichen Tod entgegen. Warum hatte sie keine Angst? Warum lief ihr Leben nicht vor ihr noch einmal ab? Sie hatte keine Antworten auf diese Fragen.

Dann kam der Moment; etwas traf ihren Rücken, wie die Faust eines Riesen  aber es tat nicht weh, nicht im Geringsten. Sie lächelte den Sternen entgegen, die jetzt besonders schön aussahen. Nie zuvor hatte sie die Schleier der galaktischen Nebel sehen können, doch jetzt waren sie überall in allen Farben zu finden. Sie zogen über den Himmel, umgaben die Sternbilder – rot, blau, grün – gigantische Gasgebilde, aus dem Material, aus dem einst das ganze Universum bestanden hatte.

Eine angenehme Art von Müdigkeit senkte sich wie flüssiges Blei auf ihre Glieder. Es zog sie langsam nach unten, einer tieferen Art des Schlafes entgegen und so wie sie sich auch des Fallens bewusst gewesen war, glasklar, so war sie sich nun der Tatsache bewusst, dass sie jetzt sterben würde. Sie hatte immer geglaubt, dass der Tod etwas Schreckliches war, eine Sache, vor der man panische Angst haben musste, besonders dann, wenn es wirklich geschah. Aber im Grunde hatte sie keine Angst, sie war nur müde. Aus den Gasnebeln am Himmel bildete sich ein Gesicht, das Gesicht einer jungen, hübschen Frau, die verwirrt und ängstlich zu ihr heruntersah, sie formte mit den Lippen ihren Namen: Lexia, aber es war kein Laut zu hören. Lexia kannte die junge Frau gut, sie hieß Miranda. Aber wieso war sie hier?

Lexias Gesichtsfeld verengte sich. Ihre Kraftreservenwaren beinahe erschöpft.

„Ich hoffe nur, dass ich träumen werde“, waren ihre letzten Worte.

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